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Stadtkörper in der Wandlung Von Venedig nach Berlin: Papenburger Gut Altenkamp zeigt Zeichnungen und Grafiken von Rolf Escher

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Papenburg. Sie sehen aus, als seien sie ein wenig aus der Zeit gefallen. Ihre Körper haben sie in weite Umhänge gehüllt, ihre Köpfe unter ausladenden Dreispitzen versteckt. Zwischen den Arkaden des Markusplatzes huschen sie dahin, späte Gäste einer verblichenen Epoche. Karnevalsspuk, Theaterspiel, bloße Sinnestäuschung? „Nachspiel in Venedig“ nennt Rolf Escher seine gezeichnete Darstellung dieser unwirklichen Szenerie.

Beim Gang durch die Ausstellung des Zeichners und Grafikers im Papenburger Gut Altenkamp wirkt es so, als sei sein ganzes Werk ein einziges Nachspiel. Denn der 1936 geborene Rolf Escher, der auf Ausstellungen in der Staatsbibliothek Berlin ebenso zurückblickt wie auf Präsentationen im Essener Museum Folkwang, in Osnabrück, auf Schloss Clemenswerth in Sögel und an vielen anderen Orten, spürt Zeiten nach, die nicht einfach vergangen, sondern in Architekturen, in Bücher oder Dinge als Erinnerungsspur eingegangen sind. 136 Zeichnungen, Radierungen, Lithografien und Aquarelle fügen sich zu einer Schau, die fast die Dimension einer kleinen Retrospektive annimmt. Der Künstler zeigt Motive aus Berlin, wo er ein Atelier unterhält, den „Sanssouci“-Zyklus, Sujets aus italienischen Städten, in die der Künstler immer wieder zurückkehrt. Dazu kommen Blätter aus großen Werkgruppen wie den „Bücherzeiten“, eindringlichen Darstellungen von Büchern und Bibliotheken im Zeitalter medialen Wandels.

Rolf Escher hat aber auch den barocken Herrensitz Altenkamp selbst zum Motiv gemacht. In diesem Haus nicht nur auszustellen, sondern es auch zu zeichnen, bedeutet mehr als eine Höflichkeitsgeste. Rolf Escher begreift das Haus nicht nur als Hülle einer Ausstellung, sondern als Ort, der im Moment der Präsentation für das eigene Werk sprechend wird. Historische Architektur avanciert bei Escher zum Relikt einer Vergangenheit, die Gegenwart prägt und bedingt. Deshalb hat er Altenkamp gezeichnet – als Schatzkästlein der Kunst wie der vergangenen Zeit, die in den Formen historischer Architektur gespeichert ist.

Seine subtil inszenierten Zeitreisen inszeniert der Künstler immer wieder mit Motiven Venedigs. Der im Regen verschwimmende Markusdom, späte Gäste auf stillen Treppen, das verschlissene Mobiliar im Café Florian – die Lagunenstadt erscheint im Blick Eschers wie ein schöner, aber fadenscheinig gewordener Gobelin. Die Venedig-Bilder formen den Auftakt der Ausstellung. Sie stellen den Blick des Betrachters für alle weiteren Blätter ein. Vor allem die Berlin-Darstellungen gewinnen so eine ganz neue Dimension. Ob das Alte Museum im Winter, der Abriss des Palastes der Republik oder ein stilles Treppenhaus mit hoch aufragendem Wandspiegel – die deutsche Hauptstadt wird als Stadtkörper sichtbar, der eine schmerzhafte Verwandlung durchlebt.

Rolf Eschers Blick entdeckt in jedem Gegenstand die Spuren unaufhaltsamer Alterung. Deshalb auch kehren auf seinen Bildern jene Objekte immer wieder, die den Schwund der Zeit thematisieren und den Wunsch, Erinnerung zu bewahren. Die Uhr, der alte Koffer, das gepanzerte Insekt: Eschers Dingwelt etabliert ein Areal, das von der Zeit ausgespart zu sein scheint. Müssen wir uns dann noch darüber wundern, dass sich auf einem gerade entstandenen Blatt vor dem Gut Altenkamp Figuren aus den Gemälden des Rokoko-Malers Antoine Watteau ihr sehr verspätetes Stelldichein geben? Natürlich nicht. In Rolf Eschers Kunstwelt sind alle Vergangenheiten als unverlierbare Gegenwart präsent. Wie tröstlich.

Papenburg, Gut Altenkamp: Rolf Escher. Menschenräume Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen 2000–2012. Bis 28. Oktober. Di.–So. 10–17 Uhr. www.gut-altenkamp.de


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