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Beängstigend intensiv Sidney Corbetts Oper „Das große Heft“ am Theater Osnabrück



Osnabrück. Nach dem letzten Ton herrscht – Stille. Erst nach einigen Momenten entlädt sich die Spannung im Osnabrücker Theater am Domhof, feiert das Publikum minutenlang die tief bewegende Uraufführung der Oper „Das große Heft“ von Sidney Corbett.

Vorangegangen sind hundert Minuten, die dem Publikum einiges abverlangen. Zugrunde liegt ein deprimierender Roman: „Das große Heft“ von Ágota Kristóf; Corbett und der Osnabrücker Intendant Ralf Waldschmidt haben es zum Libretto verdichtet. Darin erzählen Zwillinge, wie sie sich in Kriegszeiten mit den widrigen Verhältnissen arrangieren. Ihre Mutter bringt sie zur Großmutter aufs Land, und als Erstes wappnen sie sich gegen das Grauen, das der Krieg mit sich bringt: sexueller Missbrauch, Folter, Mord, die ganze Palette. Mit einem Abhärtungsprogramm machen sie sich gegen Schmerzen und Gefühle unempfindlich, schwingen sich aber auch auf zu erbarmungslosen Richtern über Leben und Tod.

Das „große Heft“ macht Ausstatter Etienne Pluss zum zentralen Bühnenelement. Aus den Seiten treten die Figuren auf, in sie hinein verschwinden sie wie Episoden des Buches, und die Zwillinge blättern darin als allwissende, wenn nicht sogar allmächtige Autoren.

Darstellen lässt Sidney Corbett die beiden Zwillinge, der Operntradition der Hosenrolle folgend, von Sopranen: Marie-Christine Haase singt mit ihren Koloraturen in höchsten Bereichen, Susann Vent verleiht ihrem Part die Wucht des dramatischen Soprans. Die Zwillinge gleichen sich bis aufs blonde Haar, aus den gleichen grauen Hosen hängt der gleiche Hemdzipfel. Auch musikalisch ähneln sich die beiden, singen, ganz in der Tradition des Kontrapunkts, ähnliche Phrasen, lösen sich mitten im Satz ab, sodass sich ein Gedanke auf zwei Köpfe verteilt, und wenn sich die Stimmen vereinen, wird deutlich, dass hier zwei Menschenähnlich ticken. Trotzdem lässt ihnen Corbett ihre Individualität. Und vereint sich der Gesang, klingt aus der Zweistimmigkeit mitunter Wehmut oder Sehnsucht nach einem Leben – häufig aber vereinen sich die beiden zu Dissonanzen, die scharf ins Gehör und ins Empfinden der Zuhörer schneiden. Und das mit einer Intensität, die sich den fantastisch singenden, intensiv agierenden Darstellerinnen Haase und Vent verdankt. Gegenpart und Bezugspunkt in einem bietet die Großmutter, mit umwerfender Präsenz dargestellt von der Bremer Kammersängerin Eva Gilhofer.

Nicht nur die Parts der beiden Jungen hat Corbett mit expressiver Melodik aufgeladen. Almerija Delic erinnert als Mutter der beiden mit ihrer glühenden Stimme an die Furien der Barockoper und trällert in ihrem Part als Magd des Pfarrers mit beiläufiger Intensität ein Lied, in dem osteuropäische Folklore anklingt – Corbetts kleine Reminiszenz an die ungarische Autorin Kristóf.

Brechen sich hier Emotionen Bahn, begegnet einem der Orchestersatz nüchtern und eisig wie der Roman. Melodik hat Corbett fast vollständig eliminiert; stattdessen arbeitet er mit Klangatmosphären – die Andreas Hotz brillant umsetzt. Der Osnabrücker Generalmusikdirektor lässt Klänge entstehen, die glitzern wie Eis – doch darunter brodelt und , stampft es. So mischt sich Farbe in die Klangsprache, brechen Klänge eruptiv aus. Dabei setzt Corbett in erster Linie auf Klangreibungen und rhythmisch verschleierte Tonwiederholungen. Umso beachtlicher ist die Umsicht, mit der Hotz diesen Orchestersatz auffächert und den ganzen Apparat zusammenhält – und wie konzentriert das Osnabrücker Symphonieorchester folgt.

Es ist nicht alles abgrundtief schlecht in dieser Welt: Die Kinder erfahren Hilfe durch einen Schuster (Genadijus Bergorulko), und in der Person der „Hasenscharte“ (die agile Ariane Ernesti) bricht so etwas wie ein Naturidyll herein. Allerdings werden das sonnige Licht auf der Bühne und die flirrende Musik gebrochen durch dieses gurrende Waldkind, dessen psychische Deformation eher verängstigt als belustigt. Wenn aber der Kinderchor mit Luftballons über die Bühne zieht, erklingt in der Klarinette tatsächlich mal eine Melodie, scheint für einen Moment die Utopie einer Welt nach dem Krieg auf.

Es sind dies die ruhigen Momente vor dem Showdown: Der Chor (Einstudierung: Markus Lafleur) zieht als Tross Deportierter über die Bühne, die beiden Jungen erleiden Folter durch einen Polizisten (Mark Hamman), erfahren sexuellen Missbrauch und, in einer bizarren Koppelung, Zuwendung durch einen Offizier (Jan Friedrich Eggers). Alexander Mays Inszenierung zeigt das in Bildern, die einerseits die Drastik der Geschichte einfangen, andererseits oft die nüchtern-distanzierte Perspektive der Romanautorin einnehmen, in- dem sie die Mechanismen des Theaterbetriebs nach außen kehrt. Doch gerade deswegen entfaltet dieses Stück eine Intensität, der man nicht entrinnen kann. Damit wird „Das große Heft“ zur stimmigsten Opernuraufführung, die das Haus seit Langem erlebt hat.

Weitere Aufführungen: 19., 22., 27. März. Kartentelefon: 0541/7600076


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