Deutsche Autoren mit Pseudonym Carolina Conrad, Mario Lima, Gil Ribeiro: Der Portugal-Krimi boomt

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Osnabrück. Ob Sie nun Carolina Conrad oder Mario Lima, Gil Ribeiro oder Luis Sellano heißen - Portugal-Krimis deutscher Autoren mit portugiesischem Pseudonym sind gerade voll im Trend. Manche bieten beste Urlaubslektüre, andere kann man getrost nach ein paar Seiten aus der Hand legen. Ein Überblick:

Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland. Alles Länder im Süden Europas, alles Länder am Meer. Allesamt Sehnsuchtsorte von Millionen Deutschen. Alle größer als Portugal. Alles Schauplätze von Krimis, die deutsche Autoren meist unter Pseudonymen verfassen, die sie wie Einheimische erscheinen lassen. Aber das Boom-Land der sogenannten Urlaubskrimis ist zumindest in diesem Jahr – Portugal.  (Wie aus dem idyllischen Fuseta ein Krimi-Hotspot wurde)

Natürlich spielen sämtliche Portugal-Krimis da, wohin die Deutschen am liebsten reisen oder sich deutsche Auswanderer gerne niederlassen – entweder an der ebenso faszinierenden wie abwechslungsreichen Algarveküste oder aber in den charmestrotzenden Großstädten Lissabon und Porto. Die an der Algarve angesiedelten Krimis von Gil Ribeiro und Carolina Conrad wurden an dieser Stelle schon ausführlich behandelt, also geht’s jetzt nach Norden.  (Carolina Conrad über Portugal, die Algarve und ihre Krimis)

Oskar Rauch ist Lektor beim Heyne-Verlag und kennt sich aus – sein Haus veröffentlichte sowohl die bislang vier Lissabon-Krimis von Luis Sellano als auch den zweiten Porto-Krimi von Mario Lima. „In den Sommermonaten suchen viele Leser genau das: Einen spannenden Krimi, der sie in die Ferne mitnimmt,“ erklärt Rauch auf Anfrage unserer Redaktion. „Ich bin sicher, das Buch wird viele Leser finden.“

Mario Lima: Das Buch, von dem der Lektor spricht, heißt „Tod in Porto“, ist erst vor einigen Wochen erschienen und vielleicht der beste aller bislang veröffentlichten Portugal-Krimis. Geschrieben hat ihn Mario Lima, der eigentlich Manfred Lührs heißt, aber schon seit Jahren im Norden Portugals lebt.

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Ein Riesenvorteil, wie Lektor Rauch meint: „Er spricht fließend Portugiesisch, kennt die Eigenheiten des Landes und seiner Bewohner. Der Lokalkolorit ist dabei nicht nur Staffage, sondern prägt die Krimihandlung mit: Die Geschichte könnte nirgendwo sonst auf der Welt spielen, und diese Authentizität spürt man beim Lesen. Abgesehen davon ist ,Tod in Porto‘ auch einfach ein sehr spannender und rasanter Krimi.“

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Da kann man ihm nicht widersprechen, Lührs alias Lima schreibt tatsächlich so, dass man sehr müde sein muss, um seine Bücher wieder aus der Hand zu legen. Und er verzichtet im Gegensatz zu den Kollegen und Kolleginnen auf deutsche Protagonisten, die es auf welche Art auch immer in den Süden verschlagen hat. Sein Inspektor Fonseca ist ein waschechter Portugiese, ebenso das Team, mit dem er in Porto ermittelt.

Seinen ersten Porto-Krimi „Barco Negro“ hatte Mario Lima noch im Eigenverlag herausgebracht und damit nicht nur die Kollegin Bettina Haskamp begeistert, die weiter im Süden ihre Algarve-Krimis schreibt und unter dem Pseudonym Carolina Conrad veröffentlicht. „Tod in Porto“ führt nun das eigentlich auf dem Absprung in den Urlaub stehende Team Fonsecas in die brasilianische Unterwelt der Traumstadt am Atlantik.

