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Skulptur Projekte erfunden Münsteraner Kurator Klaus Bußmann mit 77 Jahren verstorben

Zwei Klassiker der Skulptur Projekte im Gespräch: Klaus Bußmann (rechts) und der spanische Bildhauer Eduardo Chillida 1987 in Münster. Foto: LWL
Foto: LWLZwei Klassiker der Skulptur Projekte im Gespräch: Klaus Bußmann (rechts) und der spanische Bildhauer Eduardo Chillida 1987 in Münster. Foto: LWL Foto: LWL
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Münster. Der Erfinder der Skulptur Projekte Münster ist tot. Klaus Bußmann hat das heute weltweit beachtete Kunstformat 1977 begründet. Mit Klaus Bußmann eroberte Kunst den öffentlichen Raum, avancierte zum medialen Spektakel. Dabei begann die Erfolgsgeschichte mit handfestem Streit.

Wer kann sich heute noch vorstellen, dass aufgebrachte Studenten die "Giant Pool Balls" von Claes Oldenburg in den Aasee rollen wollten? Bei der ersten Ausgabe der Skulptur Projekte 1977 protestierten noch brave Bürger gegen vermeintlich anstößige Kunst. Inzwischen sind die drei riesigen Billardkugeln aus Beton ein beliebtes Postkartenmotiv. Klaus Bußmann hat nicht nur den Streit um Oldenburgs Kugeln durchgestanden, er hat mit den Skulptur Projekten ein Referenzformat der Gegenwartskunst erfunden. Jetzt ist Bußmann, wie der Landesverband Westfalen-Lippe mitteilt, mit 77 Jahren überraschend verstorben. Hier weiterlesen: Eine Stadt wird Kunst - mit dem Rad durch die Skulptur Projekte.

Vita eines Revoluzzers?

Studium in Münster, Berlin, Basel und Paris, Dissertation über einen klassizistischen Architekten, dessen Name nur Experten etwas sagt, dann Referent am Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte: Bußmanns Vita hatte zunächst nichts von der Karriere eines Revoluzzers der Kunst. Der Streit um eine Metallplastik von George Rickey im Münster der siebziger Jahre änderte dann aber alles. Bußmann ergriff nicht nur Partei für das umstrittene Kunstwerk, er reagierte auch mit einer Ausstellung auf die öffentliche Debatte. Skulptur Projekte: Dieser Titel war Programm. Gemeinsam mit seinem Kuratorenkollegen Kasper König fragte Bußmann radikal nach dem Stellenwert von Kunst im öffentlichen Raum, im alltäglichen Leben. So entschieden und umfassend hatte das bis dahin niemand getan. Hier weiterlesen: Skulptur Projekte 2017 - die fünf Highlights.

Zahlreiche Menschen sitzen 2009 am Ufer des Aasees in Münster neben der Installation "Giant Pool Balls" des Künstlers Claes Oldenburg, die Teil der ersten Skulptur Projekte 1977 waren. Foto: Friso Gentsch dpa

Event und Spektakel

Richard Serra stellte 1977 zwei Platten aus Corten Stahl vor das Schloss. Joseph Beuys goß den Hohlraum einer Unterführung mit Wachs aus und wuchtete die Klötze ins Landesmuseum. Und Claes Oldenburg rollte seine Riesenkugeln ans Seeufer. Der Kurator Bußmann provozierte mit jedem der insgesamt acht Beiträge zu den ersten Skulptur Projekten das Publikum. Inzwischen haben nicht nur diese Projekte als Klassiker ihren Platz in der Geschichte der zeitgenössischen Kunst. Mit den Skulptur Projekten hat Bußmann diese Kunst ganz neu kartiert, sie vor allem als offenes Vorhaben konzipiert. Kunst als Event und Spektakel - auch das geht wesentlich auf Bußmann zurück. Hier weiterlesen: Weltformat der Kunst - was sind eigentlich die Skulptur Projekte?

Erfinder der Skulptur Projekte: Klaus Bußmann. Der Kunstkurator und langjährige Direktor des LWL-Kunstmuseums in Münster starb am 27. April im Alter von 77 Jahren nach schwerer Krankheit, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mitteilte. Foto: Roman Mensing/LWL/dpa

Kunst findet draußen statt

Klaus Bußmann hat nicht nur eine Gattung der Kunst neu befragt, er hat vor allem das Museum geöffnet und den öffentlichen Raum für die Kunst erobert. Mit den Skulptur Projekten ist Kunst nicht nur politischer und populärer geworden, sie hat sich auch als Teil des öffentlichen Lebens außerhalb abgeschlossener Ausstellungsräume etabliert. Bußmann verantwortete die erste drei Ausgaben der Skulptur Projekte bis 1997, als sich die öffentliche Meinung über das seinerzeit gewagte Konzept drehte. Seitdem leben die Münsteraner nicht nur mit ihren Skulpturen, das Ausstellungsformat hat Kunst auch für aktives Stadtmarketing attraktiv werden lassen. Hier weiterlesen: Wie die Skulptur Projekte 2017 funktionieren - Kuratorin Marianne Wagner im Interview.

Maßstäbe gesetzt

Klaus Bußmann hat nicht nur in Münster Maßstäbe gesetzt. Der Kurator betreute den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig von 1991 und 1993 und heimste mit seinen Epoche machenden Präsentationen von Nam June Paik und Hans Haacke jeweils Preise der Biennale ein. Er war Vorsitzender des Kunstbeirates der Bundesregierung und ging doch mit seiner Pensionierung 2004 zunächst für einige Jahre nach Paris. Es schien, als bräuchte er, der unerschrockene Vorkämpfer für die moderne Kunst, Abstand von allen Kontroversen. Bußmann kehrte zuletzt nach Münster zurück. Am 27. April 2019 ist er dort gestorben. Als Erfinder der Skulptur Projekte lebt er weiter - legendäre Figur einer Kunst, die sich nur in ihrer permanenten Neuerfindung treu bleiben kann.

Zur Information zu den Skulptur Projekten geht es hier.


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