"Lost in Fuseta" von Gil Ribeiro Wie aus dem idyllischen Fuseta ein Krimi-Hotspot wurde

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Osnabrück. Mord ist, wo die Seele baumelt. Immer mehr Autoren siedeln ihre Krimis da an, wo andere Menschen gerne Urlaub machen. Passend zur Ferienzeit stellen wir die lesenswertesten Urlaubskrimis vor. Den Anfang macht das an der Algarve spielende "Lost in Fuseta" von Gil Ribeiro, der zurzeit erfolgreichste Portugal-Krimi.

„Fuseta in der hereinbrechenden Dunkelheit eines Hochsommerabends wurde zu einem magischen Ort, der auf jede Sehnsucht eine Antwort bereithielt. Dieses Kleinod, ein Rudiment aus glorreichen Fischertagen, das einfach nicht verschwinden wollte, mit Generationen alter Familien, für die das hier die Heimat war, war von Touristenströmen verschont geblieben. Im Rücken begrenzt durch die Anhöhe ins Hinterland hinauf, nach vorne durch die Lagune, deren Wasser flach bis zur vorgelagerten Insel reichte, an deren tiefem, einsamem Sandstrand selbst die gewaltigsten Atlantikwellen ausliefen…“

Nein, das ist weder aus einem schönfärberisch formulierten Prospekt der portugiesischen Tourismusbehörde noch der Auftakt zu einem Algarve-Pilcher. Es ist der Beginn eines Kapitels in einem der zurzeit erfolgreichsten deutschen Kriminalromane: „Lost in Fuseta“. Drei Bücher dieser Reihe hat ein gewisser Gil Ribeiro bislang veröffentlicht und durch sechsstellige Verkaufszahlen Bekanntschaft mit den Bestsellerlisten gemacht. Damit ist er eindeutig die Gallionsfigur der hierzulande immer erfolgreicheren Portugal-Krimis.

Kommissar mit Asperger-Syndrom

„Lost in Fuseta“ klingt wie eine Anlehnung an Sofia Coppolas wunderbaren Film „Lost in Translation“. Aber das ist eine falsche Fährte. Lost heißt in diesem Fall mit Vornamen Leander und ist ein etwas aus der Norm gefallener Hamburger Kommissar. Im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms hat es ihn ins beschauliche Örtchen Fuseta an portugiesischen Sandalgarve verschlagen hat. Der junge Schlaks hat das Asperger-Syndrom, trägt auch in der größten Hitze einen schwarzen Anzug samt Lederkrawatte und verhält sich häufiger mal ein bisschen merkwürdig.

In Hamburg hatten ihn die Kollegen deshalb ausgegrenzt und schließlich abgeschoben, in Portugal aber wird der „Alemao“ nach anfänglichem Erstaunen über seine Eigenarten integriert. Von seiner ebenso herzensguten wie temperamentvollen Chefin Graciana Rosado, deren jüngeren Schwester Soraia und dem ewig hungrigen Kollegen Carlos Esteves. Ihnen hilft er mit seinen Inselbegabungen wie dem fotografischen Gedächtnis, ihre Fälle zu lösen.

Autor mit Pseudonym

Gil Ribeiro, der diesen Figuren erschaffen hat, ist nicht etwa Portugiese, wie der Name vermuten ließe. Es handelt sich vielmehr um den erfolgreichen deutschen Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt (Tatort, „Nord bei Nordwest“, „Gladbeck“), der sich hinter diesem Namen verbirgt. Und da es sich um ein sogenanntes offenes Pseudonym handelt, legt der 53-Jährige im Gegensatz zu manchem Kollegen Wert darauf, dass der Leser schon im Klappentext darüber informiert wird.

Nach Portugal habe es ihn erstmals 1988 durch einen Zufall verschlagen erfahren wir da weiter. „Ich bin damals mit zwei Freunden nach Marokko gereist, aber wir mussten Hals über Kopf wieder weg da, weil ein sehr einflussreicher, reicher Marokkaner großes Interesse an meinem Kumpel hatte und man uns nahelegte, im eigenen Sinne das Land zu verlassen,“ erläutert Schmidt im Gespräch mit unserer Redaktion den Klappentext.

Wein und Zigaretten

„Wir sind dann noch nachts los und mein Freund wurde so krank, dass er Blut spuckte. Wir sind über die Straße von Gibraltar zurück nach Europa gereist und dann in Tavira gelandet. Er wurde dann quasi von der Hausmutter unserer Unterkunft wieder gesund gepflegt. Das war so rührend, dass die Portugiesen sozusagen im Vorbeigehen unser Herz gewonnen haben.“

Schließlich sei das Trio damals in Sagres gelandet, erzählt Schmidt weiter: „Wir saßen bei Wein und Zigaretten an offenen Zugtüren, die Landschaft schob sich gemächlich vorbei, und es hätte einen damals nicht gewundert, wenn Clint Eastwood auf dem Pferd in dieser kargen, schönen Landschaft vorbeigeritten wäre. Und in dem Alter fühlten wir uns natürlich unsterblich.“  (Hier gibt es das komplette Interview)

Foto: Ira Zehender


Seine Krimis habe er dann in Fuseta etwa 20 Autominuten östlich von Faro angesiedelt, weil es „in gewissem Sinne das Ende der Welt sein sollte“. Das sei ihm dramaturgisch wichtig gewesen für seine Hauptfigur Leander Lost.

Heute bezweifelt der Autor allerdings, ob das die richtige Entscheidung gewesen ist, weil er sich um Fusetas Unberührtheit sorgt: „Ich höre mittlerweile, dass Menschen wegen meiner Bücher dahin reisen und muss ehrlich sagen: Ja, ich habe diese Sorge und fände es wirklich fatal. Ich hätte nie gedacht, dass die Bücher so erfolgreich werden, und freu mich natürlich auch darüber. Aber wenn ich sie noch mal schreiben würde, dann würde ich ein geschlossenes Pseudonym wählen und einen Fantasieort an der Algarve erfinden, den niemand finden kann, weil es ihn nicht gibt.“

Der andere Blick

Als Holger Karsten Schmidt alias Gil Ribeiro seinen Leander Lost erfand und mit dem Asperger-Syndrom ausstatte, hatte die Welt noch nicht von Greta Thunberg gehört. Jenem schwedischen Mädchen, das mit seinem Schulstreik fürs Klima zur Ikone einer ganzen Generation heranzuwachsen scheint und ebenfalls eine „Aspergerin“ ist. Und die Tatsache, dass er im schwäbischen Asperg wohnt, habe nichts mit seiner Entscheidung zu tun, betont Schmidt. Auch wenn er und sein Verlag immer wieder gefragt werden, ob das ein Marketing-Gag sein soll.

Wichtiger war ihm die Außergewöhnlichkeit seines Helden: „Er hat dadurch einen anderen Blick auf die Welt als wir. Da ist einmal Tragik – er sitzt der Frau seines Lebens gegenüber und merkt es nicht. Dann sind da sehr viel komische Momente. Aber vor allem die nachdenkenswerten Augenblicke: Warum lügen wir Menschen so oft? Was ist der Sinn von Mode? Von Rücksicht? Und warum hat Leander Lost bei einem Kuss das Gefühl, man spritze ihm Kontrastmittel?“

Wie einst Mr. Spock

Die Erbarmungslosigkeit von Losts Logik gleiche der eines Mr. Spock, sagt Schmidt. Ganz wichtig sei ihm aber auch gewesen, „dass ein Andersartiger in einer Gemeinschaft aufgenommen wird. Man könnte ihn verstoßen wie seiner Hamburger Kollegen oder ihn einbinden – die Portugiesen binden ihn ein“.

Schmidt recherchierte ausführlich zum Thema Asperger, setzte sich lange mit einer Expertin zusammen, gab ihr seine Manuskripte zu lesen und las etliche Fachbücher über den Asperger-Autismus. Das hat sich gelohnt: „Mittlerweile bekomme ich eine ganze Reihe von Leserbriefen und viele Leute schreiben mir: Unser Sohn oder unsere Tochter ist auch Asperger und ich erkenne ihn oder sie in so vielen Dingen wieder. Das finde ich sehr berührend. Allzu weit liege ich also hoffentlich nicht daneben.“

Auch wenn die Liebe des deutschen Autors zu Portugal im Allgemeinen und Fuseta im Besonderen auf jeder Seite seiner Bücher spürbar ist – einen Umzug an die Algarve kann er sich nur schlecht vorstellen. Und das nicht nur wegen der sozialen Kontakte daheim: „Man sollte in so einem Wunschland mal einen Winter verbracht haben und eine Wurzelbehandlung über sich ergehen lassen haben. Vielleicht wird’s ja ein Ferienhaus – mal sehen, wie Lost sich so macht,“ sagt er. Und lacht.


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