Zentrum für barrierefreies Lesen Bilder mit Händen betrachten: Zugang zu Literatur für Blinde

Von Ute Grundmann

Spezielle Techniken machen Abbildungen auch für blinde Menschen zugänglich. Foto: DZBSpezielle Techniken machen Abbildungen auch für blinde Menschen zugänglich. Foto: DZB

Leipzig. Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig bietet Menschen mit Sehstörungen Zugang zu Literatur.

Die „Mona Lisa“ kann man auch mit den Händen betrachten, spezielle Reliefs machen es möglich. Die Finger helfen auch beim Lesen – dafür gibt es die Brailleschrift. Das sind nur einige der Dinge, die die Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig Betroffenen anbieten und so deren Leben einfacher machen kann. 1894 gegründet, ist sie die älteste Blindenbibliothek in Deutschland und soll nun, im 125. Jahr ihres Bestehens, zum „Zentrum für barrierefreies Lesen“ verwandelt werden – die Digitalisierung macht es möglich.

„Als Bibliothek und Produktionsstätte beseitigen wir Barrieren – für mehr gesellschaftliche Partizipation, mit dem Ziel der Inklusion von Menschen mit Behinderungen.“ So beschreibt Thomas Kahlisch, Direktor der DZB, die neue Aufgabenstellung. Trotz der Umbenennung wollte man möglichst nahe am vertrauten historischen Namen bleiben und zugleich signalisieren, dass man ab Herbst diesen Jahres auch für Legastheniker zuständig ist.

Etwa 1,2 Millionen blinde oder sehbehinderte Menschen gibt es in Deutschland. Für sie durften bisher nur Bücher in Brailleschrift und Hörbücher hergestellt werden, der Vertrag von Marrakesch, ins deutsche Urheberrecht eingefügt, macht jetzt auch Produktion und Verleih von Bücher in Maxidruck und E-Books für die Betroffenen möglich, erklärt Ronald Krause von der DZB die veränderte Situation.

„Allen, die aufgrund einer Lesebehinderung keinen Zugang zu Büchern haben“, will man Unterstützung bieten, so beschreibt es Ronald Krause. Im Norden gibt es dafür zum Beispiel auch die „Norddeutsche Hörbücherei e.V.“ in Hamburg. Ins Leipziger Ephraim-Carlebach-Haus, wo die DZB ihren Sitz hat, muss niemand kommen. Es gibt gar keinen Lesesaal, sondern die 65000 Medien werden per Fernleihe verschickt oder sind elektronisch verfügbar. Die Betroffenen müssen ihre Behinderung per Schwerbehindertenausweis oder Attest nachweisen, um als Nutzer des kostenlosen Angebots aufgenommen zu werden. Hergestellt werden die Medien von der DZB oft selbst, sie verfügt über Tonstudio, Druckerei und Binderei, produziert auch auf Kundenwunsch, setzt etwa Kompositionen in Braillenoten um, deutschlandweit einzigartig.

Immer noch sind „95 Prozent der Literatur für Blinde und Sehbehinderte nicht zugänglich“, bemängelt Krause, „deshalb sind die neuen digitalen Möglichkeiten mit ihren völlig neuen Endformen“ so wichtig, das E-Book sei „ein sehr hilfreiches Format, das sehbehinderte Nutzer bedarfsgerecht einstellen können“. Dabei sind die „neue barrierefreie Zugangswege über Smartphones und Apps eine ungemein wichtige Hilfe“, die vor allem von Jüngeren genutzt werden.

Auch Rat kann man sich im Zentrum für barrierefreies Lesen holen: Welche Geräte sich für Daisy-Hörbücher eignen, kann man per Telefon oder Mail erfragen oder Louis (Leipziger Online-Unterstützungs- und Infoservice) nutzen.

Und man erfindet auch immer wieder Neues.: Die Kinderbuchreihe „Klapperlapapp“ zum Beispiel, auf deren Seiten immer neue Formen und Oberflächen entstehen, die Kinder ertasten können. Und manchmal muss es ganz schnell gehen: Die Vorlage zur TV-Saga „Game of Thrones“, „Das Lied von Eis und Feuer“, gibt es jetzt in allen sieben Braillebänden. Und als der „Potter-Hype“ losbrach, verteilte man die Bücher für die fixe Umsetzung in Brailleschrift auf mehrere Häuser.


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