Bildhauerin auf dem Sprung Claudia Piepenbrocks erste Einzelausstellung im Marcks-Haus

Skulpturen wie gefangene Menschen: Bildhauerin Claudia Piepenbrock in ihrer Ausstellung im Bremer Gerhard-Marcks-Haus. Foto: Sandra Beckefeldt
Fotos: Gerhard Marcks Haus/Sandra BeckefeldtSkulpturen wie gefangene Menschen: Bildhauerin Claudia Piepenbrock in ihrer Ausstellung im Bremer Gerhard-Marcks-Haus. Foto: Sandra Beckefeldt Fotos: Gerhard Marcks Haus/Sandra Beckefeldt
Sandra Beckefeldt

Bremen. So kalt kann Gesellschaft sein: Claudia Piepenbrock gestaltet in ihrer ersten Einzelausstellung das Bremer Gerhard-Marcks-Haus als Abfolge aus Raumzonen von sehr unterschiedlicher Temperatur. Mit der Präsentation gelingt der Künstlerin ein beachtliches Debüt.

Gralspalast oder Hüpfburg, Arena oder Amüsiertempel? Was dieser Rundbau nun genau darstellt, ist nicht so einfach zu erkennen. Aber mit seinen offenen Zugängen und den kleinen Kuppeln in verführerischen Bonbonfarben lockt er wie ein Versprechen auf ein Leben im Gefühl der Zugehörigkeit. Wer aber schnell die Treppenabgänge nehmen und zu ihm eilen möchte, sieht sich jäh enttäuscht. Ein Gitter trennt uns von diesem Allerheiligsten. Die Mitte einer imaginären Gemeinschaft – sie bleibt unerreichbar, verschlossen.


Architektur und Skulptur

„Magazin“ nennt Claudia Piepenbrock ihren Zwitter aus Architektur und Skulptur, den sie mitten im Bremer Gerhard-Marcks-Haus platziert hat. Der Ausstellungsbesucher ist gewohnt, den zentralen Raum des kleinen Bildhauermuseums mit schwungvollem Gang die Treppe hinunter zu betreten. Die Künstlerin hat den gewohnten Durchgang aber versperrt und damit signalisiert, dass es ihr nicht nur um ausgestellte Objekte geht, sondern auch um Räume und die Frage, wie und für wen sie überhaupt zugänglich sind. Wer dieses Raumerlebnis mit einem politischen Anliegen verbindet, liegt hier genau richtig.  Hier weiterlesen: Bremer Gerhard-Marcks-Haus nach Umbau wieder eröffnet.

Künstlerin startet durch

Claudia Piepenbrock ist gerade einmal 29 Jahre alt und startet derzeit so richtig durch. Jede Menge Förder- und Nachwuchspreise, der Status als Meisterschülerin an der Bremer Hochschule für Künste: Piepenbrocks Weg in die arrivierte Kunstkarriere verläuft geradezu musterhaft. Das Bremer Gerhard-Marcks-Haus krönt diesen Parcours nun vorläufig mit der ersten Einzelausstellung in einem Museum. Geschafft? Ja, Claudia Piepenbrock hat es geschafft und wer ihre Ausstellung erlebt, wird ihr die Qualität nicht absprechen wollen. Denn die Bildhauerin geht nicht nur überlegen mit Material und skulpturalen Formen um, sie gestaltet auch ganze Räume sensibel und souverän.

Ein Raum wie eine Lounge: Blick in die Ausstellung von Claudia Piepenbrock im Bremer Gerhard-Marcks-Haus. Foto: Sandra Beckefeldt Fotos: Gerhard Marcks Haus/Sandra Beckefeldt

Gitter vor dem Saal

Allerdings hat sie für ihre Ausstellung im Marcks-Haus auch eine Carte Blanche erhalten. Das zeigt nicht nur der ungewöhnliche Einbau des Gitters vor dem zentralen Saal, sondern auch die Unterteilung der gewohnten Raumfolge in acht Zonen, die Claudia Piepenbrock ganz unterschiedlich gestaltet hat. „zustand in zonen“: Dieser Ausstellungstitel klingt nicht nur gut und trendy, er trifft auch die Kunst, die hier zu sehen und vor allem zu erspüren ist. Denn die Bildhauerin verleiht jeder Raumzone mit unmerklichen Eingriffen eine andere Temperatur. Das verändert auch das Ausstellungserlebnis. Diese Präsentation will nicht nur betrachtet, sie will vor allem körperlich erspürt werden.

Gekrümmter Körper

So frieren wir in einer Raumzone, in der ein Schaumstoffwinkel wie ein gekrümmter Körper auf einem Eisengestellt liegt. Wir winden uns im nächsten Raum durch Gittervorhänge, hinter denen drei Papierskulpturen wie Menschengestalten in Isolierhaft stehen. Wir holen Luft in der Fensterzone am See, in der zwei Schaumstoffplastiken und gelbe Neonröhren die Atmosphäre einer Lounge zitieren. Und wir dringen erst langsam vor zu jenem Pavillon, der mitten in der Ausstellung wie ein ferner Sehnsuchtsort thront. Claudia Piepenbrock separiert ihre Ausstellung in separierte Räume, die den Zonen einer Gesellschaft ähneln, in der Chancen auf Teilhabe sehr unterschiedlich verteilt sind.

Grenze, Transit, Passagier: Bildhauerei als politische Botschaft aus Neonröhren. Foto: Sandra Beckefeldt

Bild und Botschaft

In der Raumzone „Trans“ wird Piepenbrock dann explizit. Grenze, Passagier, Transit, Station: Diese vier Begriffe, aus 67 Neonröhren geformt, machen den Raum zu einem politischen Statement, das auf das Schicksal von Flüchtlingen anspielt. Claudia Piepenbrock macht auch aus diesem verbalisierten Statement eine geschickt, ja elegant gestaltete Rauminstallation. Es ist dieses Vermögen, die Balance zwischen Bild und Botschaft perfekt auszutarieren, mit dem sich Claudia Piepenbrock als Künstlerin von bereits beachtlicher Qualität ausweist.

Bremen, Gerhard-Marcks-Haus: Claudia Piepenbrock. Zustand in zonen. Bis 17. November 2019. Di., Mi., Fr.-So., 10-18 Uhr, Do., 10-21 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.


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