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Sprudelnde Lebensfreude trifft wütenden Todestrieb

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237 Minuten Liebeswahn: Szene aus „Love Exposure“, der heute in der Lagerhalle gezeigt wird. Foto: Rapid Eye Movies237 Minuten Liebeswahn: Szene aus „Love Exposure“, der heute in der Lagerhalle gezeigt wird. Foto: Rapid Eye Movies

Wohltuend unprätentiös, entspannt und souverän wie sein Eröffnungsfilm „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ präsentiert sich das 7. Festival des neuen japanischen Films dieses Jahr im Haus der Jugend, dem Cinema-Arthouse und in der Lagerhalle.

In „Nokan“, dem Oscar-Preisträger für den besten fremdsprachigen Film 2009, zeigte sich auch gleich das Festival-dominierende Thema: Eros und Thanatos fanden sich selten so unverblümt in so inniger Umarmung wieder wie in der Geschichte des arbeitslosen Cellisten Daigo, der sich auf eine Stelle als Reiseleiter bewirbt. Ein Missverständnis, wie sich herausstellen wird. Denn seine Aufgabe ist es, Verstorbene in ritueller Zeremonie auf die letzte Reise vorzubereiten. Die gut bezahlte, krisenfeste Tätigkeit hat nur einen Fehler: Im vom Shinto geprägten Japan sind der Tod und alle damit einhergehende Phänomene tabuisiert, Kontakt mit Toten gilt als zutiefst unrein. Soziale Ausgrenzung und Trennung von der Frau sind für Daigo unvermeidbar. Doch zuvor klammert sich der erstmals mit Tod und Verwesung in Berührung gekommene voller Lebensgier an den schönen Körper seiner jungen Frau.

Der ewige Tanz von Lebens- und Todestrieb wird auch in „Liebestoll im Abendrot – Tasogare“ vorgeführt, wenn die schüchterne, streng traditionelle Gattin auf dem Sterbebett ihren Mann bittet, noch einmal ihr Geschlecht zu berühren. Auch in Takechi Kitanos Künstlerporträt „Achilles and the Tortoise“ hält der Tod reiche Beute, diesmal aber ohne Eros’ tröstenden Beistand.

Eine besonders gefährliche Verquickung geht das ewige Paar in „Love Exposure“ (heute um 19.30 Uhr in der Lagerhalle) ein, der seine Kritik an christlichem Buß- und Sühne-Verhalten in ein aufregendes und wildes Gewand verpackt: Ein braver Schüler, ein reuiger Priester, missbrauchte Mädchen, Rache, Perversionen, Sakrales und Profanes – das alles und mehr lassen 237 Minuten Liebeswahn wie im Fluge vergehen.

Natürlich drängt sich angesichts des prall gefüllten Programms die Frage auf: Warum findet das Festival des neuen japanischen Films nur alle zwei Jahre statt? Die Antwort ist ernüchternd. Das bisherige Team mit Christina Szász, Gunnar Kählke und Olaf Perrey wurde zwar durch Jonas Kückelmann und Sven Spöde erfolgreich verstärkt. Doch die Organisatoren arbeiten nach wie vor alle ehrenamtlich. So ist ein Festival im jährlichen Rhythmus wohl utopisch.

Die spannungsreichen polaren Gegensätze und das scheinbar düstere Treiben zwischen Leben und Tod wurden aufgefangen durch die hervorragende Versorgung der geistigen, körperlichen und seelischen Ebenen: Das Geistige bekam hochwertige Nahrung von der Leinwand und in den von Yuka Binder-Ojima geleiteten Workshops. Der Körper wurde mit Sushi und beim Film-Frühstück gehaltvoll versorgt, derweil das seelische Element durch die Shiatsu-Massagen von Cordula Töpfer nachhaltige Stärkung erfahren konnte.

Das Festival ist angekommen. So darf man jetzt schon gespannt sein auf das Jahr 2011 mit dem 8. Festival des neuen japanischen Films.


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