Serie "Die Zukunft des Gedenkens" Die digitale Erinnerungskultur ringt um die Zukunft

Nah an den realen Zeitzeugen: Screenshot vom Internet-Auftritt des Online-Archivs "Zwangsarbeit 1939-45". Bildquelle: Interview-Archiv "Zwangsarbeit 1939-45"Nah an den realen Zeitzeugen: Screenshot vom Internet-Auftritt des Online-Archivs "Zwangsarbeit 1939-45". Bildquelle: Interview-Archiv "Zwangsarbeit 1939-45"

Osnabrück. Die Zeitzeugen sterben aus und machen das Erinnern an den Holocaust schwerer. Doch die digitale Erinnerungskultur macht aus dieser Not eine Tugend und schlägt mit unterschiedlichen interaktiven Verfahren eine Brücke gerade auch zu sehr jungen Leuten.

Die Zeitzeugen des Holocaust sterben aus. Damit geht die persönliche Nähe und damit eine wirksame, emotional beteiligte Form des Erinnerns an ein dunkles Geschichtskapitel verloren. Daher wird seit einigen Jahren intensiv an alternativen Wegen des Gedenkens gearbeitet. Zwar bleiben die traditionelle Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in Form von  Filmen, Fernsehdokumentationen, Büchern oder Gedenkstättenbesuchen relevant, fördern also die kritische Auseinandersetzung, so die Studie "MEMO Deutschland - Multidimensionaler Erinnerungsmonitor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld vom April 2019. Doch vor allem für jüngere Generationen muss zeitgemäßer vermittelt werden, damit Erinnerungskultur nicht verblasst oder gar von Rechtspopulisten in Frage gestellt werden kann, so der Tenor in Fachkreisen. Weniger textlastig und mehr audiovisuell, jederzeit leicht verfügbar und möglichst interaktiv soll erinnert und die Brücke zum eigenen Leben geschlagen werden. Digitale Erinnerungskultur lautet hiefür das Stichwort und sie versucht, aus der Not abnehmender zeitlicher Nähe eine Tugend zu machen. Natürlich ist schon das Internet selbst ein riesiges Supergedächtnis mit seinem fast unbegrenzten Zugang zur privaten und offiziellen Quellen und Dokumenten. Doch es gibt Projekte mit speziellen Verfahren, um Erinnerung zukunftsfähig zu machen. 

Holt junge Leute in ihrer Gegenwart ab: Screenshot vom Projekt #Uploading_holocaust.

Virtuelle Zeitzeugen

Hier einige Beispiele: Konkret auf den endgültigen Abschied von den Zeitzeugen reagiert seit 2010 das Projekt "New Dimensions in Testimony der USC Shoah Foundation" in Kalifornien. Es will möglich machen, auch noch in ferner Zukunft eine virtuelle Unterhaltung mit Holocaust-Überlebenden zu führen. Interviews mit Holocaust-Überlebenden werden als Film zur Verfügung gestellt. Doch nicht nur das: Um auf die so fruchtbaren Dialog-Situationen zwischen Zeitzeugen und Besuchern nicht verzichten zu müssen, beantworteten die Überlebenden über 1500 Fragen zu ihrer Lebens- und Verfolgungsgeschichte. Sie wurden dabei von Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt. Diese Aufnahmen machen nicht nur lebensgroße 3-D-Projektionen möglich. Künftige Generationen können dem virtuellen Zeitzeugen auch Fragen stellen, die er beantwortet.

Ähnlich nutzt das "National Holocaust Center" mit Sitz im englischen Nottinghamshire neue Technologien. Seit 2016 haben Besucher des "The Forever Project" die Möglichkeit, den Holocaust-Überlebenden Steven Frank zu "treffen" und zu befragen, aber unter dem Stichwort "Heroes, Legends and Icons" auch andere Prominente von Lady Di bis zum Astrophysiker Stephen Hawking.

