"Nur eine Frau" kommt ins Kino Sherry Hormann: Ich wollte Aynur Sürücü eine Stimme geben

Eine gute Stimmung am Set ist Regisseurin Sherry Hormann enorm wichtig. Foto: Mathias BothorEine gute Stimmung am Set ist Regisseurin Sherry Hormann enorm wichtig. Foto: Mathias Bothor

Berlin. Filme über extreme Frauenschicksale sind in den letzten Jahren zunehmend zum Markenzeichen der Regisseurin Sherry Hormann geworden.Nun bringt sie am kommenden Donnerstag „Nur eine Frau“ in die Kinos. Über diesen ebenso großartigen wie beklemmenden Film erzählt die Ex-Frau von Dominik Graf und Witwe von Michael Ballhaus bei einer Tasse Kaffee in Berlin:

Frau Hormann, gibt’s einen Musiker oder eine Musikerin, deren Konzert Sie jedem Kinofilm vorziehen würden?

Ich hätte wahnsinnig gern mal Jacqueline du Pré erlebt, vor allem das Konzert, das sie kurz vor dem Sechstagekrieg gegeben hat. Das geht leider nicht mehr. Grigory Sokolov würde ich auch großartig finden. 

Apropos Sokolov – Sie selbst wollten eigentlich auch Konzertpianistin werden, waren auf einem sehr guten Weg – und haben sich dann anders entschieden.

Mein Körper hat sich anders entschieden. Ich hatte eine chronische Sehnenscheidenentzündung, war aber schon auf dem Weg zum Konservatorium. Aber es ging nicht mehr. Ich glaube, dass ich einfach zu viel geübt habe, sechs Stunden am Tag. Danach war ich total lost, ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Ich kam auf Film, bewarb mich an der Münchner Filmhochschule und wurde nach Fernsehen gefragt. Da hab ich mir erst mal eine „Hörzu“ gekauft und mir das Programm angeguckt, wir hatten keinen Fernseher. Ich bin leidenschaftlich ins Kino gegangen bin, am liebsten die Retrospektiven im Münchner Filmmuseum. Schon als Kind waren wir mit meinen Eltern immer im Autokino, da war allerdings meistens Schlafen angesagt auf der Rückbank. Aber man schläft ja nicht gleich ein...

Spielen Sie denn heute noch für den Hausgebrauch?

Nein, ich habe das Klavier verkauft.

Die Musikleidenschaft hatten Sie von Ihrem Vater.

Er begann als Jazzmusiker und wanderte als 16-Jähriger in die Vereinigten Staaten aus. Mit 18 musste er sich entscheiden, ob er bleibt oder geht. Er blieb, musste in die Armee, betreute da die Musikinstrumente und kam schließlich als amerikanischer Soldat zurück nach Deutschland. Später wurde er dann Manager bei IBM.

Als Sie sechs waren, sind Ihre Eltern nach Deutschland übergesiedelt. Was war der Anlass?

Dass mein Vater bei IBM war, er hat dann zunächst in Böblingen und Sindelfingen gearbeitet.

Wie war es für Sie, als Sechsjährige nach Deutschland zu kommen?

Wir kamen in einen Ort, in dem ich zum ersten Mal in meinem Leben Zäune sah. Jedes Haus hatte einen Zaun, das kannte ich überhaupt nicht. Dazu kam, dass mein Bruder viel zu früh und plötzlich starb. Wir sind alle zwei Jahre umgezogen. Mit München wurde es ruhiger.

Später sind Sie in München zur Filmhochschule gegangen. Gleich mit der Absicht, Regisseurin zu werden?

Nein. Ich war grün hinter den Ohren, wirklich weltfremd. Die vielen Jahre intensiven Klavierspiels, buddhistisches Zuhause und dann Filmhochschule. Dort wussten alle, was sie wollten. Fassbinder war damals ein großes Thema. Ich hatte meine Bewerbungsbilder im Hochformat abgegeben, woraufhin der Professor vor allen anderen sagte: Hier sitzt eine, die hat noch gar keine Ahnung vom Film.

Sie haben sich trotzdem durchgesetzt – und sehr unterschiedliche Filme gemacht, darunter viele Komödien. Bringen Sie die Leute gern zum Lachen?

