Museum Angewandte Kunst Frankfurt Ausstellung von Stefan Sagmeister: Was ist Schönheit?

Von Christian Huther

Schön oder eklig? Bemalte Bälle aus Schweinsblasen in der Ausstellung von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh in Frankfurt. Foto: Aslan Kudrnofsky/MAK WienSchön oder eklig? Bemalte Bälle aus Schweinsblasen in der Ausstellung von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh in Frankfurt. Foto: Aslan Kudrnofsky/MAK Wien

Frankfurt. Designer Stefan Sagmeister und Jessica Walsh zeigen neue Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst.

Wie geht das denn? Im ersten Moment schön, dann gleich drauf eklig. Na ja, schön sind die farbigen Bälle zwar für die Augen, aber wenn man weiß, dass es sich um bemalte Schweinsblasen handelt, mag sie niemand anfassen. Die in Guatemala entstandenen Objekte hängen jetzt im Frankfurter Museum Angewandte Kunst, das sich dem immer mal wieder heiß diskutierten Thema der Schönheit widmet.

  Kuratiert hat die Schau der Stardesigner Stefan Sagmeister, unterstützt von seiner Studiopartnerin Jessica Walsh. Der gebürtige Österreicher betreibt seit vielen Jahren in New York ein Grafikatelier und gestaltete Platten für die Rolling Stones, die Talking Heads und für Lou Reed. Vor drei Jahren hat er in Frankfurt eine inspirierende Schau über das Glück gezeigt.

   Der 56-Jährige ist ein positiv gestimmter Mensch, der weiß, wie man sterbenslangweilige Statistiken in aussagekräftige Grafiken verwandelt. Mit viel Witz und Lust am Spiel machte er sich jetzt auch bei der Schönheit ans Werk und entwarf mit Jessica Walsh eine abwechslungsreiche Mitmachschau, ebenso lehrreich wie amüsant auf 1000 Quadratmetern ausgebreitet.

   Das Duo hält sich nicht lange mit Definitionen auf und zitiert nur Platon, der Schönheit als moralischen Wert sah. Für ihn war das Gute schön und das Schöne gut. Sagmeister und Walsh werden da aus eigener Erfahrung konkreter, für sie ist Schönheit eine Kombination von Form, Farbe, Proportion und Kontrast. Sie haben sich der Schönheit angenommen, da diese im 20. Jahrhundert zu einem Schimpfwort geworden sei und als oberflächlich oder kommerziell gelte. Dafür bestimmt heute, so meinen Sagmeister & Walsh nicht zu Unrecht, die Funktion unser Leben in Wohn- und Bürobauten, auf Flughäfen und Bahnhöfen. Entsprechend triste Beispiele liefert die Schau en masse. Inzwischen hasst Sagmeister bestimmte Flughäfen, weil er eine schlechte Laune bei sich und bei Mitmenschen bemerkt.

Seine Folgerung klingt logisch: „Überall da, wo das Schöne fehlt, fühlen wir uns miserabel und benehmen uns grässlich.“ In New York sei in „sorgfältig gestalteten Vierteln“ kein weggeworfenes Papier zu sehen; aber 50 Meter weiter, im nächsten Viertel, „liegt jede Menge Abfall in den Rinnsteinen.“ Sagmeister hat leider recht, er legt den Finger in die Wunde. Aber er macht es sich oft zu einfach oder kostet im Bauhaus-Jahr seine Lust an der Provokation aus, wenn er alle Architekten als Nichtskönner verdächtigt, weil sie funktional bauen.

 Vollends kurios wird es, wenn sich Sagmeister zur modernen Kunst äußert und über Marcel Duchamp meint, der habe mit seinem zur Kunst erhobenen Urinal, einem Alltagsobjekt, die Schönheit vollends aus der Kunst eliminiert. Doch Duchamp ging es gar nicht um Schönheit, das übersieht das Kuratorenduo. Überhaupt werden viele Probleme zwar erkannt, aber nur oberflächlich betrachtet oder mit Allgemeinplätzen abgehandelt.

 Da ist es besser, wenn sich Sagmeister auf die Wissenschaft beruft und die Besucher zum Mitmachen einlädt. Schon jetzt wettet er, dass Blau die beliebteste der sechs auszuwählenden Farben sein wird. Denn Blau steht für den blauen Himmel und das gute Wetter, aber auch für das blaue und damit ruhige Meer. Beides bedeutet Sicherheit – so einfach tickt also noch heute der Mensch. Die Schönheit liegt folglich nicht nur im Auge des Betrachters, wie es oft heißt. Das ästhetische Empfinden scheint viel stärker universell geprägt zu sein, als wir bisher glaubten.


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