Design-Klassiker gibt es heute noch Die neue Lust auf die Lieblinge des Bauhauses

Von Stefan Lüddemann und Joachim Göres

Das helle Licht der Moderne: Julia Bulk mit Bauhausleuchte, Direktorin der Wilhelm Wagenfeld Stiftung. Foto: Jens Weyers © VG Bild-Kunst, Bonn 2019Das helle Licht der Moderne: Julia Bulk mit Bauhausleuchte, Direktorin der Wilhelm Wagenfeld Stiftung. Foto: Jens Weyers © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Bremen. Bauhausleuchte und Freischwinger: Die legendäre Hochschule bestimmt weiter unser Leben - mit Designprodukten, die so selbstverständlich modern wirken, dass wir sie kaum als Klassiker der Gestaltung wahrnehmen, die vor fast hundert Jahren entstanden. Einen Fehler hatten sie aber schon in ihrer Entstehungszeit.

Vielleicht ist die Bauhaus-Leuchte nicht ihr Leben, aber ihren Heimweg bestimmt sie schon. "Wenn ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre, dann zähle ich die Leuchten, die ich den Fenstern sehe. Mein Rekord liegt bei 18", sagt Julia Bulk mit einem Lächeln. Bulk leitet die Wilhelm Wagenfeld-Stiftung in Bremen. Designer Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) kreiert 1924 die nach ihm benannte Leuchte mit der markanten Kuppel aus Opalglas. Die Lampe führt die Riege jener Ikonen der Bauhausform an, die heute immer noch produziert werden. Julia Bulk hat ein Exemplar im Büro stehen - und sieht weitere, wenn sie durch ihre Stadt radelt. Hier weiterlesen: Mythos Bauhaus - eine kurze Geschichte in fünf Kapiteln.

Bauhausleuchte im Film „Neues Wohnen“ (Haus Gropius), 1926 (Filmstill) © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Aus dem Arbeiterviertel

Bremen war auch die Stadt Wilhelm Wagenfelds, der im Arbeiterviertel Walle zur Welt kommt. Mit gerade einmal 24 Jahren gelingt ihm am Bauhaus in Weimar mit der Leuchte ein Geniestreich. Ein Exemplar der Leuchte schickt er an seine Eltern in Bremen. "Später kam dieses gute Stück als Dauerleihgabe in unsere Sammlung. Es dürfte wohl eines der ersten Modelle sein", sagt Julia Bulk und ergänzt: "Diese Lampe befriedigte sofort die Sehnsucht nach dem Neuen". Und in der Tat: Wagenfelds Leuchte trifft bei ihrem Erscheinen den Nerv. Sie ist sofort präsent, in Magazinen und Filmen. Schöner Wohnen ohne Bauhausleuchte - das geht schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht.


Geometrische Grundformen

Kreis, Kugel und Zylinder als geometrische Grundformen, Metall und Glas als Material - Wagenfeld bringt mit seiner "Tischleuchte MT 8", so der korrekte Typenname, das gestalterische Programm des Bauhauses auf den Punkt. Die Lampe wirkt konsequent und lässig zugleich, sie ist perfekt, ohne steril oder gezwungen zu wirken. Wagenfeld, zu jener Zeit ein junger Mann mit Wuschelkopf und Pfeife, hat den siebten Sinn für zeitlose Schönheit. Nach der berühmten Leuchte formt er weitere Designklassiker, die jeder schon einmal in der Hand gehabt hat, so wie die Cromarganschale oder die Salz- und Pfefferstreuer "Max und Moritz", beide für WMF. Die sind allerdings preiswerter als die Leuchte. In der seit 1980 aufgelegten Re-Edition der Bremer Firma Tecnolumen liegt ihr Kaufpreis bei rund 400 Euro. Hier weiterlesen: Totales Tanztheater - die aktuelle Vision im Geist des Bauhauses.

Gropius gibt den Anstoss

Der hohe Preis ist auch schon zu Zeiten des Bauhauses das Problem. Der Grund: Was so seriell und genormt aussieht, läuft in den zwanziger Jahren nicht vom Band. Die Bauhäusler fertigen die Lampe in ihrer Metallwerkstatt Stück für Stück in aufwendiger Handarbeit. "Am Bauhaus sind wahrscheinlich nicht mehr als ein paar hundert der Leuchten entstanden", vermutet Julia Bulk. Den Anstoss für das Projekt gibt seinerzeit Bauhaus-Direktor Walter Gropius. Der Architekt vermisst die Bauhausleuchte. Wagenfeld entwirft sie. Ob allein oder gemeinsam mit dem Schweizer Designer Carl Jakob Jucker bleibt bis heute umstritten. In den Augen von Julia Bulk hat Jucker nicht die ideale Linie gefunden. Die gelang wohl erst Wagenfeld mit seiner Lampenkreation.

