„An der Schwelle zur Ewigkeit“ „Van Gogh“: Wie spielt Dafoe (63) das 37-jährige Genie?

Willem Dafoe ist Van Gogh, so wie er sich selbst in seinen Bildern sah. Foto: DCMWillem Dafoe ist Van Gogh, so wie er sich selbst in seinen Bildern sah. Foto: DCM

Berlin. Willem Dafoe (63) spielt das jung gestorbene Genie im Malerei-Film „Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit“. Wie das?

Vincent van Gogh wurde im Kino immer wieder dargestellt, und das von ganz verschiedenen Schauspielern: 1956 von Kirk Douglas, in den 90ern von Tim Roth und Jacques Dutronc, 2010 von Benedict Cumberbatch. Eins hatten alle gemeinsam: Sie waren wenigstens grob im Alter des Malers, der mit 37 Jahren starb. Willem Dafoe, mit der Rolle in Venedig als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet, ist dagegen ein Vierteljahrhundert älter, als sein Vorbild je wurde: 63 Jahre. 



Zu alt und gerade deshalb ähnlich

Schon unabhängig von Dafoes Schauspielkunst erreicht Julian Schnabels Film mit dem Coup eine starke Wirkung: Denn obwohl die Besetzung offensichtlich „falsch“ ist, gelingt gerade durch sie eine besonders starke Ähnlichkeitsbeziehung. Die Annäherung gilt nur nicht dem realen Mittdreißiger, sondern seinen Selbstporträts: Und da erweist sich Dafoes kantiges Gesicht sich mit all seinen Furchen als überraschend gute Entsprechung der markanten Linien Van Goghs.

Malerei-Film des Malers Schnabel

Bevor Julian Schnabel mit seinem Künstlerfilm „Basquiat“ (1996) als Regisseur debütierte, war er selbst schon ein berühmter Maler. Sein „Van Gogh“-Film ist nun weniger die Geschichte einer tragischen Existenz, sondern die seiner Ästhetik. Das Drehbuch, das den Van Gogh ins südfranzösische Arles begleitet, skizziert zwar auch seine materielle Not, seine Angst, den Verstand zu verlieren, und die Entstehungsumstände seiner späten Meisterwerke. Der Fokus liegt aber auf seiner Kunstauffassung.

Van Goghs Ästhetik ist die Geschichte

Immer wieder lässt Schnabel ihn sein Werk diskutieren. Im Gespräch mit der Wirtin spielt er die vergängliche Schönheit von Blumen gegen die überdauernde Kraft der Malerei aus. In Werkstattgesprächen mit dem Freund Gaugin bekennt er sich zu einer Malerei des Augenblicks, zur Erkenntnis, die die Natur übersteigt und sich trotzdem aus ihr ableitet. Einem Priester gegenüber, den die Moderne anekelt, vergleicht sich Van Gogh mit Jesus, der ebenfalls erst von der Nachwelt begriffen wurde – so wie der Maler es für zutreffend auch sich selbst vorhersagt.

Mit der Kamera malen

Schnabel referiert all diese Positionen nicht nur; er führt sie auch vor. Im Kern verfolgt er damit – wenn auch auf eine völlig andere Weise – ein ähnliches Anliegen wie das letzte„Van Gogh“-Biopic „Loving Vincent“ (2017): Der Animationsfilm, der aus über 65.000 echten Ölgemälden besteht, will Malerei zu Kino machen. Darum geht es auch Schnabel, nur, dass er das Vorbild nicht reproduziert, sondern nach filmischen Entsprechungen zu Pinsel und Leinwand sucht: Den schnellen Strich des Malers setzen verrissene Kameraschwenks um. Prägnanz und Dringlichkeit der gemalten Porträts fangen extreme Nahaufnahmen ein. Van Goghs Arbeit mit dem natürlichen Licht wird zum Sonnenlicht, das sich in der Kamera bricht. Und die Idee einer Wirklichkeit hinter dem bloßen Augenschein findet sich nicht nur im Spiel mit Filtern und Unschärfen wieder, sondern auch in einem Soundtrack, der expressive Musik mit dem Rauschen des Windes verbindet. Wo „Loving Vincent“ mit massivem Aufwand die Nachahmung erprobt, beantwortet Schnabel die Techniken des einen Mediums mit denen des anderen – und demonstriert so zugleich die Möglichkeiten der beiden Künste, in denen er selbst zuhause ist.

Dass das Ergebnis kein abstrakter Experimentalfilm wird, sondern trotz allem einfühlendes Erzählkino, verdankt sich dem Hauptdarsteller, der als Van Gogh die Getriebenheit seiner Schurkenrollen mit einer großen Verletzbarkeit ergänzt.

„Van Gogh – At Eternity’s Gate“. USA/F 2018. R: Julian Schnabel. D: Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac. 111 Minuten. FSK ab 6 Jahren. Filmstart: 18. April 2019.

Van Gogh und sein Bruder Theo. Foto: DCM
Vincent van Gogh in Arles. Foto: DCM



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