Ja. Es ist nichts schwieriger, als Menschen zum Lachen zu bringen, und nichts schöner, als in einem Kinosaal zu sein und zu erleben, wie die Menschen lachen. Das Aufregendste aber ist für mich inzwischen, vermeintlich komplexe Themen so einzufangen, dass alle Emotionen geweckt werden. Weinen. Lachen. Zuhören. Fühlen. Stille.


Foto: Imago images/Future Image


Sie waren ja mal mit Dominik Graf verheiratet, der als Meister des harten, kompromisslosen Polizeifilms gilt. Haben sich da Gegensätze angezogen?

Als wir verheiratet waren, war Dominik ja auch noch in seinen Anfängen und hat mit der „Katze“ damals den Polizeifilm buchstäblich für sich entdeckt und geprägt. Mich hat es fasziniert, mit welcher Verve er sich in seine Arbeit gestürzt hat.

Er wird gelegentlich als Ihr „Lehrmeister“ bezeichnet. Würden Sie diese Formulierung unterschreiben?

Ich habe von so vielen Menschen gelernt, von Dominik ganz bestimmt, mich zu trauen. Und die Gleichzeitigkeit von Aktion - es gibt nicht nur die Vordergrundaktion, sondern auch die Hintergrundaktion. Die sind ein komplettes Miteinander, wie eine Choreografie.

Später waren Sie mit Michael Ballhaus verheiratet. Gab es da auch so etwas wie eine gegenseitige Inspiration?

Ganz anders. Als ich Dominik kennenlernte, hatte ich keinen Film gedreht, wir haben zusammengearbeitet, aber in anderen Konstellationen wie Drehbuch oder Szenenbild. Das kann man gar nicht miteinander vergleichen. Von Michael habe ich viel gelernt, vor allem die Liebe zu Schauspielern, den Respekt, in die Wahrhaftigkeit zu gehen und nicht in die Behauptung.


Foto: dpa/Britta Pedersen

Jetzt ist das Leben ja keine Einbahnstraße. Was hat er von Ihnen gelernt?

Da müssten Sie ihn fragen. Er war voller Neugier. Wenn ich Filme gemacht habe, war es so, als würde er mitdrehen. Er kam noch ans Set, als es schwierig wurde mit seinem Augenlicht. Er hörte nicht auf zu fragen, was ist wichtig zu erzählen? Was ist wichtig für die Geschichte? Ein profunder emotionaler Austausch.

Almila Bagriacik, die Hauptdarstellerin Ihres neuen Films „Nur eine Frau“, schwärmt in den höchsten Tönen von Ihnen. Was ist Ihnen wichtig an Ihrem Umgang mit Schauspielern?

Mir ist eine Atmosphäre am Set wichtig, in der sie sich wohlfühlen, aufgehoben, getragen, zum Blühen kommen, sich so auch trauen, in die Abgründe, in die Dunkelheit zu gehen. Ich halte nicht viel davon, Menschen zu verdrehen oder gar zu missbrauchen. Wenn Schauspieler also mal eine andere Vorstellung haben als ich, dann ist es mir wichtig, dass sie reinfühlen, ob sie meiner Vorstellung entgegenkommen können. Wenn nicht, dann suchen wir weiter. Übrigens glaube ich, dass wir einmal hier sitzen und denken werden: Wow, wir kannten Almila. Die wird eine Riesenkarriere machen, das kann ich Ihnen versprechen.

Foto: NFP/Mathias Bothor

Wie sind Sie auf Almila aufmerksam geworden?

Ich kannte sie bereits aus „4 Blocks“, Unsere Casterin Simone Bär hat sie eingeladen. Zunächst strahlte Almila so etwas aus wie „Wer bist du denn? Was willst du von mir?“. Und dann ist sie im Casting derartig aufgeblüht, dass ich wirklich dachte, meine Hauptfigur Aynur Sürücü stehe vor mir. Da war relativ schnell klar, dass sie diese Rolle spielen wird.

Sie haben ihr einen Coach vermittelt, der hat mit ihr gearbeitet, alles protokolliert und dann an Sie geschickt. Ist das Ihre Technik, mit Schauspielern zu arbeiten?

