Der Mythos der Kathedralen Notre-Dame fasziniert als Sinnbild der Perfektion

Dieses Unglück schockiert Europa und erinnert an den Mythos der Kathedralen: Rauch steigt von der brennenden Kathedrale Notre-Dame auf. Nach dem verheerenden Brand am 15. April 2019 in der Pariser Kathedrale Notre-Dame sind die Flammen komplett gelöscht. Foto: Oleg Cetinic/AP/dpaDieses Unglück schockiert Europa und erinnert an den Mythos der Kathedralen: Rauch steigt von der brennenden Kathedrale Notre-Dame auf. Nach dem verheerenden Brand am 15. April 2019 in der Pariser Kathedrale Notre-Dame sind die Flammen komplett gelöscht. Foto: Oleg Cetinic/AP/dpa 

Paris. Der Brand von Notre-Dame in Paris schockiert. Das Unglück trifft mit dem Gotteshaus auch ein kulturelles Format, das Europa eint. Die Kathedrale fasziniert als Sinnbild kollektiver Leistung wie als Versprechen von Bedeutung und Kontinuität. Mythos Kathedrale: ein Porträt.

Ja, Esmeralda fesselt die Sinne, rührt das Herz, und der bucklige Glöckner Quasimodo verdient alles Mitleid. Gina Lollobrigida und Anthony Quinn spielen sich 1956 als Hauptdarsteller von „Der Glöckner von Notre-Dame“ mitten in die Herzen der Kinofans und gleichzeitig in die Filmgeschichte. Aber das Rührstück um die feurige Zigeunerin und den hässlichen Glöckner, um Liebe und Verrat, ändert nichts daran, dass die wahre Heldin dieses Kassenknüllers im Hintergrund bleibt, still, majestätisch, faszinierend – und aus Stein. Diese Heldin heißt Notre-Dame. Es ist die Kathedrale selbst, die im Film wie im wahren Leben als Sehnsuchtsort und Wahrzeichen die Menschen anzieht.  Hier weiterlesen: Der Brand von Notre-Dame - der Liveblog zum Unglück in Paris.




"Königin unserer Dome"

 Victor Hugo sprach von der Kirche des Pariser Erzbischofs als der „alten Königin unserer Dome“. Er nannte seinen 1831 publizierten Kolossalroman nicht nach dem Glöckner, sondern schlicht „Notre-Dame de Paris“. Mythos Kathedrale: Der Wunderbau, der mitten in Frankreichs Hauptstadt auf einer Flussinsel thront, spielt die Hauptrolle in einem Stück, das größer ist als alle Blockbusterfilme. Es handelt von den XXL-Formaten unter den Gotteshäusern. Als Bischofskirchen beanspruchen Kathedralen schon Hauptrollen. Aber sie avancieren auch zu Mythenmaschinen der langen Kulturgeschichte. Warum eigentlich? Weil jede Kathedrale nicht nur Ort der Verkündigung, des Gottesdienstes und des Gebets ist, sondern auch sichtbare Synthese fast aller denkbaren Kulturleistungen. Die Kathedrale ist Sinnbild für den großen Bau schlechthin, Summe vieler Anstrengungen, Symbol der Perfektion selbst. Victor Hugo nannte Notre-Dame „eine ungeheure steinerne Symphonie“, pries ihre Fassade als „wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit“. Seine Worte sind mehr als schöne Prosa. Victor Hugo entfacht im 19. Jahrhundert nicht nur eine neue Begeisterung für die zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene Notre-Dame, er entfesselt auch frische Begeisterung für Kathedralen überhaupt.



Landmarken der Geschichte

Zwölf Millionen Menschen pilgern jedes Jahr zur Pariser Notre-Dame, deren Grundstein 1163 gelegt wurde. Die Kathedrale von Reims, von deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg zerschossen, brachte Franzosen und Deutsche in der Versöhnung zusammen. Der Aachener Dom steht als Kirche Karls des Großen für den Beginn deutscher Geschichte, der erst spät vollendete Kölner Dom symbolisiert den langen Weg der Deutschen zur nationalen Einheit. Kathedralen orientieren, nicht nur als Mittelpunkte der Kirche, sondern auch als Landmarken der Geschichte.  Hier weiterlesen: "Es bricht einem das Herz" - Reaktionen auf das Unglück von Paris.

Feuerwehrleute und Spezialisten begutachten das Dach der Kathedrale Notre-Dame. In der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame in Paris war am 15. April 2019 ein Feuer ausgebrochen. Über dem Wahrzeichen waren Flammen und eine riesige Rauchsäule zu sehen. Der Vierungsturm in der Mitte des Daches stürzte ein. Foto: Marcel Kusch/dpa


Antwort auf Sehnsüchte

Wenn es um Kathedralen und ihre Faszination geht, zählen nicht allein schiere Größe und ein auf Hochtouren laufender Besichtigungstourismus. Diese Bauten antworten auf Sehnsüchte, die jeder Mensch hat. „Die Kathedralen rufen ein Gefühl von Zuversicht, Vertrauen, Frieden hervor. Wodurch? Durch ihre Harmonie“, schreibt Frankreichs Jahrhundertbildhauer Auguste Rodin in seiner 1910 erschienenen Hommage an die „Kathedralen Frankreichs“.



Geheimnis der Geometrie

Als Meisterwerke der Baukunst beeindrucken sie vor allem mit ihrer perfekten Ausgewogenheit. Matthäus Roriczer, einer der Erbauer von Sankt Lorenz in Nürnberg, lüftet 1486 für einen Moment jenes Geheimnis, das in den Dombauhütten so sorgsam gehütet wird. In seinem „Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit“ beschreibt er genau, wie nicht nur Haupt- und Querschiffe des Gotteshauses, sondern auch seine schlanken Ziertürme, die Fialen, nach den Regeln der Geometrie angeordnet werden. In ein Grundquadrat werden die nächsten jeweils über Eck eingeschrieben – so erhebt sich der Zierturm wie ein sich verjüngender Obelisk über dem Kirchenschiff.  Hier weiterlesen: Der Brand von Notre-Dame - wie gefährdet sind deutsche Kathedralen.

Bauplan der Schöpfung

Die perfekte Proportion aber befriedigt nicht nur das Auge, sie steht auch symbolisch für den Bauplan der Schöpfung selbst. Eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert zeigt Gott als Geometer, als bärtigen Baumeister, der mit dem Zirkel in der Hand die Erde vermisst. Aus Zirkelschlägen konstruieren die Architekten des Mittelalters auch das Maßwerk, das Bögen und Fenster und vor allem die in die Fassade eingelassene Fensterrose ziert. Die Fensterrose von Notre-Dame ist mit einem Durchmesser von 13 Metern nicht nur majestätisch groß, sie leuchtet auch im milden Schimmer einer violetten Lichtwelle, die durch den ganzen Riesenbau flutet.

Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, steht vor der brennenden Kathedrale Notre-Dame. Ein verheerendes Feuer hat die weltberühmte Pariser Kathedrale Notre-Dame verwüstet. Foto: Philippe Wojazer/Pool Reuters/AP/dpa


Am Limit der Schwerkraft

Besteht nicht jede Kathedrale eigentlich aus Licht? Als Bau strebt sie mit schlanken Säulen und großen Fensterflächen in die Höhe. Die außen angebrachten Strebewerke fangen den tonnenschweren Druck der waghalsig hochgezogenen Gewölbe ab. Jede Kathedrale verblüfft bis heute als gebauter Grenzgang am Limit der Schwerkraft. Gewölbe und Türme weisen steil nach oben, das einströmende Licht scheint das Mauerwerk der Wände in Nichts aufzulösen. Derart waghalsige Architektur will mehr sein und bedeuten als sie selbst. Mit jeder Kathedrale ist nichts weniger gemeint als ein Gleichnis des himmlischen Jerusalems – und eine Wiederkehr des verlorenen Tempels Salomos als Inbegriff der Vollkommenheit der Welt.

Magie der geheimen Mitte

Die Kathedrale entgrenzt das Leben und führt es wie in einer geheimen Mitte wieder zusammen. In dieser Dynamik liegt ihre Magie. Die großen Kirchen sind Schatzhäuser der Kunst und mit ihrem reichen Figurenschmuck gemeißelte Erzählungen. Sie wollen erkundet sein und geben Wege vor. Und sie überwölben wie ein schwebender Baldachin schützend den Raum – ob für kostbare Reliquien oder jeden Besucher. Als zentrales Bauformat des Kontinents eint die Kathedrale Europa. Sie überbrückt die Grenzen von Epochen wie von Nationen und entfaltet ein kulturelles Muster, das für Millionen lesbar ist. Jede Kathedrale gibt Stabilität als Anker in der Zeit, als Versprechen einer Kontinuität, die niemals abreißt. In der Kathedrale bündelt sich kollektive Anstrengung. Deshalb auch erkennen sich in ihr alle wieder. 



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