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Bildertresor auf dem Hochplateau Gerhard-Richter-Schau in der Neuen Nationalgalerie Berlin


Berlin. Die neue Nationalgalerie wird zum Schrein für das Werk Gerhard Richters: Mit rund 130 Gemälden und Objekten aus allen Phasen seines Schaffens inszeniert Berlin eine Ausstellung, mit der Richters Nachruhm schon zu Lebzeiten beginnt. Die zum medialen Großereignis avancierte Schau zeigt ein Lebenswerk als Zeitkommentar und Wahrnehmungskritik im Medium der Malerei.

„Panorama“: Der Ausstellungstitel formuliert den Anspruch totaler Übersicht und behauptet zugleich die völlige Unangreifbarkeit von Richters Werk. Richters Auftritt gestern vor mehreren Hundert Medienvertretern illustrierte genau diese Konstellation. Als Maler ein Genie, als Selbsterklärer ein völliger Ausfall – so ließ der Künstler die Fragen der Journalisten eher an sich abprallen, als sie zu beantworten. Was er davon hält, bedeutend zu sein? „Missachtet zu werden wäre viel schlimmer.“ Ob ihm die Porträts seiner Familienangehörigen wertvoll seien? „Die Bilder gehören mir gar nicht. Ich mag sie aber.“ Gerhard Richter konterte Fragen mit lakonischer Einsilbigkeit. Manche seiner Halbsätze gingen ganz im allgemeinen Geräuschpegel unter. Die Pressekonferenz als surreale Soundcollage – diesem Nullpunkt sprachlicher Artikulation entspricht ein Lebenswerk, das als Rätsel fasziniert, weil es in allen Sprachen der Malerei redet.

Udo Kittelmann, Direktor der Neuen Nationalgalerie, und sein Team haben gemeinsam mit Richter dessen Werk wie einen hermetisch verschlossenen Bildertresor inszeniert. In das Erdgeschoss des Baus von Bauhaus-Klassiker Ludwig Mies van der Rohe – eigentlich bloße Empfangshalle – haben die Ausstellungsmacher einen Kubus eingestellt, an dessen Außenwand die 196 Bilder des Zyklus „4900 Farben“ wie ein Fries aus abstrakten Farbfeldkompositionen entlanglaufen. Durch die Glaswand des sachlich kühlen Baus schimmern nun Richters knallige Farben: Schon damit wird sein Werk als Summe der Moderne inszeniert. Zudem thront „Panorama“ auf der Sammlungspräsentation der Neuen Nationalgalerie mit deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts im Untergeschoss so, als finde deren Entwicklung mit Richters Œuvre ihren vorläufigen Kulminationspunkt. Eine mutige These.

Das wichtigste Argument für diese Sicht auf Richter gewinnen die Kuratoren mit einem simplen Ordnungsprinzip: dem der Chronologie. Im zeitlichen Nacheinander wird dieses Werk als gewaltige Parallelaktion der Bildgattungen und Malstile sichtbar. Bilderproduktion als Bilderverarbeitung: Diesem Prinzip verdankt Richters Malerei ihre durchschlagende Aktualität wie ihre irritierende Rätselhaftigkeit. So hängt nun „Tante Marianne“, Bild gewordenes Trauma des Dritten Reiches, neben der prosaischen „Klorolle“, die Komposition aus knallbunten Farbschlieren neben den Bildern der monochromen „Grau“-Serie oder einer Tizian nachempfundenen „Verkündigung“. Dieses Nebeneinander hat subtile Methode. Es demonstriert die kühle Gleichgültigkeit medialer Bildverwertung – und setzt dagegen das Bemühen, Einzelbilder zu fixieren, die als Erinnerungsstücke bewahrt werden sollen. Richters Werk handelt von der Doppelnatur des Bildes als Repräsentant der Realität und als leerer Spiegel. Hier das fotorealistische Gemälde, das wie ein Schnappschuss aus dem Familienalbum aussieht, dort der gerahmte Spiegel, in dem der Betrachter nur sich selbst sieht: So radikal gegensätzlich zeigt Richter uns, was wir von Bildern zu halten haben.

Richters Gemälde sind trotzdem richtige Stars. Eine ganze Reihe von ihnen bietet diese Ausstellung. „Tante Marianne“ gibt es ebenso zu sehen wie „Ema (Akt auf einer Treppe)“, die „Lesende“, ein Porträt von Richters zweiter Frau, ein Exemplar der „Kerzen“-Serie, die für Auktionsrekorde sorgte, und das verwischte Bild „September“, mit dem Richter 2005 auf die Anschläge in New York vom 11. September reagierte. Und der Zyklus „18. Oktober 1977“? Die Bilderserie zum Selbstmord der RAF-Terroristen in Stuttgart-Stammheim hängt separiert in der Alten Nationalgalerie inmitten von Bildern des 19. Jahrhunderts – eine befremdliche Historisierung. Damit wird der Gegenwartsbezug von Richters Kunst abgeschliffen. In Berlin erscheint Gerhard Richters Werk vor der Zeit historisiert. Die Präsentation inszeniert ihre eigene Ergriffenheit angesichts so vieler Bilder, die längst zu Mythen entrückt sind. Diese Schau wirkt wie ihr kleinstes Exponat, das Objekt „Kugel“ aus Edelstahl von 1992. „Kugel“ ist wertvoll und unpersönlich, perfekt und unnahbar – so wie die ganze Inszenierung.

Berlin, Neue Nationalgalerie: Panorama. 12. Februar bis 13. Mai. Di., Mi, Fr., 10–18 Uhr, Do., 10–22 Uhr, Sa., So., 11–18 Uhr. Alte Nationalgalerie: Gerhard Richter: „18. Oktober 1977“. www.gerhardrichterinberlin.org.


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