Serie: „Die wilden Zwanziger“ Der Einstein des Sex

Arzt, Jude, Revolutionär: Magnus Hirschfeld gilt als Vorreiter der Schwulenbewegung. 1919 gründet er in Berlin sein „Institut für Sexualwissenschaft" und wird zum Feind der Nationalsozialisten. Dieses Portrait stammt vermutlich aus dem Jahr 1930. Foto: picture-alliance/akg-imagesArzt, Jude, Revolutionär: Magnus Hirschfeld gilt als Vorreiter der Schwulenbewegung. 1919 gründet er in Berlin sein „Institut für Sexualwissenschaft" und wird zum Feind der Nationalsozialisten. Dieses Portrait stammt vermutlich aus dem Jahr 1930. Foto: picture-alliance/akg-images

Osnabrück/Berlin. Inmitten der wilden Zwanzigerjahre bricht Sexualforscher Magnus Hirschfeld mit dem „Institut für Sexualwissenschaft" in Berlin Tabus – und wird mit seinem Kampf für die Rechte von Homosexuellen zum Reichsfeind Nummer eins. Das Wirken des „Einstein des Sex" überdauert die Zeiten.

Dort, wo heute das Kanzleramt steht, geschieht vor 100 Jahren Ungeheuerliches: Am 6. Juli 1919, einem warmen Sommertag und gut eine Woche, bevor die deutsche Delegation unter Protest den Versailler Vertrag unterzeichnet, eröffnet der Arzt Magnus Hirschfeld das weltweit einzigartige „Institut für Sexualwissenschaft“. Hirschfeld, der kurz zuvor seinen 51. Geburtstag feierte, erfüllt sich damit einen Traum. Und es dauert nicht lange, bis das neue Institut zur Institution wird und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland ebenso anzieht wie die Berliner selbst. Ärzte halten Vorträge, das Archiv füllt sich, ebenso Vitrinen, in denen Sexspielzeug aus aller Welt gezeigt wird. Und es gibt Beratungen für alle, die unter Problemen mit ihrer Sexualität leiden. Hirschfeld, reich geworden mit einem Potenzmittel namens „Titus-Perlen“, bricht Tabus – und rennt zugleich offene Türen ein. Das wilde Berlin zwischen den Weltkriegen bietet den perfekten Rahmen. 

Ungefähr dort, wo heute das Kanzleramt mit seiner eigenwilligen Konstruktion steht, eröffnet 1919 der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld sein "Institut für Sexualwissenschaft". Foto: Maurizio Gambarini/dpa


Berlin in den Zwanzigern: „Prima Perversitäten“

Die Reichshauptstadt präsentiert sich verrucht, enthemmt, sexuell aufgeladen. Die Rezession treibt viele in die Elendsprostitution, sogenannte Strichjungen bieten sich ebenso an wie Frauen jedweden Alters, ja sogar Schwangere. Nachtlokale locken Heterosexuelle, Schwule und Lesben gleichermaßen an, Transsexuelle und Transvestiten sind keine Seltenheit. Clubs und Netzwerke bilden sich. Rund 100.000 Berliner, so schätzt Hirschfeld damals, sind homosexuell. Er selbst gehört dazu. Und in keiner anderen Metropole der damaligen Zeit wird die gleichgeschlechtliche Liebe derart offensichtlich gelebt. Klaus Mann, Sohn des Schriftstellers Thomas Mann und ebenfalls homosexuell, verschlägt es mit 17 Jahren nach Berlin. Die Ungezügeltheit begeistert ihn: „Das Berliner Nachtleben, Junge-Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen! Früher hatten wir mal eine prima Armee; jetzt haben wir prima Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl!“

„Das Berliner Nachtleben, Junge-Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen!", notiert Schriftsteller Klaus Mann in den Zwanzigern beeindruckt. Foto: picture-alliance/dpa


Fruchtbarer Boden

Das Engagement des Mediziners trifft auf fruchtbaren Boden, das Institut nebst benachbarter Pension für Forscher und jene, die Hilfe und Beratung suchen, blüht schon bald auf. Kein Wunder, Hirschfeld ist in der gerade geborenen Weimarer Republik nicht irgendwer, sondern anerkannter Sexualarzt, Sexualreformer, Empiriker, fleißiger Publizist und gerichtsfester Gutachter. Seine Potenzperlen haben ihn vermögend gemacht, er investiert in zwei Villen in bester Lage und eröffnet sein Institut. Er ist auf dem Zenit seines Wirkens.