Lernen anhand von Interviews 

Nah an realen Zeitzeugen bleibt auch das Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945" und setzt aufs Lernen mithilfe von Interviews. Sechs Überlebende aus verschiedenen Ländern berichten von ihren Erfahrungen und Lebensgeschichten, Hintergrundfilme informieren über Zwangsarbeit, Entschädigungen und "oral history" als Quelle. Dokumente, Lexikon oder Karten helfen, die gestellten Aufgaben online zu bearbeiten.

Auf biografisches Lernen und "history telling" setzt das Anne Frank Zentrum in Berlin bei seiner Hauptzielgruppe von Schülern der 5. bis 8. Klasse. Objekte aus der Gegenwart vermitteln zwischen damals und heute und knüpfen so an das eigene Leben an. Die Besucher können sich interaktiv an der Ausstellung beteiligen und selbständig Bilder hinzufügen. Vollständig online funktioniert das Tool "Flucht im Lebenslauf ". Biografisches Lernen mit Jugendlichen". Filmclips und Biografietexte stellen die Lebensgeschichte dreier geflüchteter junger Frauen vor: Anne Frank aus Deutschland, Hava aus dem Kosovo und Marah aus Syrien. Anhand von Methoden-Bausteinen können sich Jugendliche mit den historischen Dimensionen von Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung auseinandersetzen.

Beliebte YouTube-Videos

Empirische Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche stärker an Online-Angeboten zu Nationalsozialismus und Holocaust interessiert sind als an Fachliteratur. Auch tauschen sie sich darüber online deutlich mehr mit Anderen aus als Ältere. Genau darauf sind viele Projekte zum digitalen Erinnern zugeschnitten. Die Tatsache, dass private Videos bei Jugendlichen beliebter sind als offizielles Anschauungsmaterial, greift das Multimedia-Projekt #uploading_holocaust auf. Das webbasierte Lerntool vermittelt einen Weg, wie Erinnern künftig funktionieren könnte. Gezeigt wird ein Dokumentarfilm, der komplett aus privaten YouTube-Videos besteht. Israelische Schüler haben sie von den üblichen Klassenfahrten in ehemalige Konzentrationslager angefertigt, ins Netz gestellt und in sozialen Netzwerken geteilt. Ein interaktiver Fragebogen erkundet nun die Reaktionen deutschsprachiger Jugendlicher auf die israelischen Videos und fragt nach Berührungsängsten zwischen den jungen Nachfahren der Opfer- und Tätergesellschaften. Ihre Meinung bekommen die User sofort als Echtzeitvisualisierung und Stimmungsbild im Vergleich zu Anderen präsentiert und können das reflektieren und diskutieren.

Spezialisten für Erinnerungskultur: Aleida und Jan Assmann bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Die beiden Wissenschaftler wurden 2018 für ihre Forschungen zur Erinnerungskultur von Gesellschaften ausgezeichnet. Foto: Arne Dedert/dpa

So pädagogisch effizient solche Tools auch sein mögen, es gibt auch Skeptiker wie die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die auf die generelle Flüchtigkeit und Unzuverlässigkeit von Daten im Netz verweisen. Und auf die Schnell- und Kurzlebigkeit der technischen Entwicklungen, die auch die neuen Spielarten der digitalen Erinnerung bald überholt. Digitale Erinnerung bleibt also ein Prozess, der viele Wandlungen durchlaufen muss, soll sie nicht auf der Strecke bleiben. 

So prachtoll und intakt wie die Neue Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße sind nicht viele Synagogen in Deutschland. Virtuelle Rekonstruktionstechniken können da Abhilfe leisten. Foto: Gero Breloer/dpa

Wer ganz herkömmlich die realen Gedenkstätten selbst aufsuchen möchte, dem kann neue Technik wiederum bei der Vergegenwärtigung des kaum mehr Vorhandenen helfen: Historische Bauwerke wie Synagogen oder Lager, selbst ganze Stadträume können virtuell rekonstruiert, simuliert oder mit Virtual Reality-Brillen durchschritten werden und zoomen so Geschichte heran. Auch einer der vielen neuen Wege, wie die Erinnerungskultur den Sprung in Zukunft schaffen könnte.


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