Getrost weglegen

Hanne Holms: Ebenfalls in Porto spielt „Fado fatal“ von Hanne Holms, aber das ist schon so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit mit den Büchern von Mario Lima. Und auch zu den anderen Portugal-Krimis gibt es einige Unterschiede. Hier schreibt niemand unter Pseudonym, sondern eine deutsche Reisejournalistin, der zu jedem Hotspot ein Krimi einfällt. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie „Balearenblut“, letztes Jahr waren es die „Italienischen Intrigen“, nun also „Fado fatal“.

Die Heldin übt praktischerweise denselben Beruf aus wie die Autorin und stößt überall, wo sie hinkommt, auf ein Verbrechen. Kein Pseudonym also, aber auch keine Klasse. Wenn schon auf der zweiten Seite ein vermutlich übler Zeitgenosse „böse grinsend“ einen Umschlag mit zerstoßenen Rasierklingen aus der Tasche zieht und nach vollbrachter Schandtat „zur nächsten Gasse huscht“, darf man das Buch getrost vorzeitig zur Seite legen. Oder vielleicht noch mal zu Mario Lima, Carolina Conrad oder Gil Ribeiro greifen.

Der Begründer des Genres

Luis Sellano: Ein ganz anderes Kaliber ist da Luis Sellano, findet Heyne-Lektor Oskar Rauch. Sellano, im wahren Leben ein Schwabe mit Namen Oliver Kern, gehört in Sachen Portugal-Krimi zu den älteren Eisen und hat bereits vier Romane mit der Hauptfigur Henrik Falkner veröffentlicht, einem deutschen Ex-Polizisten, dem sein Onkel ein Antiquariat in der Altstadt von Lissabon hinterlassen hat. Die betagte Bude erweist sich schnell als wahrer Verbrechensmagnet und verschafft Falkner mehr Ermittlungsarbeit als er vermutlich in seiner aktiven Zeit als Polizist hatte.

„Einen Autor wie Luis Sellano wünscht sich natürlich jeder Verlag,“ sagt Lektor Rauch. „Sein Krimi ,Portugiesisches Erbe‘ hat das Genre praktisch begründet. Alle seine Bücher haben nach Erscheinen den Sprung in die Top 20 der Bestsellerliste geschafft. Fast noch mehr freut uns aber, dass sie sich zu echten Longsellern entwickelt haben. Band 1 verkauft sich seit mittlerweile drei Jahren hervorragend. Übrigens auch in den Wintermonaten.“

Was bei der Lektüre von Band 4, „Portugiesisches Blut“, ein wenig verwundert. Denn da verzettelt sich Kern alias Sellano in zahllosen Handlungssträngen, fügt jede Menge unwahrscheinlicher Zufälle aneinander, kann trotz portugiesischer Hitze seinem Helden die Blässe nicht nehmen und erzeugt trotz langer Wege durch die Stadt nur wenig Lissabon-Flair.

Der Trend hält an

Sei’s drum, Lektor Rauch glaubt, dass der Trend erst mal noch eine bisschen anhält: „Portugal hat eine unglaublich spannende Geschichte. Das Land ist reich an kulturellen Schätzen, und landschaftlich vielseitig. Gleichzeitig ist es als Urlaubsziel noch relativ neu, verglichen etwa mit Italien. Auch das ist Teil der Faszination. Stockfisch und Vinho Verde sind nicht so allgegenwärtig wie Pizza und Chianti. Es gibt einfach sehr viel Neues zu entdecken.“

Und fünf Portugal-Krimis findet er auch nicht übermäßig viel: „Natürlich ist Platz für mehrere Autoren. Es ist ja nicht fünfmal derselbe Krimi. Portugal ist ein vielseitiges Land, das man aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Einfachstes Beispiel: Luis Sellanos Henrik Falkner ist in Lissabon unterwegs, Mario Limas Inspektor Fonseca ermittelt in Porto. Beides Portugal, und trotzdem liegen Welten dazwischen.“

Dabei hat er glatt die Algarve-Krimis von Carolina Conrad und Gil Ribeiro vergessen. Die sind zwar nicht aus seinem Verlag, aber auch lesenswert.


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