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Er setzte Beuys über den Rhein Bildhauer Anatol Herzfeld mit 88 Jahren gestorben

Der Bildhauer und Maler Anatol Herzfeld, Künstlername "Anatol", posiert am 24.01.2011 auf der Museumsinsel Hombroich in Neus-Holzheim. Foto: Horst Ossinger dpa/lnwDer Bildhauer und Maler Anatol Herzfeld, Künstlername "Anatol", posiert am 24.01.2011 auf der Museumsinsel Hombroich in Neus-Holzheim. Foto: Horst Ossinger dpa/lnw
Foto: Horst Ossinger dpa/lnw
 

Neuss. Mit einem selbst geschnitzten Einbaum setzte er Joseph Beuys über den Rhein: Die Kunstaktion von 1973 machte den Bildhauer Anatol Herzfeld berühmt. Nun ist der Künstler mit 88 Jahren gestorben. Er war mit seinem Atelier auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss beheimatet.

Mit ihm erlebt Johannes Rau sein blaues Wunder. Blaues Wunder: So nennt der Bildhauer Anatol den Einbaum, mit dem er seinen Lehrer Joseph Beuys am 20. Oktober 1973 über den Rhein setzt. Johannes Rau, damals Wissenschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, hatte Beuys als Professor der Kunstakademie entlassen. Anatol setzt Beuys mit dem aus einem Baumstamm geschnitzten Boot über, holt ihn so in die Hochschule heim. Die Aktion macht Geschichte, das Foto mit dem im Einbaum stehenden Beuys avanciert zur Ikone.

Besucher betrachten den zwölf Tonnen schwere Granitkopf, der den weltbekannten Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) zeigen soll, im Museum Insel Hombroich bei Neuss. Geschaffen hat ihn der Bildhauer und Beuys-Schüler Anatol Herzfeld. Foto: Horst Ossinger dpa/lnw


Polizist mit der Kasperpuppe

Kernig, entschieden, auch ein bisschen kauzig, so war Anatol, der am 10. Mai 2019 im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Nach einem Bericht der Rheinischen Post in Düsseldorf haben Christiane Zangs, Kulturdezernentin der Stadt Neuss, und Willi Petzold, früherer Geschäftsführer des Museums Insel Hombroich, den Tod des Künstlers bestätigt. Der Mann, der eigentlich Karl-Heinz Herzfeld hieß und aus Insterburg in Ostpreußen stammte, war eigentlich Polizist. Als Schutzmann mit der Kasperpuppe brachte er Schulkindern Verkehrsregeln bei. Nebenher studierte er bei Beuys von 1964 und 1972 an der Düsseldorfer Akademie Bildhauerei. Joseph Beuys bleibt zeitlebens sein Meister, die Vorstellung vom offenen Kunstbegriff seine Leitschnur. Der Polizist Herzfeld nennt sich als Künstler kurz Anatol. Mit Hut und Schnauzbart erinnerte Anatol an den Kinderbuchautor Janosch, wie er eine echte Type.

Ein junges Paar genießt den Sommerabend am Jadebusen bei Dangast (Kreis Friesland) neben einer Skulptur am Strand. Auf dem Steg befindet sich die Skulptur "Jadeperle" des Künstlers Anatol. Foto: Ingo Wagner dpa/lni


Auf der Documenta

Konzeptkunst ist nicht Anatols Sache. „Zeigt Euch mal, kommt heraus aus den Deuterbuden“, ruft er 1972 bei der Documenta 5 den abgehobenen Zeitgeistexperten zu. Anatol arbeitet direkt, mit den Händen. Und mit kantigem Material. Er schnitzt Holz, formt Stahl, wälzt Steine. Anatol packt an. Ein Naiver ist er dennoch nicht. Er behauptet die Kunst als anarchische Kraft in einer Gesellschaft, die er restlos verplant und gemanagt sieht. Zum glatten Kunstbetrieb passt der Künstler nicht, der zwischen 1972 und 1982 immerhin dreimal an der Kasseler Documenta teilnimmt.

Im heiligen Bezirk

Seit 1982 war Anatol auf der Insel Hombroich bei Neuss zu Hause. Sein Atelier, eine Mischung aus Bastelbude und heiligem Bezirk, passte bestens zu diesem, der Zeit enthobenen Zauberreich der Kunst. Hier stellte Anatol seine „Wächter“ auf, massig und widerständig wie der Künstler selbst.



Skulptur am Meer

Anatol strebt zeitlebens seinem Lehrer Joseph Beuys nach, gründet in Oldenburg analog zu den Workshops seines Meisters eine freie Akademie. Kunst soll einen Freiraum bieten, über den nicht von außen verfügt werden kann. Das ist Anatol. In Dangast am Jadebusen unweit von Wilhelmshaven stellt er die Metallskulptur „Jade“ an die Wasserkante. Dort schaut sie weiter Richtung Horizont. Irgendwo dort, hinter allen Horizonten muss er nun sein, der Künstler, der sich Anatol nannte.


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