Neu im Kino "Avengers: Endgame": Eine Marvel-Geschichte vom Tod

Helm ab: In "Avengers: Endgame" führt Marvel die Geschichte aus 21 Filmen zusammen. Foto. Marvel Studios 2019Helm ab: In "Avengers: Endgame" führt Marvel die Geschichte aus 21 Filmen zusammen. Foto. Marvel Studios 2019

Berlin. Lange wurde kein Film erwartet wie „Avengers: Endgame“. Das Marvel-Finale ist im Kino – und alles dreht sich um den Tod.

#DontSpoilTheEndgame – verderbt das Finale nicht! Als kürzlich Szenen des vierten „Avengers“-Films ins Netz geraten waren, haben die Regisseure Joe und Anthony Russo diesen Hashtag persönlich zum Twitter-Trend gemacht. Heute kommt ihr Werk ins Kino; und die Mahnung hallt bis in die Dialoge nach: Mal spricht einer der Helden letzte Worte auf Band – und bittet, sie nicht ins Netz zu stellen. Mal verweigert eine seherische Figur den Ausblick auf das Ende und begründet es so: „Wenn ich es ausspreche, verändert sich die Geschichte.“


Alles, nur nicht spoilern

Ein Wort zu viel, und alles ist zerstört: Nie war das Tabu des Geheimnisverrats so mächtig wie bei „Avengers: Endgame“. Warum? Das vierte „Avengers“-Abenteuer beschließt eine – die einzige – Kinoreihe, die mit jedem einzelnen Teil über eine Milliarde Dollar eingespielt hat. Zugleich werden die losen Enden sämtlicher Marvel-Adaptionen verknüpft, jenes geschlossenen Superhelden-Universums, das 2008 mit „Iron Man“ begann und inzwischen die erfolgreichste Leinwand-Marke aller Zeiten ist. Die Russo-Brüder setzen einen Schlusspunkt unter nicht weniger als 21 Filme und elf Jahre Kinogeschichte. Wobei es nur ein vorläufiges ist: Die Marvel-Studios produzieren selbstverständlich weiter, auch wenn sie nun vielleicht, womöglich, wahrscheinlich einen oder mehrere Hauptfiguren sterben lassen.

Wovon handelt „Avengers: Endgame“?

Nicht wenige sind schon tot: Der letzte „Avengers“-Teil endete schließlich mit einem Massenmord. Der Superschurke Thanos hat 50 Prozent allen Lebens ausgelöscht, im ganzen Universum. Offenbar musste wirklich die halbe Welt sterben, um dem Marvel-Kino eine neue Richtung zu geben. Mit dem Erfolg der „Guardians of the Galaxy“ (2014/2017) oder „Thor: Tag der Entscheidung“ (2017) war das ohnehin launige Epos immer humorvoller und auch selbstbezüglicher geworden. „Avengers: Endgame“ setzt sich nun deutlich davon ab. 

Gleich die erste Sequenz zeigt, wie Hawkeye beim großen Exitus Frau und Kinder verliert. In der zweiten schließt der im Weltall treibende Iron Man mit dem eigenen Leben ab: Ihm geht der Sauerstoff aus. Die Russos erzählen von Trauer und Todeserwartung ihrer Figuren und nehmen sich viel Zeit dafür; in der ersten von drei Stunden Laufzeit gibt es wenig zu lachen. Erst als die verbliebenen Avengers sich nach und nach neu formieren, kehren auch die Pointen zurück. Mit jedem neuen Auftritt wird der Tonfall lustiger; am Ende ziehen die Superhelden dann mit dem gewohnten Kampfgeist in die Schlacht – auf dass sie den Gegner nicht nur mit der Waffe, sondern auch mit gut gezielten Pointen treffen.

Wie die „Avengers“ vom Tod erzählen

Der Film heißt nicht zufällig „Endgame“. Alles dreht sich diesmal ums Sterben; und das neue, mal nüchterne, mal verzweifelte Verhältnis der Helden zum Tod gehört zu den Stärken des Blockbusters. Auch wenn die Autoren erkennbar darum ringen: Der Film beschwört die Notwendigkeit, „das Ende als Teil der Reise“ zu akzeptieren; zugleich inszeniert er ein prächtiges Aufbegehren gegen den Tod. Er bemüht sich um ein ehrliches Bild der Trauer – tröstet sich aber immer wieder mit dem Sinn eines Todes im Dienst der höheren Sache. Einmal kämpfen die Avengers dabei sogar um das edle Vorrecht des Selbstopfers. Sowieso ist nie ganz klar, was sie nach der Niederlage gegen Thanos eigentlich am dringlichsten retten wollen: Milliarden von Leben oder die eigene Ehre? 

Auch aus seiner schwierigsten Frage laviert der Film sich so raus: Darf man Unschuldige opfern, wenn es dem Überleben der Mehrheit dient? Thanos hatte das auf seine Weise beantwortet, als er die Überbevölkerung im Massenmord beendete. Dass es dem Ökosystem des Planeten Erde danach tatsächlich besser geht, diese provozierende Einsicht spricht der Film einmal aus, um sie dann ganz schnell wieder zu vergessen. Und jener Avenger, der nun ebenfalls das Leben Dritter aufs Spiel setzt, kommt am Ende noch mit einem ethisch unbedenklichen Heldentod davon.

Der Film als auratisches Erlebnis

Wenn alles überstanden ist, verzeichnen die Schlusstitel die Namen der Hauptdarsteller diesmal mit ihrer eigenen Unterschrift. Die Avengers signieren das eigene Werk – auch wenn die Handschrift aus dem Computer kommt. Gerade dieser Widerspruch bringt auf den Punkt, was die Begeisterung für die Marvel-Welt im Ganzen ausmacht – mitsamt der Angst vor Spoilern. Einerseits sind die Comic-Filme ein hochkalkuliertes Kunstprodukt, das Frauen und Männer, Alte und Junge, Amerikaner und Chinesen gleichermaßen ansprechen soll. Andererseits lieben all diese Fans die Filme als Original, bei dem die erste, ungestörte Sichtung zur auratischen Erfahrung wird.  

„Avengers: Endgame“. USA 2019. R: Anthony und Joe Russo. D: Robert Downey Jr., Brie Larson, Scarlett Johansson, Chris Hemsworth. 182 Minuten. FSK ab 12 Jahren.

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