Streit um die Film-Auswertung Netflix vs. Kino: Wer will was? Wir haben gefragt

Martin Scorseses The Irishman: Unvorstellbar dass der Film mit Al Pacino und Robert De Niro nur im Netz läuft. Foto: Niko Tavernise / NETFLIXMartin Scorseses The Irishman: Unvorstellbar dass der Film mit Al Pacino und Robert De Niro nur im Netz läuft. Foto: Niko Tavernise / NETFLIX

Berlin. Gleich ins Netz oder erst auf die große Leinwand: Das sagen Netflix, Amazon und die Kinobetreiber zum Streaming-Streit.

Ob in Cannes, auf der Berlinale oder bei den Oscars: Sobald Produktionen von Streamingdiensten wie Netflix im Rennen sind, wird über die Auswertung gestritten: Ist ein Film nur dann ein richtiger Film, wenn er auch auf der großen Leinwand zu sehen war? Ist, wie Spielberg und Almodovar sagen, alles, das nur im Netz läuft, bloß Fernsehen? Die Fronten verlaufen vor allem zwischen Netflix und den Kinobetreibern. Wer will was? Wir haben die Beteiligten gefragt.

Hier lesen Sie einen Hintergrund zum Streaming-Streit.

Netflix lässt über einen Sprecher mitteilen

Wir investieren massiv in Filme und Serien aller Genres und arbeiten hart daran, dass Filmemacher die größtmögliche kreative Freiheit bekommen. Wie alle Filmliebhaber lieben auch wir das Kino. Und wir freuen uns, mit Verleihern zusammenzuarbeiten, um Netflix Originals in die Kinos zu bringen. „Roma“ zum Beispiel ist seit seiner ersten Veröffentlichung im vergangenen Jahr in über 1000 Kinos gelaufen, darunter 250 in den USA. Nur haben viele Menschen schlichtweg kein Kino in ihrer Nachbarschaft. Und falls doch, verfügt dieses unter Umständen über eine begrenzte Auswahl an Filmen. In diesem Sinne halten wir Auswahl-Optionen für essenziell und bereichernd. So möchten wir helfen, großartige Inhalte zu den mehr als 148 Millionen Mitgliedern von Netflix auf der ganzen Welt zu bringen. 

Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino

Der Streamingmarkt gerät in Bewegung. Mit Disney+ und Apple stehen zwei weitere Streamingplattformen in den Startlöchern. Auch Warner und Universal planen eigene Angebote. Wie Amazon Prime bekennen sich die traditionellen US-Studios anders als bislang Netflix zum für uns existenziellen Kinofenster, also der exklusiven Erstauswertung der Filme auf der großen Leinwand. Warum? Weil das Geschäftsmodell unverändert funktioniert. Auch Amazon Prime beweist schon jetzt, dass hiervon beide Seite profitieren.  

Lediglich Netflix verweigert seinen Filmen bislang eine reguläre Kinoauswertung und versucht, jegliche Regeln zu vermeiden. Abgesehen von wenigen Prestigeproduktionen, die der Streaminggigant mit massiven Kampagnen beworben hat, sind die meisten Filme weitgehend unsichtbar geblieben.

Hingegen schafft das Kino als kollektiver Raum die Sichtbarkeit der siebten Kunst und verankert diese im gesellschaftlichen Diskurs. Denn als kultureller Ort ist Kino mehr als eine Wiedergabeplattform. Verbunden mit dieser Leistung ist auch eine monetäre Wertsteigerung, von der die nachfolgenden Auswertungsmedien profitieren. Unverändert ist das Kino die Herzkammer eines Films.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Konkurrenz schiebt Netflix nun seine Filmproduktion massiv an. Wir hoffen, dass Netflix in diesem Zuge eine echte Kinostrategie verbunden mit regulären Kinoauswertungen für die Produktionen entwickelt, die dezidiert für die große Leinwand hergestellt wurden. Dabei setzen wir auch auf die Kreativen, die ihre Werke genau dort sehen und im kollektiven Gedächtnis verankern wollen.

Eine fruchtbare Zusammenarbeit für beide Seiten ist auf dieser Grundlage einfach möglich. Wir sind jederzeit offen dafür.

(Die „AG Kino – Gilde e.V.“ vertritt die Interessen von über 300 unabhängigen Filmkunst- und Programmkinos.)

FFA-Präsident Bernd Neumann, Staatsminister a.D.

Es wäre wünschenswert, wenn die Streamingdienste die kinogeeigneten ihrer Filme einer regelrechten Auswertung im Kino zuführen und dabei die Sperrfristen beachten würden. Davon würden nicht nur die Kinos profitieren, sondern auch die Streamingdienste selbst, weil sie den Aufmerksamkeitsschub durch den Premiumort für Filme, der das Kino ja nun mal ist, nutzen könnten.“

(Die FFA, also die Filmförderunganstalt, ist Deutschlands nationale Filmförderung. Produktionen, die aus ihrem Etat unterstützt wurden, müssen die Sperrfristen für die Auswertung in Kino, DVD-Markt, TV und Streamingdiensten einhalten.)

Amazon teilt über einen Sprecher mit:

Die Amazon Studios fühlen sich dem Leinwanderlebnis verpflichtet. Mit der Kinoauswertung etwa von „Manchester by the Sea“, „The Big Sick“ und „Cold War“ haben wir große Erfolge verbucht; gerade planen wir den landesweiten Kinostart von „Late Night“ im Juni. Kinos sind ein wichtiger Teil unseres Geschäftsmodells, zumal wir das Angebot erweitern und ausbauen. Allerdings sind wir flexibel in der Auswertungsstrategie, können sowohl „Wide Releases“ als auch „Platform Releases“* anbieten oder Filme direkt auf Prime Video starten. Wir tun, was für den Film am besten ist, und peilen immer das größtmögliche Publikum an. Wir glauben, jeder Film ist anders und sollte über seine gesamte Lebensdauer wohlüberlegt, mit Sorgfalt und von demselben hauseigenen Team begleitet werden.

(* Als „Platform Release“ bezeichnet die US-Branche einen Filmstart in weniger als 600 Kinos, wobei oft nur die Großstädte bespielt werden, beim landesweiten „Wide Release“ laufen Filme überall in den USA und Kanada. Der Beitrag ist aus dem Englischen übersetzt.)

Martin Turowski, Vorstand des HDF KINO e.V.

„Das Kino ist die Königsdisziplin für audiovisuelle Werke. Die Herausbringung auf der großen Leinwand trägt nicht nur zur Veredelung eines Filmes bei, sie generiert auch einen ökonomischen Mehrwert für die an der Herstellung beteiligten Akteure. Dieses Leistungsspektrum steht allen zur Verfügung, die sich an eine einfache grundsätzliche Bedingung halten – ein exklusives Auswertungsfenster für das Kino.“

(Der HDF, also der Hauptverband Deutscher Filmtheater e.V., vertritt die Interessen von 620 Kinobetreibern. )

Sebastian Selig, Fan-Aktivist

Filme auf Streaming-Plattformen wirken noch einmal deutlich flüchtiger und damit noch deutlicher weniger wertvoll als alle anderen Heimmedien. Sie sind kein Event mehr, auf welches man sich einlässt, wie das Kino und man kann sie auch nicht mehr in Händen halten wie noch eine Videokassette oder DVD/Blu-ray. Netflix müsste demnach ein Grundinteresse am Kino als Aufwertungselement für seine Werke haben. Ohne Kino, ohne das sich Draufeinlassen und Feiern von Filmen als großes, sinnliches, packendes, überragendes Erlebnis bleibt nicht viel mehr als ein kurzfristiges Aufblitzen im Coverflow der Benutzeroberfläche von Netflix. Und das war es dann.

Folge: Keine Filmgeschichte mehr und vor allem keine große emotionale Bindung mehr vonseiten der Zuschauer – höchstens noch eine mittelfristige, kettet man sie über ein paar Staffeln an Serien. Die Filmkultur wird dadurch massiv abgewertet. Netflix ohne Kino ist ganz schnell nicht mehr viel wert.

Was Netflix aber umgekehrt auch für das Kino Wertvolles bietet ist ein neuer, viel weiter greifender Zugang. Wenn Menschen schneller und mit einer größeren Vielfalt auf Filme zugreifen können, vermag das auch Horizonte zu erweitern.

Kinos, die sich wieder stärker auf ihre Rolle als leidenschaftliche und kundige Programmmacher besinnen, könnten dank Netflix auf eine noch breitere Auswahl an Werken zugreifen. Dazu braucht es aber auch Raum, gegenseitigen Respekt und ein Mindestmaß an Auswertungsfenstern. Netflix darf sich nicht immer nur so wenig wie möglich bewegen. Es bedarf jetzt ein paar großer Gesten, man muss das sichtbar ernst meinen mit dem Sich-aufeinander-zu-Bewegen. Wenn das jetzt nicht erfolgt, sehe ich eine ganz große Gefahr. Wir werden beobachten können, wie die Art, wie wir Filme wahrnehmen, massiv den Bach runtergeht in den kommenden Jahren. Das gilt es größtmöglich zu verhindern. Gemeinsam.

(Der Cineast Sebastian Selig hat sich in der Debatte um den Kinofilm „Under the Skin“ einen Namen gemacht, der erst nach Protesten von Fans einen Leinwandstart erhalten hat.)

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