Buch "Ich kann Dich hören" Gelungener Debütroman über Störgeräusche in Beziehungen

Autorin der sensiblen Sprache: Katharina Mevissen. Foto: Denise SterrAutorin der sensiblen Sprache: Katharina Mevissen. Foto: Denise Sterr

Osnabrück. Die Welt ist eigentlich viel zu laut. Mit Autorin Katharina Mevissen lernen wir wieder, auf leise Töne zu hören. In Ihrem Roman "Ich kann Dich hören" erzählt sie von Dissonanzen in Beziehungen. Ihr Buch ist eines der wichtigen literarischen Debüts der Saison. Dieser Roman klingt nach.

Eigentlich ein dämliches Wortspiel für einen Cellisten: Osman hat die Prüfung vergeigt. Als er vorspielt, entgleiten ihm die Töne. Dissonanzen durchziehen auch sonst sein Leben. Der schiefe Ton als hörbarer Aufweis eines Lebens, dem es an harmonischem Zusammenklang fehlt – dies ist das Thema von Katharina Mevissens Debütroman „Ich kann Dich hören“ und zugleich dessen leitende Metapher.

Fund auf der Treppe

Mevissen erzählt von einem Nachwuchsmusiker, der sich nicht nur auf dem Konzertpodium ausprobiert. Osmans Leben hat noch lange nicht die Konsistenz einer schönen Partitur. Dafür zerfasert es zu sehr in unverbundene Stimmen und Motive. Sein Verhältnis zum Vater ist ebenso ungeklärt wie zu Luise, der Mitbewohnerin in der WG, der er seine Liebe nicht gestehen mag. Und dann findet Osman auf einer Bahnhofstreppe auch noch ein Diktiergerät, dessen Tonspur Gespräche von einer ganz anderen, für seine Verhältnisse lauten und heftigen Beziehung enthält. Die 1991 geborene Katharina Mevissen intoniert mit ihrem ersten Roman ein leises Debüt. Die Autorin steigert sich in keinen Erzählrausch, sie entfaltet eine Geschichte, die man für banal halten könnte, so alltäglich scheint das, was dem Musiker Osman widerfährt. 

Buch der großen Themen

Dafür verwebt Katharina Mevissen große Themen mit sicherer Leichtigkeit. Der Übergang von einem Lebensalter in das andere, die junge, beginnende Liebe, die sich in der Trennung der Eltern spiegelt, Heimat und Migration, dazu die Suche nach Identität in all ihren Dimensionen – all das behandelt dieses kleine Buch, das doch in jedem Moment den zurückhaltenden Ton eines intimen Kammerspiels wahrt.

Ich atme die Töne

„Ich lehne das Cello gegen mich, oder es lehnt sich an mich. Meine Schläfe sinkt gegen den Wirbelkopf. (...) Ich atme nur. Atme hinter den Tönen her, die sich durch das Zimmer bewegen“: Bei Katharina Mevissen avanciert jede Figur zum Klangkörper ihrer selbst, zu einem Instrument, das sich seiner Umwelt über Töne und ihren Zusammenklang mitteilt. „Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, / nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, / der aus zwei Saiten eine Stimme zieht“: Diese Verse aus Rainer Maria Rilkes „Liebes-Lied“ haben in dem Roman ihren späten Nachhall. Mevissen spielt mit dem Bild von menschlichen Beziehungen als Klängen, die miteinander kommunizieren und sich abhören lassen – als Botschaften der Liebe wie des Konflikts.

Neue Kultur des Hörens

Damit lenkt die Autorin die Aufmerksamkeit auf einen Sinn, mit dem in einer von zu vielen Geräuschen überfüllten Welt derzeit bedrückend rabiat umgegangen wird. Augen können wir schließen, die Ohren nie. Umso sensibler müsste mit dem Gehör umgegangen, ja der Weg zu einer neuen Kultur des Hörens gefunden werden. Statt dessen dominieren schiere Lautstärken. In dem Roman von Mevissen wird es nur einmal laut – als Osman und Luise mit Wucht leere Flaschen in den Glascontainer werfen. Wenn es scheppert, löst sich der Beziehungsknoten: So will Mevissen verstanden werden. Ihr erstes Buch macht Hoffnung, Hoffnung auf eine neue, leise, Stimme in dem Stimmengewirr der Literatur.

Katharina Mevissen: Ich kann Dich hören. Roman. Wagenbach Verlag. 168 Seiten. 19 Euro. Zur Verlagsinformation über den Roman geht es hier.


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