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Premiere im Theater am Domhof "The Producers": Genial absurdes Musical begeistert das Publikum

Dreamteam: Max Bialystock (Mark Hamman), Leo Bloom (Oliver Meskendahl) und Ulla Inga Hansen Benson Yonsen Tallen-Hallen Svaden-Svanson (Monika Vivell, von links), die Produktionsfirma des Musicals "Frühling für Hitler". Foto: Jörg LandsbergDreamteam: Max Bialystock (Mark Hamman), Leo Bloom (Oliver Meskendahl) und Ulla Inga Hansen Benson Yonsen Tallen-Hallen Svaden-Svanson (Monika Vivell, von links), die Produktionsfirma des Musicals "Frühling für Hitler". Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Nazi-Symbole auf der Theaterbühne sind ein Relikt aus den Hochzeiten der Regie-Berserker. Das Musical „The Producers“ wird dadurch aber erst richtig lustig.

So viel Hitler und Hakenkreuz war schon lange nicht mehr auf der Bühne des Theaters am Domhof. Das Perfide dabei: Eine wunderbar schwingende Musik verleiht dem Nazispiel zauberhafte Leichtigkeit. Das Lied „Frühling für Hitler“, begleitet einen auf dem Nachhauseweg, singt einen in den Schlaf, weckt einen. Ein echter Ohrwurm.

Zuckriger Tunten-Adolf

Die Musiknummer gibt einem Stück den Titel, das als Stück im Stück zum Herzen des Musicals „The Producers“ von Mel Brooks wird. Frauen und Männer in Nazi-Uniformen singen und schwingen die Beine und verbinden dabei Musicalglanz mit Stechschritt, und die Choreografie greift in Gesten das Hakenkreuz auf, das hinter der glitzernde Showtreppe prangt. Dazu singt ein zuckriger Tunten-Adolf „Heil für mich“: Der kantige Hitlergruß als sanfte Schwulengeste.

Ausgesprochen feinsinniger Humor ist das nicht. Nein, Filmregisseur, Komponist und Autor Mel Brooks macht aus dem Nazitum eine gnadenlose Lachnummer und reitet dabei genüsslich auf der Klischeekette Bayern = Tumb = Deutschland = Nazi herum. Das verpackt Brooks allerdings in eine liebevolle Hommage ans Musical der 40-er, 50-er Jahre.

So bedient er das konventionelle Muster und erzählt die Geschichte eines Loosers, der zum Sieger wird: Broadway-Produzent Max Bialystock muss zu Beginn einen veritablen Flop verdauen. Der Weg zum Erfolg führt aber nicht über den ultimativen Hit, sondern übers schlechteste Musical aller Zeiten. Der Buchhalter Leo Bloom gibt ihm die Idee ein, sich nach dem Flop mit demGeld der Mäzene nach Brasilien abzusetzen. Das passende Stück hat Altnazi Franz Liebkind geschrieben, eben „Frühling für Hitler“.

Für ein relativ kleines Haus wie das Theater Osnabrück bedeutet Brooks Musical einen immensen Kraftakt, den Schauspiel, Musiktheater und Tanzsparte gemeinsam stemmen müssen. Und weil aus Chor (Vorbereitung: Sierd Quarré) und Dance Company etliche Solorollen besetzt werden, ist die Besetzungsliste lang wie selten im Theater am Domhof.

Schräger Humor

Gebündelt hat diese Kräfte Schauspielchef Dominique Schnizer; er feiert damit seinen gelungenen Einstand ins Musiktheater. Dabei dürfte das Stück mit seinem schrägen Humor eine große Hilfe gewesen sein (nach seiner Premiere 2001 hat es 12 Tony Awards gewonnen). Entscheidend aber wird die Spiellust und die Qualität des Darstellerensembles.

Zentrales Element auf der Drehbühne ist eine düstere Gasse, die Leuchtreklameschilder erhellen: Der Broadway in New York. Eine Vierteldrehung weiter steht das Büro von Max Bialystock, auf der anderen Seite ein graues Büro, in dem Leo Bloom sein tristes Steuerberaterdasein fristet, und später das Dach, auf dem Altnazi Franz Liebkind – Stefan Haschke in einer Paraderolle – seine Tauben züchtet und auf die rechte Linie bringt (Bühne: Christin Treunert)

Die Richtung des Abends gibt das Symphonieorchester unter An-Hoon Song mit rauschenden Streicherklängen und fetzigem Big-Band-Jazz vor. Dazu kommt ein vorzügliches Ensemble: Mark Hamman verleiht Max Bialystock nicht nur Stimme, sondern auch Komik, die wiederum in der Fähigkeit zur Tragik wurdzelt, wie Hamman im ausgedehnten Song „Verrat“ kurz vor dem Finale vorführt. Oliver Meskendahl entwickelt den Leo Bloom vom schüchternen Buchhalter zum mutigen Macher, fügt sich perfekt in die Choreografien von Riccardo De Nigris und singt wunderbar. Vor allem aber grinst und heult er, schwitzt und riecht am Schnuffeltuch und arbeitet so die Verklemmtheiten und Psychosen Leos sehr komisch heraus – brillant.

Für die Portion Liebe schließlich, ohne die kein Musical auskommt, sorgt Monika Vivell als schwedische Musicalhoffnung Ulla mit perfekt getaktetem Slapstick. Auch ihr Gesang lässt sich hören, und so wird das Duett mit Leo zu Beginn des zweiten Aktes nicht nur musikalisch, sondern auch komödiantisch ein Höhepunkt des Abends. Und der herausragende Jan Friedrich Eggers macht den schwulen Regisseur Roger De Bris zur genialen Hitler-Tunte.

Schnizer orientiert sich bei aller Freiheit im Detail stark am Film aus dem Jahr 1968, aus dem Mel Brooks sein Erfolgsmusical entwickelt hat. Ein paar Seitenhiebe auf die AfD lässt Schnizer sich aber nicht entgehen: Altnazi Liebkind trägt zur Premiere von „Frühling für Hitler“ Gauland-Sakko und -Krawatte (Kostüme: Christin Treunert und Elisabehth Benning). All das sind die Zutaten für einen dreistündigen, sehr kurzweiligen Abend.

Infobox

Die nächsten Vorstellungen
Freitag, 29.3., Freitag, 5.4., Sonntag 7.4., jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: 0541 7600076



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