„Liebe Kitty“ Anne Franks Romanentwurf wird wiederentdeckt

Von dpa

Laureen Nussbaum beim dpa-Interview über das Buch „Anne Frank - Liebe Kitty“. Foto: Soeren StacheLaureen Nussbaum beim dpa-Interview über das Buch „Anne Frank - Liebe Kitty“. Foto: Soeren Stache

Berlin. Anne Franks Tagebuch zählt zu den meistgelesenen Büchern weltweit. Der Bericht des jungen Mädchens aus dem Unterschlupf in Amsterdam hat Generationen bewegt. Ein neues Buch bringt Franks Talent als Schriftstellerin auf den Punkt.

Laureen Nussbaum hat sehnsüchtig auf diesen Tag gewartet. „Dafür habe ich mich 25 Jahre eingesetzt“, sagt die Literaturwissenschaftlerin und blickt an diesem kalten Mainachmittag in Berlin auf ein kleines Buch.

Auf knapp 200 Seiten liegt ein historisches Dokument vor ihr - und ein literarisches Vermächtnis. „Liebe Kitty“ ist Anne Franks schriftstellerisches Zeugnis, ein „Romanentwurf in Briefen“ jener Autorin, die mit ihrem Tagebuch aus dem Versteck in dem von Nazis besetzten Amsterdam Millionen Leser bewegt hat.

Erstmals rückt ein eigenständiger Band (Secession Verlag Berlin) Franks Talent in neuer Übersetzung aus dem Niederländischen (Waltraud Hüsmert) in den Mittelpunkt. Das Buch erscheint in Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam.

Nussbaum, 1927 als Hannelore Klein in Frankfurt/Main geboren, hat Jahrzehnte dafür gekämpft. Die Wissenschaftlerin, die als Jüdin mit ihrer Familie die nationalsozialistische Verfolgung in Amsterdam überlebte, hatte nach dem Krieg Annes Begabung erkannt.

Die 91-Jährige, die eigens für die Präsentation aus den USA nach Berlin gekommen ist, berichtet im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur lebhaft und mit vielen Einzelheiten über ihre Arbeit und die Erinnerung an die Familie Frank. „Von den beiden Frank-Mädchen habe ich Margot, Annes ältere Schwester, besser gekannt. Sie war ein Vorbild für mich. Anne war damals für mich ein kleines Kind und in der für Kinder typischen Überheblichkeit habe ich sie nicht sehr ernst genommen.“

Schon bei der Lektüre des Tagebuchs sei ihr aufgefallen, dass die junge Anne das Zeug zur Schriftstellerin hatte. Nussbaum, die 1954 in die USA ging und später an der Portland State University in Oregon den Fachbereich Germanistik leitete, machte sich an die Arbeit.

„Das Tagebuch, das wir alle kennen, ist ein Amalgam, ein Gemisch aus dem spontanen Tagebuch und Annes späterer Überarbeitung“, sagt sie. Franks Vater Otto, der als einziger der Familie den Holocaust überlebte, hatte nach dem Krieg im Hinterhaus in der Prinsengracht 263 die Tagebücher seiner damals noch als vermisst geglaubten Tochter entdeckt.

Als deutlich wurde, dass Anne das Konzentrationslager Bergen-Belsen nicht überlebt hatte, entschied er sich zur Veröffentlichung. Er zog dabei auch Nussbaums Eltern zu Rate. „Sie haben Otto Frank eine Veröffentlichung empfohlen.“ Doch Frank ließ dabei ganze Passagen aus: Streit der Eltern im Versteck, einige nach seiner Meinung zu persönliche Passagen. Und er vermischte Originalaufzeichnungen mit von Anne selbst überarbeiteten Textteilen.

Dabei hatte sich Anne Frank im Frühjahr 1944 entschlossen, das Tagebuch vollkommen umzuarbeiten und in einen Briefroman zu verwandeln, wie Nussbaum sagt. Die Trennung von Tagebuch und Roman habe sie damals deutlich vor Augen gehabt. Ihre Briefe und Tagebücher, so hatte es sie sich vorgestellt, sollten nach dem Ende der Verfolgung der Forschung dienen.

„Natürlich bestürmen mich alle sofort wegen meines Tagebuchs“, berichtete sie ihrer imaginären Freundin Kitty am 29. März 1944. Doch sie fügte hinzu: „Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde. Allein vom Titel her würde die Leute denken, es sei ein Detektivroman.“ An anderer Stelle äußerte sie den Wunsch, Journalistin und „eine berühmte Schriftstellerin“ zu werden.

Nachdem Otto Frank 1980 gestorben war, kam Nussbaum allmählich dem Rätsel auf die Spur. In der kritischen Ausgabe der Niederlande waren eine A-Fassung, das Tagebuch, eine B-Fassung, der Romanentwurf, abgedruckt. Aus beiden hatte Otto Frank „aus unerfindlichen Gründen“ die C-Fassung, das heute bekannte Tagebuch, zusammengestellt.

So seien etwa für das Jahr 1943 keine Tagebucheinträge gefunden worden, dafür aber Skizzen für den Roman. „Das sind kleine Vignetten, ganz bestimmte Szenen über den Tagesablauf, die mit Bedacht auf den Leser gerichtet sind.“ Die Ode an den Füllfederhalter etwa oder Gespräche der Erwachsenen im Untergrund. „Keine kindlichen Gefühlsausbrüche, sondern eine Erzählung, wie es war.“ Bei solchen Passagen wurde Nussbaum klar: „Das ist das Buch, das Anne veröffentlichen wollte.“

Die Neuveröffentlichung ist auch ein Akt der Wiedergutmachung. „Es ist wichtig, dass wir Anne Frank als Schriftstellerin ernst nehmen, dass man überhaupt junge Menschen ernst nimmt. Dieser Briefroman zeigt, was ein junger Mensch alles kann“, sagt Nussbaum. „Das schulden wir Anne“, ergänzt Verleger Joachim Zepelin, „dass wir veröffentlichen, was sie uns angeboten hat.“

Die Versteckten aus der Prinsengracht wurden von den Deutschen nach zwei Jahren entdeckt. Nur Otto Frank überlebte. Seine Tochter wäre vielleicht eine berühmte Schriftstellerin geworden. An diesem 12. Juni hätte sie ihren 90. Geburtstag feiern können.


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