Der Schlüssel zu Leichtigkeit des Seins Warum es lohnt, den „Happy Sound“ von James Last zu hören

Liebte es bunt im Outfit und in der Musik: James Last. Foto: Universal MusicLiebte es bunt im Outfit und in der Musik: James Last. Foto: Universal Music

Osnabrück. James Last steht für musikalische Leichtigkeit. Dabei ist er alles andere als ein musikalisches Leichtgewicht, sondern ein Bandleader, der für Überraschungen gut ist.


Zum Nachhören

James Last:
The Album Collection. 25 CDs und James Last - The Very Best Of. 3 CDs. Universal Music


Das ist er also, der perfekte Musikgemischtwarenladen: Von Bach bis Beatles, von volkstümlich bis Vodoo bietet er an, was sich mit Tönen so anstellen lässt. Zielpublikum: jede und jeder zwischen 8 und 80 Jahren. Musik auf den größtmöglichen gemeinsamen Nenner gebracht: Das ist James Last.

Ein paar nüchterne Fakten belegen den Erfolg dieses Modells. James Last hat seit Mitte der 1960-er Jahre 80 Millionen Alben verkauft und dafür 208 Goldene Schallplatten und 17 aus Platin erhalten, ist mit etlichen Preisen ausgezeichnet worden. Elvis Presley hat Songs von ihm gesungen, er hat die Titelmelodien zu „Traumschiff“ und „Hitparade“ komponiert und Filmmusik für Leander Haußmann - selbst die heutige Jugend kann sich James Last kaum entziehen, und wer vor 1970 geboren ist, ist ohnehin mit den Schallplatten im Plattenschrank der Eltern aufgewachsen. Das macht ihn vielen suspekt. Auch, weil Lasts Erfolgsrezept simpel aussieht: Er kocht aus Rock, Pop, Klassik und volkstümlicher Musik ein leicht verdauliches Süppchen, das sich unter dem Label „Happy Sound“ erstklassig verkauft. Und sicher: James Last wollte die Menschen unterhalten. Doch James Last ist kein wirtschaftliches Phänomen. Sondern ein hochmusikalisches. Am 9. Juni 2015 ist er in West Palm Beach in Florida gestorben; an diesem Mittwoch wäre er 90 Jahre alte geworden

Geboren am 16. April 1929 in Bremen als Hans Last, avancierte er in der Nachkriegszeit zum führenden deutschen Jazzbassisten. Das hat er auch gepflegt; Ingolf Burkhardt, Trompeter der NDR Big Band ist heute einer der maßgeblichen Jazzmusiker in Deutschland, sagt: 

„Er hat es sich nicht nehmen lassen, bei Aufnahmen den Bass selbst zu spielen.“

Als junger Mann hat Burkhardt gelegentlich in Lasts Orchester mitgewirkt und noch heute spricht er mit größter Hochachtung von „Hansi“, wie ihn Freunde und Weggefährten nennen.

Musiker ohne Vorurteile

Diese Hochachtung hat damit zu tun, dass Hansi keine musikalischen Vorurteile hegt. Stattdessen genießt er die Freiheit, die Polka unterlegt mit launigem Swing zu unterlegen, mit leuchtenden - und irre schwierigen - Trompetenparts Volkslieder zu dehnen und zu stauchen, für den langsame Satz aus einem Klavierkonzert von Mozart feine Streicherschleier nach eigenem Muster zu weben. Stücke von Carlos Santana leben von der gleichen rhythmischen Power wie die Originale, und für Seemanns- und Faschingslieder ist er sich auch nicht zu schade. Und unter all dem finden sich echte Highlights: die Songs des Flower-Power-Musicals „Hair“, der Latinrock auf der „Voodoo-Party“ oder die Gesamteinspielung der „Dreigroschenoper“.


