„Ich bin kein Predigertyp“ Axel Hacke liest in der Lagerhalle in Osnabrück aus seinen Texten

Früher Choleriker, heute älter: Axel Hacke kommt in die Lagerhalle und wird erst dort festlegen, was er dem Publikum vorlesen wird. Foto: Thomas DashuberFrüher Choleriker, heute älter: Axel Hacke kommt in die Lagerhalle und wird erst dort festlegen, was er dem Publikum vorlesen wird. Foto: Thomas Dashuber
(c)2015 Thomas Dashuber

Osnabrück . Am 21. Mai wird Axel Hacke in der Lagerhalle lesen. Wie immer wird er die Texte dafür kurzfristig aussuchen. Wir haben mit Hacke gesprochen.

Herr Hacke, eine Ihrer Geschichten dreht sich um Ihren ungeheuren Appetit auf Wurstbrote, als sie sich über einen auf Eltern erzieherisch wirkenden Kita-Initiator aufgeregt haben. Es war eine Art Protest-Essen gegen einen übergriffigen Zeitgenossen. Gibt es derzeit etwas Ähnliches, das Sie aus Ärger tun?

Die Geschichte ist erfunden, beruht aber auf einer wahren Begebenheit: auf einer unerfreulichen Begegnung in der Kita unseres Sohnes. Sie ist also schon eine Weile her. Sie war so unerfreulich, dass ich lange Zeit nicht darüber schreiben konnte, weil ich jedes Mal wütend wurde. Und das ist einer Geschichte ja nicht zuträglich. Normalerweise kann ich recht schnell eine Geschichte umsetzen. Inzwischen ist der Ärger vorbei. Und ich rege mich auch grundsätzlich nicht mehr so schnell auf. Ich bin ja auch ein bisschen älter geworden.


Sie haben sich früher oft aufgeregt?

Ja, ich galt in meiner Familie als cholerisch. Aber das habe ich mir abgewöhnt. Ich wollte selbst so nicht sein, man muss sich ja auch mögen. Und zum Glück gibt es Möglichkeiten, sich zu ändern.


Worüber regen Sie sich denn heute noch auf?

Vor allem über politische Themen, was dann auch aus manchen meiner Texte hervorgeht. Ich hätte zum Beispiel nie zu träumen gewagt, dass ein Mensch, der sich verhält wie Donald Trump, jemals ein solches Amt bekleiden wird oder dass die AfD so weit kommen würde. Von Italien und Matteo Salvini gar nicht erst zu reden. 


Um Anstand dreht sich auch ihr jüngstes Buch. Eine Zeitung meinte, Sie hätten es geschrieben, weil alles schlimmer geworden sei. Sie sind doch aber keiner von denen, die sagen, früher wäre alles besser gewesen?  

Nein. Das war auch nicht der Antrieb für das Buch. Zum Glück besteht der weitaus größte Teil unserer Gesellschaft aus anständigen Menschen. Aber die Leute, die nicht so sind, sind heute lauter. Das hat auch mit den Sozialen Medien zu tun. Dort machen solche Leute sehr viel Krach und auf sich aufmerksam. Wir sind herausgefordert, dem zu begegnen.


Es ist ja auch schon interessant, dass manche Menschen meinen, über Twitter Politik machen zu können. Da gibt es ja inzwischen mehrere von.

Ja, das ist erschreckend. Dagegen muss man eine Strategie entwickeln, jeder muss das auch für sich tun, und dazu gehört, sich auf bestimmte Tonlagen und eine bestimmte Aggressivität nicht einzulassen. Man muss bei sich bleiben. Das nicht zu tun, wäre der erste Sieg solcher Leute. Ich halte die Gestaltung der Sozialen Medien für wichtig. Und es ist ein großer Fehler, dass wir gesellschaftliche Debatten an ein ganz und gar undurchschaubares Unternehmen wie Facebook ausgelagert haben. Herr Kühnert hat von der Vergesellschaftung von BMW gesprochen – ich würde es für sinnvoll halten, Facebook zu vergesellschaften.


Sie lesen ja live vor Publikum. Und das schon seit vielen Jahren, besser gesagt, seit Jahrzehnten. Wie sieht Deutschland denn von der Bühne aus?

Man nimmt die Stimmung sehr intensiv wahr. Ich glaube, dem Publikum ist es gar nicht bewusst, wie sehr es so einen Abend mitgestaltet. Man merkt, ob das Publikum für Zwischentöne offen ist, ob es mitgeht, ob es dabei ist. Je lebendiger ein Publikum reagiert, desto besser wird der Mensch auf der Bühne. Das ist wie eine Verabredung beim Bier – da hängt der Abend auch immer davon ab, wie das Gegenüber so drauf ist.


Meine Frage war eher in die Richtung gemeint, ob Sie beim Publikum in den vergangenen Jahren eine Veränderung festgestellt haben.

Ach so. Ja, ich denke schon. Ich war zum Beispiel sehr überrascht, wie groß das Interesse an meinem Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ ist. Ich glaube, vor zehn Jahren wäre das Interesse an dem Buch oder an dem Thema noch nicht so groß gewesen. Jetzt aber habe ich dazu sehr viele Zuschriften und E-Mail bekommen. Und auch bei den Lesungen ändert sich die Stimmung, wenn ich aus dem Buch vorlese. Normalerweise ist die Atmosphäre bei meinen Lesungen heiter, aber wenn ich daraus vorlese, dann ändert sich das. Die Leute wissen auch, was die Stunde jetzt geschlagen hat.


Wie meinen Sie das genau?

Die Menschen sind einfach sehr besorgt, das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft könnte bedroht sein, sie fürchten eine Verrohung, die von der Sprache ausgehend in physische Gewalt umschlagen könnte. Sie wollen diesen Ton nicht, den viele AfD-Politiker oder Leute wie Salvini oder Trump in ihren Ländern anschlagen, diese Schamlosigkeit.


Sie schreiben oft über Themen, die Sie aufregen. Wie wäre es eigentlich für Sie, wenn Sie die Bühne oder das Schreiben nicht hätten? Würden Sie dann platzen?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, weil ich ja schreibe. Und das sogar schon sehr lange. Meine Kolumne im Magazin der Süddeutschen schreibe ich bald 30 Jahre. Das ist fast länger, als ich sie nicht geschrieben habe. Also, wahrscheinlich würde mir dann etwas fehlen. Vielleicht habe ich auch deswegen mein Anstandsbuch geschrieben. Aber ich bin gar kein Predigertyp. Ich will die Leute nicht überzeugen, sondern ihnen eher Anknüpfungspunkte zum Nachdenken und zum Weiterdenken bieten.


Warum suchen Sie die Stücke, die Sie lesen, immer erst am Abend oder sogar erst auf der Bühne aus? Damit es für Sie selbst spannend bleibt?

Ja, auch. Wäre das Programm immer gleich, würde es mich anöden. So ist es für mich lebendiger, aber auch für das Publikum. So eine Lesung muss eine lebendige Sache sein. Und ich finde, wenn die Gäste Eintritt zahlen und mir einen freien Abend widmen, dann habe ich auch die Verpflichtung alles zu geben, damit der interessant wird.


Axel Hacke liest am 21. Mai ab 20 Uhr in der Lagerhalle. Eintritt im Vorverkauf: 21,80 Euro, an der Abendkasse: 23 Euro.


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