Das ist eine neue Wegstrecke, die ich gehe. Jördis Triebel hat mich auf diesen Coach gebracht, der ganz anders arbeitet als ich es als Regisseurin am Set in den Vorproben mache. Er sucht, um eben nicht in diese äußere Darstellung zu gehen. Das war mir gerade bei diesem Stoff besonders wichtig, weil wir uns beim Filmdreh ja an die ganzen Gerichtsakten gehalten haben. Ein Coaching kann aber auch voll an die Wand fahren. Da kommt ein Schauspieler voll gecoacht zum Set und ist wie vorprogrammiert.

Im vergangenen Jahr sind Sie aus der Initiative Pro Quote Regie wieder ausgetreten. Was war der Auslöser?

Woody Allens Satz „I’d never join a club that would allow a person like me to become a member“. Das Ziel ist richtig und vor allem wichtig. Mehr Frauen müssen mehr Arbeit im Film bekommen, aber nicht weil sie eine Quote erfüllen, nein, weil ihr Talent gesehen wird. Bitte gebt den Frauen Stoffe in die Hand, die noch immer in den Händen der Männer landen. Kann eine Frau nicht Geschichten über Männer erzählen? Kann eine Frau nicht Action inszenieren? Kann eine Frau nicht auch Großprojekte stemmen? Ja, kann sie. Ich freue mich, dass auch durch MeToo und diese ganzen Debatten eine andere, respektvollere Umgangsweise am Set entstanden ist, das ist wirklich spürbar.

Es sind nicht nur starke Frauen, über die Sie Filme machen, sondern auch Frauen, die furchtbare Schicksale durchleiden. Frauen, die zwangsweise beschnitten, jahrelang von einem Mann gefangen gehalten oder – wie jetzt – von ihrem Bruder erschossen werden. Wie sehr wühlt es Sie auf, wenn Frauen zu Opfern werden, weil sie Frauen sind?

Das wühlt mich enorm auf. Es ist einfach ungerecht, wenn man das Recht der Frau auf Selbstbestimmung verhindert. Im Fall von Aynur Sürücü kommt ja noch dazu, dass das Grundrecht „Du darfst nicht töten“ verletzt wird.

War es Ihre Idee, „Nur eine Frau“ zu drehen?

Nein, es war die Idee von Sandra Maischberger. Und ich hatte mich erst mal gewundert, weil es schon einen Film von Feo Aladag dazu gab. Und lernte dann, dass es nach zehn Jahren einen anderen Ansatz geben kann. Wir haben uns stark an den Gerichtsakten orientiert. Seit Aynur Sürücu ermordet wurde, ist so viel in unserer Gesellschaft passiert, dass ich es als Verpflichtung empfunden habe, einen Film darüber zu machen. Sie ist eine von uns. Die Gewalt an Frauen innerhalb der Familie nimmt in Deutschland immer mehr zu. Das Muster Gewalt gegen Frauen gibt es seit Menschengedenken. Aber es kommt in immer neuen Kleidern daher und wird legitimiert, wie wir in unserem Film aufzeigen.

Ist es nicht ein Risiko, dass Sie in der Mehrzahl nur diejenigen Menschen erreichen, die auch vorher schon das Problem erkannt haben und sich anschließend in ihrer Ansicht bestärkt fühlen?

Ist es. Genau darüber haben wir lange gegrübelt. Und uns für genau diese Erzählweise entscheiden, die im Film zu sehen ist. Der Film soll nicht daherkommen wie ein didaktisches Beklommenheitsdrama, sondern hat ja durchaus etwas von Popart, das junge Leute anspricht und spiegelt dennoch die Fakten wider.

Es gibt eine BKA-Studie, wonach jedes Jahr in Deutschland etwa ein Dutzend Frauen aus ähnlichen Motiven getötet werden wie Aynur Sürücu.

Es sind sogar 17, dazu kommt noch eine hohe Dunkelziffer. Die Tatsache, dass Aynur auf offener Straße in Berlin in einem Wohngebiet an einer Bushaltestelle erschossen wurde, hat vermutlich eine besondere Aufmerksamkeit für diesen Fall verursacht. Sie war wunderschön, lebensfroh, ihr fünfjähriger Sohn schlief ein paar Hundert Meter entfernt in seinem Bett.

Wie wütend wird man/frau bei der Beschäftigung mit diesem Thema?

Total wütend. Aber diese Wut nutzt überhaupt nichts, wenn man einen solchen Film macht. Deshalb ist es eine große Herausforderung, nicht zu werten und immer wieder neu hinzugehen und zu sagen: Okay, das ist passiert. Warum ist es passiert? Was hat diese Brüder und vor allem ihre Mutter angetrieben? Wie kann eine Mutter, die selbst durch diese ganzen Schmerzen gegangen ist, eine Hinrichtung unterstützen? Es kommt mir vor wie eine innere Rache: Ich bin da durch – dann musst du da auch durch. Da ist eine innere Härte, die schwer nachzuvollziehen ist in unserer Überbemutterung in vielen Gesellschaftsschichten Deutschlands.

Foto: dpa/Rainer Jensen

Sie beginnen Ihren Film mit einem Bild der toten Aynur unter einem weißen Laken, den Worten „Das bin ich“ und erzählen die Geschichte konsequent aus der Ich-Perspektive. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Ich wollte Aynur eine Stimme geben, in all ihrer Frechheit und politischen Unkorrektheit. Sie sollte uns da durchführen, sodass wir sagen: Das ist eine Kriegerin und kein Opfer. Sie nimmt ihr Leben in die Hand, und sie hat eine große Sehnsucht nach der Familie, die sie verstößt. Diese Frage umzusetzen war für mich das Schwierigste an diesem Film: Warum geht sie immer wieder zu dieser Familie zurück?

Können Sie mir erklären, warum sie das tut?

Es ist dieses Verlangen nach Anerkennung: Liebt mich. Das kennen wir alle.

Sie offenbaren mit Ihrem Film ein erstaunliches Einfühlungsvermögen in den Täter und die Anstifter.

Das ist meine Verpflichtung, weil ich mich eines Themas annehme, das von Populisten gerne instrumentalisiert wird. Deshalb muss ich differenziert erzählen, Menschen darstellen und nicht Klischees.

Wie nah ist Ihr Film an der Wirklichkeit, wie viel Fiktion haben Sie sich erlaubt?

Fiktional ist die Figur der Jugendamtsmitarbeiterin Frau Beck, in die mehrere Figuren eingeflossen sind. Ansonsten sind wir sehr nah an der Wirklichkeit und haben uns stark auf Gerichtsakten gestützt.

Sie haben viele Szenen an Originalschauplätzen in Berlin gedreht. Wie haben es die Menschen da aufgefasst, dass Sie einen Film über einen Ehrenmord drehen?

Sehr kritisch, wir haben mit Security gedreht. Es geht ja nicht um die Religion, es geht um Tradition und Werte, das muss man sehr genau trennen. Die Frage war an mich ähnlich wie damals, als ich in Somalia „Die Wüstenblume“ gedreht habe: Was weißt Du eigentlich über unsere Tradition? Wenig, stimmt. Aber wer sagt mir, dass ich nicht eine Geschichte erzählen kann, die in meiner Stadt, in meinem Land stattgefunden hat? Einige, die uns diese Frage gestellt haben, waren unsere Security und haben sich am Ende bedankt. Eben weil wir in den Dialog getreten sind und nicht gleich gewertet haben. Deswegen glaube ich auch an die vielen kleinen Schritte. Und ohne das starke Ensemble hätte ich mich nie an den Stoff gewagt. Für mich ist „Nur eine Frau“ übrigens der erste Film, bei dem ich mich in der Regie als Frau gefühlt habe, sonst mache ich mir darüber eigentlich keinen Kopf.

Sherry Hormann

wird am 20. April 1960 in Kingston (US-Bundesstaat New York) als Tochter einer deutschen Malerin und eines amerikanischen Jazzmusikers und späteren IBM-Managers geboren. Als sie sechs ist, siedelt die Familie nach Böblingen über und zieht im Laufe der kommenden Jahre mehrfach um, bis sie in München sesshaft wird. 
Die junge Sherry spielt für ihr Leben gern Klavier, gewinnt Wettbewerbe, möchte Konzertpianistin werden. Sie ist bereits auf dem besten Weg zum Konservatorium, als eine chronische Sehnenscheidenentzündung ihr einen Strich durch alle Pläne macht.
Hormann sattelt um, studiert an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, wird Regieassistentin bei der Bavaria und Neue Constantin Film, später Drehbuchautorin, Regisseurin und Filmausstatterin. Gleich ihr erstes Drehbuch zum von Dominik Graf inszenierten Film „Tiger, Löwe, Panther“ ist preisgekrönt. Die beiden werden ein Paar, heiraten und werden Eltern einer Tochter.
In den Folgejahren konzentriert sich Hormann zunehmend auf Regiearbeiten, darunter viele Komödien wie „Frauen sind was Wunderbares“ (1994), „Irren ist männlich“ (1996) und die Fußball-Komödie „Männer wie wir“ (2004), aber auch Krimis wie diverse Bella-Block-Folgen.
Zunehmend wendet sie sich extremen Frauenschicksalen zu: 2009 kommt „Wüstenblume“ in die Kinos, ihre Verfilmung des Buches von Topmodel Waris Dirie über die Beschneidung von Frauen in afrikanischen Ländern. Vier Jahre später dann „3096 Tage“, die Adaption des gleichnamigen Buchs der Österreicherin Natascha Kampusch, die darin ihre Entführung und jahrelange Gefangenschaft aufarbeitet.
Nächsten Donnerstag (9. Mai) hat „Nur eine Frau“ Kinostart, in dem Hormann äußerst eindrucksvoll und konsequent aus der Ich-Perspektive das Schicksal der kurdisch-türkisch-stämmigen Berlinerin Aynur Sürücü schildert, die 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin von ihrem jüngeren Bruder mit drei Kopfschüssen getötet wurde.
Nach der Ehe mit Dominik Graf heiratet Sherry Hormann 2011 in Berlin den Oscar-gekrönten Kameramann Michael Ballhaus, dessen Ehefrau sie bis zu seinem Tod 2017 bleibt. Heute lebt sie in Berlin.         

Was sagt der Stoff aus über Deutschland im 21. Jahrhundert?

Dass wir uns sehr abgrenzen. Wir leben kein Wir. Aber wir können eine Allianz gegen Fundamentalisten sein. Ich will nicht dass Populisten in meinem Namen reden. Für die ist eine Frau, die im Blaumann einen Männerberuf erlernt ja schon ein rotes Tuch. Aber die Angst überwiegt und die Populisten schreien so laut, dass wir einfach die Tür schließen. Dabei müssten wir eine andere Tür aufmachen und sagen: Lasst uns reden. Das gilt für übrigens beide Seiten.

Sie haben gerade das Risiko des Beifalls aus der falschen Ecke angesprochen.

Soll ich deswegen schweigen? Dann würden die ja nur noch lauter. Aber vielleicht sind sie ja auch so mit ihrem eigenen Skandal beschäftigt, dass sie abgelenkt sind.

Wenn man Ihren Film sieht, sagt man reflexartig: So etwas darf es in diesem Land nicht geben.

Genau. Aber es darf auch keine Gewalt an Frauen geben, es darf keine Form des Extremismus geben, auch keinen Rechtsextremismus. Es darf auch in der katholischen Kirche keinen Missbrauch an Kindern geben.

Wie viel Toleranz halten Sie angesichts solcher Geschehnisse wie dem Mord an Aynur noch für angebracht?

Es gibt eine feige Toleranz, die nur wegschiebt und sagt, das sei deren Kultur. Und es gibt eine engagierte Toleranz, die bedeutet, dass man in den Austausch geht. Ich gehöre zu denjenigen, die immer gesagt haben, das müsse ich verstehen. Aber irgendwann, lange vor den Dreharbeiten, merkte ich: Ich habe keine Lust mehr, es zu verstehen. Warum sagst du „Fick dich, du Hure“? Warum zielst du mit der Waffe auf deine eigene Schwester? In welcher Not bist du eigentlich, die dazu führt? Und was hast du jetzt davon?  

Foto: dpa/Soeren Stache

Produzentin des Films ist Sandra Maischberger, die auch mit dem Thema auf Sie zugekommen ist. Wie würden Sie ihren Stil als Produzentin beschreiben?

Mich hat selten ein Mensch so verblüfft wie Sandra. Sie vertritt klare Inhalte, ist sehr engagiert hier in Berlin, Neukölln, Sie wird den Film auch in die Schulen bringen. Sie hat sich sehr in der Finanzierung engagiert, weiß dass sie Freiräume schaffen muss, um in die eigene Kreativität zu kommen und sich zu trauen.           


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