Neue Ausstellung Tate Modern feiert Welterforscher Olafur Eliasson

Von Nicole Büsing, Heiko Klaas

„Your planetary window“ von Olafur Eliasson. Foto: Heiko Klaas„Your planetary window“ von Olafur Eliasson. Foto: Heiko Klaas

London. Die Londoner Tate Modern feiert den Welterforscher Olafur Eliasson mit einer Bestandsaufnahme seines Werks.

Dicke Wassertropfen bedecken eine große Fensterscheibe. Immer wieder vereinigen sie sich zu Rinnsalen, die das Glas herablaufen und den Blick auf die in sommerliches Licht getauchte Bebauung gegenüber der Londoner Tate Modern trüben.Regen ist in der britischen Hauptstadt nichts Besonderes. Die Regentropfen, von denen hier die Rede ist, sind jedoch artifizieller Natur. Erdacht hat sie sich der in Berlin arbeitende dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson, Jahrgang 1967. Seine Arbeit „Regenfenster“ ist in der großen Londoner Werkschau zu sehen, die unter dem Titel „Olafur Eliasson: In Real Life“ noch bis Januar rund 40 teils spektakuläre Arbeiten und Installationen aus der Zeit zwischen 1990 und 2019 versammelt.

Eliasson ist in der Tate Modern kein Unbekannter. 2003 erregte er mit seiner begehbaren Installation „The Weather Project“ internationale Aufmerksamkeit. Mehr als zwei Millionen Besucher kamen damals, um die gelb leuchtende künstliche Sonne in der ikonischen Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerks zu erleben.

Die aktuelle Ausstellung zeigt, inwiefern sich Eliassons künstlerische Produktion seit Anfang der 1990er-Jahre diversifiziert hat und wie stark sie mittlerweile von Kooperationen mit den unterschiedlichsten Akteuren aus Kunst, Kultur und Wissenschaft geprägt ist. Gleichzeitig beweist sie aber auch, wie konsequent er bestimmte Fragestellungen über Jahrzehnte hinweg verfolgt. So wird er eine 1999 entstandene Serie mit Farbaufnahmen isländischer Gletscher im Laufe der Schau mit Aufnahmen aus dem Jahr 2019 konfrontieren, um das dramatische Abschmelzen des Eises zu demonstrieren.

Neben künstlerischen Assistenten beschäftigt Eliasson Architekten, Programmierer, Archivare, Natur- und Gesellschaftswissenschaftler verschiedener Disziplinen, Techniker, Choreografen und Köche in seinem rund 100 Personen umfassenden Berliner Studio. Der Ansatz ist ein ganzheitlicher: Multidisziplinäre Teams unterstützen ihn bei der Realisierung hochkomplexer Arbeiten, die unsere Sinne auf die Probe stellen. So zum Beispiel die Arbeit „Your Blind Passenger“. Eliasson schickt die Ausstellungsbesucher durch einen 39 Meter langen Korridor, der mit dichtem Kunstnebel und gelbem Licht gefüllt ist. Der Betrachter ist gezwungen, auf die Schritte, das Atmen und die Stimmen der anderen Besucher zu horchen und seinen Tastsinn einzusetzen, um unfreiwillige Zusammenstöße zu vermeiden und sicher an das andere Ende des Tunnels zu gelangen.

Arbeiten wie diese sind auf den ersten Blick unterhaltend und gemeinschaftsstiftend. Ist Eliasson daher bloß ein technisch versierter Illusionist oder doch eher ein humanistisch gebildeter Metaphysiker auf der Suche nach dem „Großen Ganzen“, der uns sanft, aber bestimmt dazu anleitet, uns ein eigenes Bild von der hinter den Dingen liegenden, hochkomplexen Wirklichkeit zu machen? Wohl eher Letzteres. Egal, ob er uns durch kaleidoskopartige Tunnel schickt, um uns so das eindimensionale Sehen auszutreiben, oder uns in seiner Installation „Beauty“ im künstlichen Regen die Spektralfarben des Lichts erschauen lässt – Olafur Eliasson gelingt es wie kaum einem anderen Künstler seiner Generation, ganz großes Welttheater zu veranstalten, ohne dabei ins Kunstgewerbliche abzurutschen.

Im letzten Raum entführt die Schau den Betrachter ins Berliner Studio, das längst zu einem wichtigen „Think Tank“ für das ganzheitliche Nachdenken über drängende Fragen der Menschheit wie Klimawandel, Ökologie, Migration, Energiewende, Zukunft der Arbeit oder gesunde und nachhaltige Ernährung geworden ist. Hunderte Studien, Statistiken, Fotos von Wolken und Gletschern, bunte Post-its und andere Materialien füllen hier eine gigantische Pinnwand, die Einblick in die Diskussions- und Ideenfindungsprozesse innerhalb des Studios gewährt. Als Retrospektive möchte Eliasson die Londoner Schau übrigens nicht verstanden wissen, eher wohl als eine Art Zwischenbilanz. Denn, so der Künstler anlässlich der Eröffnung der Ausstellung: „Ich hoffe, noch weitere 30 Jahre zu arbeiten.“


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