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05.06.2019, 17:50 Uhr KOMMENTAR

Wirbel um Bloggerin: Der Holocaust als Erfolgsrezept?

Ein Kommentar von Maik Nolte


Preisgekrönt: Im Frühjahr 2018 wurde Marie Sophie Hingst von den "Goldenen Bloggern" - im Bild der Mitgründer Daniel Fiene - zur "Bloggerin des Jahres 2017" gekürt. Foto: HENRIK ANDREE/Die Goldenen Blogger/obsPreisgekrönt: Im Frühjahr 2018 wurde Marie Sophie Hingst von den "Goldenen Bloggern" - im Bild der Mitgründer Daniel Fiene - zur "Bloggerin des Jahres 2017" gekürt. Foto: HENRIK ANDREE/Die Goldenen Blogger/obs

Osnabrück. Eine preisgekrönte Bloggerin hat laut "Spiegel" ihre jüdische Vergangenheit erfunden - inklusive im Holocaust ermordeter Verwandter. Ein unappetitlicher Vorfall - der auch zeigt, dass man es mit Lügen weit bringen kann, wenn niemand genau hinsieht.

Was in Marie Sophie Hingst vorgegangen sein mag, als sie sich eine Vita als Nachkomme von Holocaust-Opfern zusammendichtete, weiß wohl nur Hingst selbst. Die Konsequenzen aus diesem Fall gehen aber über etwaige persönliche Probleme hinaus. Nicht nur, weil der fiktive jüdische Opfer-Hintergrund für die Bloggerin ein Erfolgsrezept war, mit dem sie zu Ruhm und Preisen und in letzter Konsequenz auch zu Geld kam. Sondern auch, weil sie mit dem Lügengespinst so leicht durchkam – vermutlich, weil niemand allzu genau hinschaute, war Hingst doch im Dienste einer guten Sache unterwegs. Das größte Verbrechen der Menschheit als bloßer Karrierebeschleuniger – das ist allerdings eine unerträgliche Vorstellung.

Bedenklich ist auch: Wer es geschickt anstellt, mit Worten umgehen kann und gut vernetzt ist, erreicht im Internet schnell ein großes Publikum – auch wenn seine Geschichten erfunden sind wie die jüdische Herkunft von Hingst. Der normale Internetnutzer leistet in aller Regel keine Detektivarbeit, bevor er auf die „Teilen“-Schaltfläche in Sozialen Medien klickt. Der Fall Hingst ist dabei ein dreistes, zugleich aber gesellschaftlich weniger folgenreiches Beispiel dafür, wie sich Unwahrheiten gezielt verbreiten lassen. Bei anderen Inhalten funktioniert es leider ebenso leicht. Das macht es um so wichtiger, in der täglichen, unüberschaubaren Informationsflut darauf zu achten, ob die Quelle einer Nachricht vertrauenswürdig ist oder nicht. 

Kleiner Tipp: Die eigene Meinung bestätigt zu sehen, reicht als Nachweis dafür nicht aus.


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