Das zeigt, wie unscharf der Begriff „Happy Sound“ den James-Last-Stil beschreibt. Darunter fallen die gewöhnungsbedürftigen „La-La“-Chöre, die süßlichen Streicher mit ihrem präzise arrangierten Halleffekt, das perfekt ausbalancierte Zusammenspiel der Trompeten links und rechts, die groovende Rhythmusgruppe. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner: Musik war für James Last der Schlüssel zur Leichtigkeit des Seins, und das bis ins hohe Alter. „Viele Leute gehen zur Kur, ich gehe auf Tour“, sagte er einmal. Tatsächlich war er weltweit unterwegs: Japan, Neuseeland, Europa, Sowjetunion, und immer wieder Großbritannien, das gleich die „Hansimania“ ausrief.

Für das Privileg, Menschen unterhalten zu dürften, hat Last hart gearbeitet. So nahm er bis zu zwölf LPs pro Jahr auf - die Arrangements dafür schrieb er abends nach Aufnahmesitzungen und womöglich nach den obligatorischen Partys mit seinen Musikern, die den Aufnahmesessions folgten. Denn Gemeinschaft war ihm wichtig. „Er war wie ein Daddy“, sagt Ingolf Burkhardt, und entsprechend umsorgte Last seine Musiker. Deshalb hatte jeder seiner Musiker den Schlüssel zu einem Bungalow, den Last ihnen eingerichtet hatte, mit Swimmingpool, Quadrophonie-Musikanlage, gut gefülltem Kühlschrank und wohlsortiertem Weinkeller. Außerdem bezahlte er überdurchschnittlich gut - wer in der James Last Band spielte, konnte weitere Engagements lässig ausschlagen, damals wie heute eine seltenes Privileg für einen Jazzmusiker. Aber Last forderte Leistung: Bei Aufnahmen, Tourneen und auf Partys. Die waren offenbar so intensiv, dass Lasts Arzt irgendwann auf die Bremse drückte - nicht weil er sich um Hansis Leber sorgte, wie der Bandleader befürchtete. Sondern der Musiker wegen, die nicht über eine derart robuste Konstitution verfügten.

Foto: dpa


In der Lust zu feiern fließen Kunst und Leben ineinander. 1965 kam die erste „Non Stop Dancing“-Platte auf den Markt - musikalisch weniger interessant, kommerziell umso mehr. Das Konzept schlug so bombig ein, dass zwanzig Jahre „Non Stop Dancing“-Platten folgten. Das Geheimnis: In Medleys surfte er von Pop zu Rock zu Schlager, der Musik wurde Partygeklapper unterlegt oder die Aufnahmesessions gleich zu veritablen Feiern ausgebaut - zumindest wird das kolportiert. Jedenfalls hat diese Musik die Wohnzimmer der Menschen, die tagsüber das Bruttosozialprodukt steigerten, in Partyzonen verwandelt. 1985 hatte sich das Konzept überholt - nicht aber Hansis Lust auf Party. Zum 65. Geburtstag, erinnert sich Ingolf Burkhardt, „gab er erstmal einen 65 Jahre alten Armagnac aus.“

Foto: Lars Göhrmann


Das musikalische Geheimnis des Erfolgs drückt sich jedoch in dem Satz aus, den Burkhardt vor dem edlen Weinbrand von Hansi zu hören bekam. „Es ist mir wichtig, dass jeder Musiker in den Bläsersätzen seinen eigenen Sound einbringt“, sagte James Last zu Burkhardt - Ensemblegeist als Folge maximaler Individualität. Hansi tat alles dafür, diesen Geist zu stärken: Zur Crew gehörte ein Koch, der während er Aufnahmesessions das Drei-Gänge-Menü zubereitet hat, mit dem ein Arbeitstag der James Last Band ausgeklungen ist. 

So ist der Ruf von James Last unter Musikern weitaus besser als unter seinen Kritikern, denen seine Massentauglichkeit immer suspekt geblieben ist. Dabei wollte er immer nur eines: gute Musik machen. Wie gesagt: Berührungsängste kannte er dabei nicht. Sonst hätte es Ende der 1990-er Jahre kaum die erfrischende Zusammenarbeit mit den Rappern von Fettes Brot gegeben. Bei James Last findet eben jeder etwas. Garantiert.


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