Malerei in der Kunsthalle Bremen Karin Kneffel schaut ins Aquarium der Moderne

Karin Kneffel: Ohne Titel, 2013. Privatsammlung. Courtesy Schönewald, Düsseldorf. Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Achim KukuliesKarin Kneffel: Ohne Titel, 2013. Privatsammlung. Courtesy Schönewald, Düsseldorf. Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Achim Kukulies 

Bremen. Sie war Schülerin von Gerhard Richter, heute ist sie selbst ein Star: Karin Kneffel. Die Kunsthalle Bremen zeigt 150 Werke der Malerin. Auf fotorealistisch wirkenden Bildern spielt sie mit der Illusion des Abbildes - und mit dem Abgesang auf die Moderne.

Die Hoffnung leuchtet so hell wie immer. Aber wen kümmert das? Von der Wand des Restaurants im New Yorker Seagram-Building strahlen Robert Indianas Bildwürfel mit dem Schriftzug „Hope“, Hoffnung. Darunter macht ein Mann einfach sein Nickerchen. Wir sind wie er, bewohnen die Moderne aus Pop Art und Bauhaus wie ein Glashaus des Konsums. Aber dem Optimismus ist die Puste ausgegangen. Lethargie macht sich breit. Karin Kneffel malt den Blick in den legendären Bau von Ludwig Mies van der Rohe als Spiel aus lauter Lichtreflexen auf riesigen 180 mal 240 Zentimetern. Ein banales Motiv ist das nicht, eher ein letzter Rausch vor dem Verlöschen. Die Zeiten haben sich geändert. Die Moderne ist vorbei. Kneffel malt ein Abschiedsbild. 


Sie malt gegen den Trend

Karin Kneffel wird Anfang der neunziger Jahre mit seltsam würdevollen Tierporträts berühmt. Hähne, Stiere, Lämmer – die ganze Tierparade im quadratischen Kleinformat hängt auch in ihrer aktuellen Ausstellung. Die Kunsthalle Bremen präsentiert mit rund 150 Gemälden und Grafiken eine satte Retrospektive der 1957 in Marl geborenen Malerin. Die junge Kneffel malt, was man nicht malen soll, von Tier bis Wohnzimmer, und sie malt, wie man nicht soll: fotorealistisch. Die frühere Meisterschülerin von Gerhard Richter arbeitet gegen den Mainstream von Abstraktion, Installation, Konzeptkunst an. Jetzt ist sie selbst ein Star, der Standards setzt – auch die einer neu erstarkten Malerei.

Wassertropfen auf Fensterscheiben

Blicke durch Fenster, auf denen Wassertropfen schweben, sind die Spezialität ihrer Kunst einer schwebenden Doppelbödigkeit. Kneffels Räume wirken wie Aquarien. Oder wie Sets aus einem Film von Alfred Hitchcock, aufgeräumt und doppelbödig zugleich. Bei Karin Kneffel kippt die Normalität aus ihrer Balance. Alles wird fragwürdig. Menschen wirken seltsam fremd, Schlafwandler ihres Lebens. Ob glitzernde Fensterscheiben oder Spiegeleffekte – Karin Kneffels Bilder inszenieren ein Verwirrspiel der Blickrichtungen und Perspektiven, das raffiniert, bisweilen aber auch ein wenig zu ausgedacht wirkt. Der auf Hochglanz polierte Realismus ihrer Bilder täuscht. Kneffel zeigt, dass Bilder eben nichts als Bilder sind, immer nur Duplikat vermeintlicher Realität.

Karin Kneffel: Ohne Titel, 2018. Privatsammlung. Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Achim Kukulies

Katalog der Moderne

Verlässliche Referenzpunkte liefert nur die Kunst. Kneffel inszeniert sie in ihren Bildern wie einen Galeriekatalog der langsam, aber sicher entschwindenden Moderne. Die Künstlerin setzt Wilhelm Lehmbrucks Frauenskulpturen in Szene, Ludwig Mies van der Rohes Krefelder Fabrikantenvillen oder die berühmte Kerze ihres Lehrers Gerhard Richter. Kunst möbliert die Moderne. Und Karin Kneffel macht ihr die skeptische Bilanz auf. Denn Kunstwerke wirken in den Räumen wie die Ausstattungsstücke einer Epohe, deren Ruf nach einem neuen Leben verhallt ist. Es bleibt nur bunte Dekoration wie die der „Hope“-Bilder von Pop Art-Künstler Robert Indiana, unter denen der Mann sein Schläfchen hält - im Restaurant eines legendären Wolkenkratzers im International Style der westlichen Welt.

Kommentar über die Kunst

Karin Kneffels Bilder sind Kunst über Kunst und zugleich Kommentar über eine historische Zwischenzeit. Wir schauen zurück auf die Moderne, die unser Leben mit ihrer Ästhetik und ihren Befreiungsbewegungen geformt hat, wissen aber noch nicht, was uns in jenen Räumen der Zeitgeschichte erwartet, die sich nach dem Fall der Mauer und den Anschlägen vom 11. September geöffnet haben. Kneffels berühmter Künstlerkollege Neo Rauch arbeitet sich gleichfalls am Zeichenvorrat dieser inzwischen entwerteten Epoche ab. Er sampelt Biedermeierfiguren mit Sozialistischem Realismus. Kneffel mixt Bauhaus mit Verwaltungsfachleuten. Beide schreiben kurze Briefe zu einem sehr langen Abschied von einer heroischen Zeit, an der sie mit ihrer Kunst trotzdem noch teilhaben wollen. So oft Kneffel die Kunsträume ihrer Bilder mit rotem X auch durchstreicht – mit jedem ihrer Gemälde schreibt sie sich selbst in das imaginäre Museum großer Meister ein. Das wirkt bisweilen reichlich gewollt und in den letzten Jahren auch immer häufiger ermüdend. Es scheint, als dürfe das Projekt der Moderne nicht zu Ende sein, ein Projekt, dem die Kunst nicht nur die farbige Schauseite vorgeblendet, sondern auch die Programmatik eingeprägt hat.

Karin Kneffel: Ohne Titel, 1996. Privatsammlung, Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Achim Kukulies

Bremen, Kunsthalle: Karin Kneffel: Still. Bis 29. September 2019. Di., 10-21 Uhr, Mi.-So., 10-17 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN