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Subversiv und doch lustig Bildhauer und Aktionskünstler: Nachruf auf Franz West


Osnabrück. Schöne Schweinerei: 2003 versenkt Franz West am Kunsthaus Bregenz eine knallrote Ducati mit laufendem Motor in Fangoschlamm. Dann verfrachtet West das total verdreckte Motorrad in den Ausstellungsraum. Der Clou: Die Maschine hatte Kunstsammler Mick Flick zur Verfügung gestellt. Der kauft die Ducati nach der Ausstellung teuer zurück. Kein Wunder: Der Künstler hatte das Gefährt mit Aktion und Präsentation ja auch gehörig aufgewertet.

Plastik und Performance, Krawall und Kunstbetrieb: Franz West betrieb seine Kunst als offensive Grenzüberschreitung zwischen Objekt, Kommunikation und Interaktion. West brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig gefragter Lieferant für das High-Price-Segment der großen Kunstmessen und ihrer Sammlerklientel zu sein, und glaubhaft als Ruhestörer vom Dienst des sauber eingehegten Kunstbetriebs durchzugehen. Dass Franz West gestern mit 65 Jahren in genau dem gleichen Alter wie sein älterer Bruder Otto Kobalek (1930–1995) gestorben ist, liest sich im Hinblick auf Wests Profil wie ein sprechendes Detail. Kobalek war Arbeiterdichter und Wiener Original im Umfeld von Helmut Qualtinger. Etwas von der Quälgeistigkeit dieser Herrschaften hat auch Franz West in unablässiger Bewegung gehalten.

Der in Wien bei Bruno Gironcoli ausgebildete Bildhauer hat früh lästige Gattungsgrenzen weggesprengt. West erprobte Kunst als Körperfortsatz – wie bei seinen „Paßstücken“ – oder als Areal einer auf Kommunikation und Austausch angelegten Lebenspraxis wie bei der Installation aus lauter Stühlen, mit denen er 1997 die Kasseler Documenta-Halle für Catherine Davids Diskursmarathon „100 Tage, 100 Gäste“ belastungsfähig herrichtete. Wests Konzept fügt sich passgenau in das künstlerische Kräftefeld, das Franz Erhard Walther mit seinen „Werksätzen“, Rebecca Horn mit ihren Objekten als Körperfortsetzungen und die Wiener Aktionisten mit ihren Happenings aufgespannt haben.

Der Flirt mit später gemiedenen Schmuddelkindern der Künste hat Franz Wests Reputation eher befördert als gehemmt. Mit Großobjekten bestückte er Präsentationen von der Kölner „Westkunst“ (1981) bis zur Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. Skulptur-Projekte in Münster, zweimal Documenta, dazu der Goldene Löwe der Biennale von Venedig, der 2011 für ihn gerade noch rechtzeitig kam – Franz West hat die Ruhmeshalle der Gegenwartskunst bis in den letzten Winkel ausgeschritten. Seine Objekte haben als exzessiv geformte visuelle Neurosen noch in ihrer abstoßenden Direktheit begeistert. Darin liegt das Erfolgsgeheimnis einer Kunst, die selbst im größten Erfolg vor subversivem Appeal nur so blitzte. Frech und frei hat West die Kunst mitten hinein in das Leben befördert, aus dem der Künstler allzu früh gehen musste. Schade. Na denn, servus Franz.


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