Film über Manson-Morde "Once Upon A Time": Tarantino traut sich was

Von Jens Hinrichsen

Leonardo DiCaprio (Mitte) als Rick Dalton, Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Al Pacino als Marvin Schwarzs in einer Szene des Films «Once Upon A Time In... Hollywood» Foto: Sony Pictures Entertainment /dpaLeonardo DiCaprio (Mitte) als Rick Dalton, Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Al Pacino als Marvin Schwarzs in einer Szene des Films «Once Upon A Time In... Hollywood» Foto: Sony Pictures Entertainment /dpa

Osnabrück. Tarantino traut sich was: In „Once Upon A Time in Hollywood“ bezieht sich der Kultregisseur auf die Manson-Morde, die 1969 Los Angeles erschütterten. Wie ein Damoklesschwert hängt eine historische Bluttat über der Handlung von Quentin Tarantinos neuem Film. Dabei erzählt der mit Gewaltorgien bekannt gewordene Regisseur im Kern eine andere Geschichte.

Doch die Mordnacht des 9. August 1969, auf den der Plot von „Once Upon A Time in Hollywood“ unerbittlich zusteuert, verdüstert als böse Vorahnung jedes Filmbild. Die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier Besuchern des Hauses am Cielo Drive in Los Angeles, während Tates Ehemann Roman Polanski abwesend war, schockierte Hollywood. Bis heute – bis auf Tarantino – hat sich niemand getraut, das Massaker als Filmstoff zu verwenden. 

Dabei lebt Hollywood von Gewalt, die in der Traumfabrik meistens ästhetisiert wird. Tarantino bildet keine Ausnahme. Aber vor echten Abgründen schreckt Hollywood eher zurück. So haben sich – bis auf Gus van Sant und Michael Moore – wenige Regisseure kritisch mit den durch US-Waffengesetze beförderten Massaker an Schulen und anderen öffentlichen Orten auseinandergesetzt. Hintergrund der Morde von vor 50 Jahren war der Wahn eines Rassisten Psychopathen namens Charles Manson, der auf einer Ranch bei Los Angeles eine sektenartige Hippie-Kommune gegründet hatte und seine Jünger zu einer Reihe von Mordtaten aufhetzte. Bis zu seinem Tod im Gefängnis 2017 blieb Manson für rechtsextreme Gruppen eine Kultfigur. Blutig verlor das Flower-Power-Narrativ seine Unschuld. Auch diese Bildstörung passte bisher nicht recht ins Hollywood-Schema.

Starbesetzung

„Once Upon a Time in Hollywood“ – der Titel eine Hommage an Sergio Leone, den König der Italowestern und Slow-Motion-Massaker – erzählt vor allem von zwei Männern, für die Gewaltdarstellung das tägliche Brot bedeutet. Beide sind fiktive Figuren. Leonardo di Caprio spielt den zweitklassigen Seriendarsteller Rick Dalton, Brad Pitt gibt Daltons Stunt-Double Cliff Booth. Der Film ist zunächst ein Buddy-Movie, das Tarantino immer wieder mit den historisch verbrieften Ereignissen verknüpft und so mit Spannung auflädt.

Während Cliff irgendwo am Rand eines Drive-In-Kinos in einem Wohnmobil lebt, kann sich Rick von seiner Seriengage immerhin ein üppiges Haus am Cielo Drive leisten – in direkter Nachbarschaft zu Polanski und Tate. (Sowohl Roman Polanski als auch Charles Manson kommen nur als Nebenfiguren vor.) Stuntman Cliff hält auch in schlechteren Tagen zu seinem Freund, den das Saufen seinen Führerschein gekostet hat. Cliff chauffiert Rick in Hollywood herum oder repariert dessen Fernsehantenne.

Von Hitchcock gelernt

Der Flirt mit einer Hippie-Frau am Straßenrand bringt Cliff einmal gefährlich nah an Mansons Hippie-Ranch, die Tarantino als Verwahrlosungs-Hölle zeichnet. In der Szene, in der Cliff versehentlich ins Epizentrum des Sekten-Terrors eindringt, passiert nichts – außer den Schrecknissen, die sich in den Zuschauerköpfen abspulen. Das Publikum hinhalten, mit Erzählmustern jonglieren – das hat Tarantino von Hitchcock gelernt.

Seine Darsteller, inklusive der zahlreichen Nebenfiguren einer feinverästelten Handlung, sind großartig. DiCaprio brilliert als weinerlicher, aber sympathischer Hollywood-Absteiger, der gegen seine dümmlichen Drehbuchtexte rebelliert. Pitt verkörpert mit unnachahmlicher Lässigkeit den heimlichen Helden, der mit liebevoller Hingabe seinen Kampfhund füttert, für den abgehalfterten Star den Kopf hinhält und sich für seine Ideale mit Stunt-Kollegen prügelt. Überraschend wird Sharon Tate (stark: Margot Robbie) zur dritten Protagonistin. Ein Unschuldsengel, der sich in die eigenen Filme setzt und sich kindlich über die erhofften Publikumsreaktionen während der Vorstellung freut. Natürlich möchte man nicht, dass diese reine Seele am Ende ihr Leben lassen muss. Wer Tarantino-Filme wie „Inglorious Basterds“ – in dem Hitler einen gerechten Filmtod in einem brennenden Kino stirbt – oder „Django Unchained“ gesehen hat, weiß immerhin, dass der Kultregisseur nicht davor zurückscheut, die historischen Tatsachen für einen effektvollen Showdown zurechtzubiegen.

Was hinsichtlich des Schlusses nicht überrascht, so viel sei verraten, ist die Tarantino-übliche Brutalität der Darstellung. Trotzdem ist die Gewalt in „Once Upon a Time in Hollywood“ überraschend gering dosiert. Auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gewaltextremismus des Kinos selbst, mit einem Kino, das mit voyeuristischen Schaueffekten auch Anheizer von Gewalt sein kann, wartet man allerdings vergeblich. Tarantino will wohl doch nur „spielen“. Am Ende bleibt die schlichte Western-Moral: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Soll das ein Kommentar auf zeitgenössische Exzesse in der Trump-Ära sein? Das ist zu wenig.


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