Gute Gestaltung für eine neue Welt

Das haben auch die Zeitgenossen schon so gesehen. Wagenfelds Lampe ist so perfekt, dass sie zum Inbegriff des Bauhauses avanciert. Julia Bulk attestiert ihr "utopisches Potenzial" und sagt: "Diese Leuchte ist Zeuge der Hoffnung, mit guter Gestaltung die Welt besser machen zu können". Trotzdem darf auch die Bauhausleuchte nicht überfordert werden. Sie sei halt eine Lampe für angenehmes Streulicht, meint die Leiterin der Wagenfeld-Stiftung in Bremen. "Als Schreibtischlampe war sie nie gedacht", schränkt die Wagenfeld-Expertin ein und handelt in ihrem eigenen Büro konsequent. Da steht die Bauhauslampe auf dem Sideboard. Auf dem Schreibtisch von Julia Bulk steht die Lampe Tizio von Richard Sapper mit den legendären Schwenkarmen. Kein Bauhausprodukt, aber auch ein Designklassiker.

Zeit der Freischwinger

Zu den Ikonen des Bauhauses, die heute immer noch hergestellt werden, gehören auch der 1920 von Walter Gropius entworfene Direktorensessel F 51 für das Dessauer Bauhaus, die Freischwinger von Ludwig Mies van der Rohe (1927) und von Marcel Breuer (1928). „Das Bauhaus-Jubiläum beschert uns eine wachsende Nachfrage“, sagt Christian Drescher. Er ist Geschäftsführer von Tecta, der größte Produzent von originalgetreuen Stühlen, Tischen, Sesseln, Sofas, Regalen und Lampen nach Entwürfen von Bauhauslehrern und –schülern. Hier weiterlesen: Weimarer Republik und Massenkultur - Expertin Sabina Becker im Interview

Eine junge Frau betrachtet eine Kinderwiege des Bauhaus-Schülers Peter Keler von 1922 im Bauhausmuseum Weimar. Foto: Hendrik Schmidt/dpa


Streit um Plagiate

In Lauenförde (Kreis Holzminden) stellen rund 50 Tecta-Mitarbeiter in Tischlerei, Schlosserei, Flechterei und Polsterei lizensierte Reeditionen her. „Wir erwerben die Lizenzen vom Bauhaus-Archiv Berlin und bekommen dafür das Bauhaus-Signet für werkgetreue und lizensierte Herstellung“, sagt Drescher. Er weiß, dass im Internet viele vermeintliche Bauhaus-Produkte angeboten werden: „Man hat es immer wieder mit Plagiaten zu tun, einige Streitfälle gehen auch vor Gericht.“

Farbe für Japan

Während Formen und Maße nicht verändert werden, richtet Tecta sich bei den Stoffen und der Farbauswahl nach den Wünschen der Kunden. Gropius‘ F51 war einst aus Kirschbaumholz gefertigt. Heute gibt es ihn in drei verschiedenen Hölzern, sieben Materialoberflächen und 141 Farben, insgesamt in 564 Kombinationen. „Sonst hätte man keine Chance auf dem Markt“, sagt Drescher. Mit Abstand wichtigstes Exportland ist Japan. Zum Jubiläum haben Designer Bauhaus-Modelle weiterentwickelt. Einige der Entwürfe, die sich durch Hochglanzlack auszeichnen, hat Tecta in sein Programm aufgenommen. „Wir wollen so bewusst junge Leute ansprechen. Das Interesse der Kunden ist groß“, freut sich Drescher. Die Bauhaus-Neuinterpretationen werden derzeit in der Ausstellung „BauhausNowhaus“ präsentiert. Sie ist Teil der Dauerausstellung des Kragstuhlmuseums in Lauenförde, in dem mehr als 1000 Stühle ohne Hinterbeine zu bestaunen sind.  


Frei von der Schwerkraft

Der Architekt Mats Stam entwickelte 1926 den ersten starren Kragstuhl (von kragen = überstehen). Der tragende Rahmen besteht meist aus einem gebogenen Metallrohr. Durch diese Konstruktion kann auf Hinterbeine verzichtet werden. Mies van der Rohe und Breuer führten die elastische Variante des für das Bauhaus typischen Stuhls ein. Wer sich darauf setzt, schwingt federnd etwas nach hinten – daher der Begriff Freischwinger, eine besondere Form des Kragstuhls. Der langjährige Tecta-Leiter Axel Bruchhäuser: „Die Idee, sich von der Schwerkraft der Erde zu lösen, lag damals in der Luft und war in den Köpfen der Visionäre Gropius und El Lissitzky verankert.“ Von der einstigen Bauhaus-Idee, Gebrauchsmöbel in gutem Design für jedermann erschwinglich herzustellen, ist allerdings nicht viel geblieben: Die Wiege von Peter Keler kostet 1900 Euro, der Direktorensessel von Walter Gropius 2500 Euro. 



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN