Vor dem Open-Air-Konzert in Osnabrück Muskelpaket Tzimon Barto mag am Klavier leise Töne

Der US-amerikanische Konzertpianist Tzimon Barto auf dem Domvorplatz. Foto: David EbenerDer US-amerikanische Konzertpianist Tzimon Barto auf dem Domvorplatz. Foto: David Ebener
David Ebener

Osnabrück. Zum Open-Air-Konzert "Klassik unter den Sternen" mit dem Symphonieorchester Osnabrück werden am Freitagabend 1850 Zuhörer erwartet. Neben Holst und Filmmusik aus "Star Wars" gibt es Tschaikowski zu hören. Der Solist sieht nicht nur ungewöhnlich aus, sondern trägt auch einen ungewöhnlichen Namen – und das freiwillig.

Muskelbepackte Armen, kahl rasierter Kopf und braungebrannte Haut – Tzimon Barto passt eher zum typischen Bild eines Touristen, nicht eines Pianisten. „Man hebt Gewichte nicht mit den Fingern“, entgegnet der 56-Jährige. Beim ausverkaufte Open-Air-Konzert heute Abend ab 20.30 Uhr auf dem Domvorplatz spielt der amerikanische Star-Pianist mit dem Symphonieorchester Osnabrück Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1. Das epische Meisterwerk gehört zum Standardrepertoire der Konzerthäuser, gilt gleichzeitig als Herausforderung unter Pianisten. 

Statt eines feurigen Beginns setzt Barto auf sanfte Töne. „Es wird schon anders sein“, kündigt er an. Barto mag die Spannung zwischen klassizistischen und romantischen Elementen der Komposition. „Das ist ein Gesang wie ein Lied. Das ist viel schöner und edler, finde ich“, sagt er. 

Die Sorgfalt für Phrasen in einem Werk habe er sich vom Gesang abgeschaut. „Für mich ist inzwischen alle Musik Belcanto. Rihm ist belcanto, Bach ist belcanto, Haydn ist belcanto – indem ich alles phrasiere“, beschreibt Barto seine Leidenschaft für den italienischen Gesangsstil aus dem 16. Jahrhundert. Für die Interpretation sei es allerdings unerheblich, aus welchem Land eine Komposition komme. „Für mich ist Musik nicht russisch, französisch oder italienisch“, sagt er. 

Dabei faszinieren ihn verschiedene Kulturen. Seit sechs Jahren lernt er Chinesisch. Zwei Stunden täglich lerne er die Schriftzeichen, um sie sich besser einzuprägen. Außerdem spricht Barto neben seiner Muttersprache Englisch noch fließend Deutsch, Französisch und Italienisch. Er hätte noch gerne Persisch oder Sanskrit gelernt. „Ich habe schon gemerkt, wenn man älter wird, dass man nicht mehr so schnell lernen kann“, merkt der 56-Jährige an. „Ich muss nächstes Jahr noch Spanisch lernen, weil ich durch Südamerika fahre“, sagt er. 

Seine Reisen sorgen dafür, dass die Sprachen frisch bleiben. In den Achtzigerjahren feierte er seinen Durchbruch, ist seitdem durchgehend gefragt und veröffentlicht Einspielungen – nächstes Jahr soll Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ folgen. Eine Pause, wie häufig beschrieben, gab es nicht. „Ich weiß nicht, woher das kommt“, sagt er. „Das stimmt nicht.“ 

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Was wohl stimmt ist, dass der Pianist seit etwa zehn Jahren nur noch vom Blatt spielt. Und das nach eigenen Angaben mit gutem Grund. Durch das Auswendiglernen gehen ihm die Bezeichnungen, wie für die Dynamik, verloren. „Wer will schon sein Leben damit verbringen, so etwas auswendig zu können?“, fragt Barto. Ein weiterer Vorteil: "So kann ich auch 15-20 verschiedene Concerti in einem Jahr spielen", begründet er die Erweiterung seines Repertoires.

Die Interpretation eines Werkes ist dem Amerikaner dennoch wichtig. „Natürlich mache ich alles, was der Komponist geschrieben hat – das ist einfach“, betont Barto. Doch es fehle viel. Beesonders bei Bach und Haydn, die wenig Bezeichnungen haben, brauche er zusätzliche Hilfestellung. „Es gibt viel mehr Bezeichnungen von mir in meinen Noten als vom Komponisten“, sagt der Pianist. Eine Ehrfurcht vor großen Meistern hat er dabei nicht:„Ich glaube, ein Stück Musik – das gehört mir.“ 

Aufgewachsen ist der charmante Sonnyboy im Sonnenschein-Staat Florida. So kultiviert, wie er heute rüberkommt, war sein Umfeld allerdings nicht. „Wir hatten nur eine Kapelle, wir hatten kein Orchester“, sagt er über die „kulturelle Wüste in der Mitte von Florida“. Über seine Großmutter hat er seine Leidenschaft für die Oper entdeckt. „Ich habe Opernauszüge gespielt, deswegen kann ich sehr gut vom Blatt spielen“, sagt Barto.

 Als 11-Jähriger habe er sogar selbst eine Oper geschrieben zusammen zu Shakespears „Viel Lärm um Nichts“. Das Libretto habe seine Babysitterin geschrieben. Aufgeführt wurde die Oper allerdings nicht. „Es war furchtbar.“ Mit seinem Vater habe er Duette gesungen, erzählt er, zum Beispiel als Violetta und Alfred aus Verdis „La Traviata“. „Seine Stimme war nicht trainiert, aber er klang wie ein italienischer Tenor“, erinnert sich Barto an seinen Vater

Mit ihm teilt dem Vater sich den Namen – John Barto Smith. „Er war Johnny, zu mir sagen alle Barto“, erklärt er. Den Künstlernamen Tzimon Barto legte er sich auf Rat seiner Klavierlehrerin zu. Doch die hatte nur gescherzt. Es war zu spät, die ersten Plakate mit dem neuen Namen waren schon gedruckt. Das Pseudonym macht ihm durchaus Probleme, denn in Amerika könne kaum jemand den Namen aussprechen. „Das ist wie Pizza“, erklärt er den Beginn seines neuen Vornamens.

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Humor besitzt der amerikanische Star-Pianist. Über den Kraftbereich im Fitnessstudio, wo sich die Männer mit immer höheren Gewichten gegenseitig übertrumpfen wollen, sagt er: „Es ist lustig, wie ein Theaterstück.“ Fünf- mal die Woche trainiert er für eine halbe Stunde, das genüge, sagt Barto. Aber er gibt durchaus zu: „Ich übertreibe alles.“   

Er ist sehr diszipliniert. „Mein Tagesablauf ist jeden Tag gleich, auch wenn ich auf Reisen bin“, sagt er. Erst Sport, dann sechs Stunden schreiben, anschließend ein bis eineinhalb Stunden Klavierspielen, Chinesisch üben. „Und dann lese ich für zwei Stunden in verschiedenen Sprachen, bis ich ins Bett gehe“, erklärt Barto. 

Deswegen sei sein Koffer auch immer voller Bücher, denn ein elektrisches Gerät kommt dafür nicht infrage. „Da bin ich ein Dinosaurier in diesem Aspekt“, sagt er über sich selbst. Ein Smartphone hat er auch nicht.

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Die Literatur ist seine zweite große Leidenschaft: „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Als Pianist bin ich ein Interpret. Als Schriftsteller bin ich ein Autor.“ Seit Jahren arbeitet er an seinem Roman „The Stelae“, in Form eines Tagebuch eines Jungen. 

Dafür bereist er alle Kontinente, verarbeitet so ein Stück weit auch den frühen Tod seines Sohnes, der mit 17 Jahren durch einen epileptischen Anfall starb. „Ich habe die Geschichte angefangen zu schreiben, bevor mein Sohn gestorben ist, das ist das Merkwürdige“, sagt Barto, der immer wieder überrascht, mit seinem feinen Sinn besticht und aufzeigt, dass die Details auch in leisen Tönen stecken. Ganz gemäß seinem Motto: „Du gewinnst an Ohren, wenn du pianissimo spielst.“


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