Entkriminalisierung der Homosexualität: Tabubruch sondergleichen

Hirschfeld, am 14. Mai 1868 in Kolberg im heutigen Polen in eine liberale jüdische Medizinerfamilie hineingeboren, kämpft zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahrzehnten für die Entkriminalisierung und Gleichberechtigung von Homosexuellen. Ein Tabubruch sondergleichen. „Hirschfeld war ohne Frage mutig“, sagt Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die nicht nur das Erbe des revolutionären Arztes bewahrt und bekannter macht, sondern sich ebenfalls der Erforschung der Lebenswelten von Homosexuellen sowie Trans- und Intersexuellen widmet. Eine Aufgabe, die auch die Große Koalition in Berlin würdigt. „Die Arbeit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ist für die Förderung der Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Deutschland unverzichtbar“, heißt es im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Das hätte sich Hirschfeld zu Lebzeiten wohl nicht träumen lassen.

Dieses Foto des Transvestiten Herbert „Hertha" Haase überlässt Magnus Hirschfeld der Berliner Morgenpost. Gedruckt wird es am 28. März 1930. Foto: picture-alliance/ullstein-bild


Von Faschisten verprügelt

Tatsächlich weht ihm ein scharfer Wind entgegen. Auch deshalb, weil er keineswegs im Verborgenen agiert. Bereits am 15. Mai 1897 gründet er in seiner Wohnung das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee“ (WhK), dessen Ziel es ist, sexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren. Über eine Petition, die auf die Tilgung des fraglichen Paragrafen 175 aus dem Strafgesetzbuch abzielt, debattiert der Reichstag. Doch sie scheitert. Es sollte noch bis zum 11. Juni 1994 dauern, bis der Paragraf, nach dem insgesamt etwa 140.000 Männer bestraft wurden, endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte landet. 

Doch Hirschfeld bestellt viele Felder. 1919 schreibt er das Drehbuch für „Anders als die Andern“, den ersten offiziellen Schwulenfilm der Filmgeschichte. Und übernimmt eine Rolle: Er verkörpert einen Arzt, der erklärt, dass Homosexualität keine Krankheit ist – er spielt also sich selbst. Hirschfeld, der Jude, der Schwule, der Herausgeber des „Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen“, wird schon früh zum Feindbild der erstarkenden Nationalsozialisten, die 1933 an die Macht kommen sollten. Bereits in den Zwanzigerjahren wird er von Faschisten verprügelt. Von einer Welt- und Forschungsreise, die er 1931 antritt, kehrt er aus Sicherheitsgründen nicht nach Deutschland zurück.

Umstrittene Thesen

Ohne Frage ist Hirschfeld nicht nur kraftvoller Wegbereiter der Schwulenbewegung, sondern auch Kind seiner Zeit – was zwingend kritisch betrachtet werden muss. Bis heute gilt er aufgrund seines biologistischen Ansatzes als umstritten, und das zu recht. Der Eugenik gegenüber war er aufgeschlossen. Eugenik, so formuliert er es beispielsweise in seinem Buch „Weltreise eines Sexualforschers im Jahre 1931/32“, bezwecke „die Hervorbringung besserer und glücklicherer Menschen“. 1913 nimmt Hirschfeld an einer Diskussion der „Gesellschaft für Rassenhygiene“ zur Einführung von „Ehegesundheitsattesten“ teil.

Entdeckungen, Irrwege, Erfolge

Auch an Experimenten ist Hirschfeld beteiligt, und es wurde viel experimentiert. Erst wenige Jahrzehnte zuvor entdeckten Ärzte bis dato unbekannte „chemische Regler" im Körper, heute bekannt als Hormone. Auch Genitaloperationen aller Art werden immer häufiger probiert. Mancherorts versuchen Ärzte, Homosexuelle nicht mehr per Psychotherapie "umzupolen", sondern mithilfe von Operationen, etwa indem man ihnen Keimdrüsen heterosexueller Männer einpflanzt. Versuche, die scheitern. 

Im Institut für Sexualwissenschaften wird ebenfalls operiert. Sogenannte Transvestiten, die sich im falschen Körper fühlen, wenden sich hilfesuchend an Hirschfeld und seine Mitarbeiter. Hirschfelds Institut ist einer der wenigen Orte, wo man den Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung nicht nur versteht, sondern unterstützt. Einigen werden die Hoden entfernt. 1931 berichtet Abteilungsleiter Felix Abraham von der ersten vollständig gelungenen Geschlechtsumwandlung zweier Transvestiten. 

Ein Mann, der polarisiert

Insbesondere, was seine Einlassungen zur Eugenik angeht, scheint Hirschfeld in Teilen der Ideologie der Nationalsozialisten gar nicht so fern zu sein – und doch steht er weit von ihr entfernt. Ein Widerspruch, der historisch und kulturpolitisch zu erklären ist. Auch ist seine Macht begrenzt. „Von einem bedeutsamen theoretischen Beitrag oder gar einem herausragenden politischen Einfluß Hirschfelds kann, was die Entwicklung eugenischer Vorstellungen betrifft, nach den bekannten Quellen nicht die Rede sein“, schreibt Andreas Pretzel, Kulturwissenschaftler und Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft im Jahr 2000 in einer Replik auf Texte des Hirschfeld-Kritikers Peter Kratz. Einige sehen Hirschfeld eher Freidenkern nahestehend, andere betonen, er sei vor allem Vertreter einer damals neuen Ethik auf naturwissenschaftlich-biologischem Fundament. Hirschfeld polarisiert – damals und heute.

„Gefahr für die sogenannte arische Rasse“

In den Dreißigern reicht den Nationalsozialisten Hirschfelds Einsatz für die Rechte homosexueller Männer, um in ihm ein Sicherheitsrisiko zu sehen. „Homosexualität galt ihnen als Gefahr für Bevölkerungswachstum und die sogenannte arische Rasse“, schreibt Sexualforscher und Medizinhistoriker Günter Grau in seinem Aufsatz „Die Verfolgung der Homosexualität im Nationalsozialismus“. Auch der Erfolg von Hirschfelds Institut bleibt den Faschisten nicht verborgen. Hirschfeld, der Jude, der Lobbyist für Schwule, Lesben und Transsexuelle, wird zum Reichsfeind Nummer eins.

Institut gestürmt, Bücher verbrannt

Kurz nach der Machtübernahme 1933 ist es Hirschfelds Institut, das in Berlin als eines der Ersten gestürmt wird und dessen Bücher auf den papierenen Scheiterhaufen der Nazis landen. Der Arzt selbst, der von seiner Weltreise direkt ins Exil nach Frankreich gegangen war, erlebt dies von ferne. In Paris sieht er die dramatischen Ereignisse in der "Wochenschau". Den Kriegsausbruch indes bekommt er nicht mehr mit: Am 14 Mai 1935, seinem 67. Geburtstag, stirbt Hirschfeld in Nizza an den Folgen seiner schweren Diabetes-Erkrankung. Sein junger, aus Asien stammender Liebhaber soll bei ihm gewesen sein. Auf seinem Grabstein eingemeißelt wird Hirschfelds Wahlspruch: „per scientiam ad justitiam“ – durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. Und kein Text über ihn kommt heute ohne den Ehrentitel „Einstein des Sex“ aus. 

Hirschfelds Erbe

Der wissenschaftliche Ansatz von Magnus Hirschfeld mag überholt sein, sogar falsch. Doch sein Kampf gegen die Kriminalisierung von Homosexuellen und für die Akzeptanz von Trans- und Intersexuellen überdauert die Zeiten und hat damit einen ganz eigenen Wert. Zitate wie: „Die Begriffe übernatürlich, unnatürlich und widernatürlich sind Zeichen mangelnder Naturerkenntnis“ oder „Die Menschen sind, wenn überhaupt etwas, dann von Geburt an ungleich“, zeugen davon. Eine Gedenkstätte mit Gedenktafeln und sechs übermannsgroßen Calla-Lilien in den Farben des Regenbogens ebenfalls. Sie liegt direkt gegenüber vom Kanzleramt – am Magnus-Hirschfeld-Ufer der Spree.


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