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"Wild Grammar" in der Kunsthalle EMAF-Ausstellung zum Thema Sprache überzeugt nicht ganz

Ein steriler Traum von Sauberkeit: Das Video "The Dust Channel" von Roee Rosen ist hoch im Kirchenschiff der Kunsthalle Osnabrück installiert. Foto: Jörn MartensEin steriler Traum von Sauberkeit: Das Video "The Dust Channel" von Roee Rosen ist hoch im Kirchenschiff der Kunsthalle Osnabrück installiert. Foto: Jörn Martens 

Osnabrück. "Wild Grammar": In der Ausstellung des European Media Festivals 2019 geht es um den Sinn von Sprache und die Grenzen der Kommunikation. Das Thema ist aktuell gewählt. Dennoch findet die Ausstellung selbst nicht zuverlässig zu ihrer eigenen Sprache. Denn nicht alle Beiträge sind wirklich aussagekräftig.

Wie klingt Willkommenskultur? Das "You´re welcome" tönt zuerst noch freundlich aus dem Lautsprecher. Aber nach und nach verformt die anonyme Stimme die Formel höflichen Willkommens in eine Mitteilung frostiger Ablehnung. Jonas Paul Willisch baut mit Lautsprecher und Stuhl eine Wartezone in die Kunsthalle Osnabrück. "You´re welcome": Die Stimme und ihr Klang signalisieren, wer passieren darf und wer abgewiesen wird. Sprache vermittelt nicht zwischen den Menschen drinnen und jenen draußen, sie sorgt für Abstand. Eine bittere Pointe.

Sie leiten das European Media Art Festival 2019 in Osnabrück: Hermann Nöring, Katrin Mundt und Alfred Rotert (von links) in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Jörn Martens


Mediales Rauschen

"Wild Grammar": In der Ausstellung des 32. European Media Art Festivals (EMAF) geht es um Sprache, um Verständigung und Missverstehen. Was kann Sprache als Mittel der Verständigung heute leisten? Wer diese Frage stellt, nimmt die skeptische Antwort bereits vorweg. Soziale Netzwerke, Bilder, Streamings, Blicke und Gesten: Der Tumult der Idiome nimmt Sprache die Verlässlichkeit. Das mediale Rauschen hat fatale Konsequenz. Mitten im Krisengetümmel der Gegenwart verstärkt es die allgemeine Verunsicherung. Die aktuelle Ausgabe des European Media Art Festival setzt bei diesem Befund an.



Das Thema zerfasert

Das attraktive, weil aktuelle Thema hat allerdings seine Tücken. Hermann Nöring und Franz Reimer haben aus 450 Vorschlägen 16 Lichtinstallationen, Soundobjekte und bewegliche Kunstwerke ausgewählt und mit ihnen die Kunsthalle Osnabrück bestückt. Viele dieser künstlerischen Beiträge sind aussagekräftig. Dennoch fehlt es der Ausstellung insgesamt an thematischer Stringenz und künstlerischer Brillanz. Das Thema zerfasert, weil die Kuratoren ihrem Gegenstand Sprache eine allzu große thematische Bandbreite zubilligen. Zudem entfaltet kaum eine der Installationen in der Halle des Kirchenschiffs eine so große Präsenz, dass sie unmittelbar faszinieren könnte.

Die Künstlerin Catharina Szonn hat ihre Installation aus einem Wäscheförderband und Objekten in der Kunsthalle installiert. Foto: Jörn Martens


Hooligans groß im Bild

Das gilt gerade für beiden augenfälligsten Werke. Das Künstlerduo Wermke/Leinkauf setzt auf zwei großen Bildschirmen Bilder von Hooligans in Szene. Die Hooligans randalieren mal im Fußballstadion, dann wieder mischen sie bei Freiheitskundgebungen mit und mobilisieren im Istanbuler Gezi-Park, bei dem Arabischen Frühling oder bei den Unruhen am Maidan in Kiew die Menschenmassen. Aber was soll das sagen? Sind Randale und Demonstration wirklich nicht zu unterscheiden? Am 9. Mai 2019 diskutieren Vertreter des Vfl Osnabrück und der Fanszene in der Kunsthalle über die Frage von Fans und Gewalt. Dem Video wird das jede Menge Aufmerksamkeit sichern. Künstlerisch bleibt es dennoch bei aller Bildgewalt seltsam vage.

Förderband aus der Wäscherei

Nur wenige Meter von "4. Halbzeit" entfernt ruckeln an einem Förderband, das vormals in einer Wäscherei seinen Dienst tat, skurrile Objekte im Kreis herum. Die Künstlerin Catharina Szonn möchte ihren Apparat als Gleichnis eines Fortschritts verstanden wissen, der sich in leerem Kreislauf erschöpft. Auf Leuchtschriften ziehen Textbotschaften über den Apparat, der obendrein Textbänder zerschreddert. Die mit "Flexible Erwartungsauffälligkeit" sperrig betitelte Arbeit besetzt mit der Vierung des Kirchenschiffs den prominentesten Platz der Ausstellung. Das Werk mixt Klassiker der Objektkunst wie Jean Tinguely und Bruce Nauman zu einer weiteren Ausmünzung. Wirklich aktuell und thematisch zwingend wirkt das nicht.

Der Sinn der Worte

Wer die Faszination der aktuellen EMAF-Ausstellung erleben möchte, sollte sich an ihre leiseren Beiträge halten. Jens Pecho installiert Tafeln wissenschaftlicher Texte und eine Soundspur, auf der das Wort "Nothing" in "No Thing" zerlegt wird. Pecho trifft den Punkt, an dem der Sinn von Worten zerfällt und der Autoritätsgestus von intellektuellen Texten fragwürdig wird. Nicolas Maigret und Maria Roszkowska lassen in ihrer Installation "Predictive Art Bot" einen Algorithmus Wörter aus Twitter-Botschaften zu neuen Kurztexten komponieren. Sinn entsteht zufällig, Bedeutung wird brüchig. Beide verdanken sich ohnehin eher sozialen Kontexten als dem Wortlaut einer Sprache.

Talk und TV

Kunst kann all das konstatieren und damit die Grenzen von Kommunikation aufzeigen. Genau das leisten die Werke der aktuellen EMAF-Ausstellung. Sie spüren einer Sprache nach, die eingesetzt wird, um Menschen zu trennen, statt zu verbinden, die Wirklichkeit eher verstellt, als den Blick auf sie zu öffnen. Das zeigt die Gruppe von "Studio Hallo" mit seinen Videos, die landläufige TV-Formate wie Talk und Frühstücksfernsehen skurril verfremden. Genau im Sinn dieser Absicht leistet die ganze Ausstellung wirksame Aufklärungsarbeit. Weil den Kuratoren der thematische Fokus von Sprache zwischen Text und Körpergestus allzu sehr verschwimmt, ist die Präsentation aber nur in Teilen wirklich plausibel und sehenswert. 

Osnabrück, Kunsthalle: Wild Grammar. Ausstellung des European Media Art Festival. Eröffnung: Mittwoch, 24. April 2019, 19.30 Uhr. Bis 26. Mai 2019. Öffnungszeiten: Mi., 24. April, bis 22 Uhr. D., 25. April bis Sa., 27. April, 10-22 Uhr, So., 28. April, 10-20 Uhr. Danach: Di., 13-18 Uhr, Mi.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. Zu Informationen zur EMAF-Ausstellung geht es hier.


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