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Schau in der Bundeskunsthalle Verstörende Konfrontation mit Popstar Michael Jackson

Rein und unschuldig? So, wie ihn der Künstler Johannes Kahrs zeigt, können wir Michael Jackson nach den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs wohl nie wieder sehen. Johannes Kahrs Untitled (Jesus aged 43) 2015 oil on canvas 634 × 1114 mm Courtesy of the artist and Zeno X Gallery, Antwerp © Johannes KahrsRein und unschuldig? So, wie ihn der Künstler Johannes Kahrs zeigt, können wir Michael Jackson nach den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs wohl nie wieder sehen. Johannes Kahrs Untitled (Jesus aged 43) 2015 oil on canvas 634 × 1114 mm Courtesy of the artist and Zeno X Gallery, Antwerp © Johannes Kahrs 

Bonn. Darf man diese Bilder jetzt noch zeigen? Die Bundeskunsthalle zeigt Kunst zu Michael Jackson. Die Schau steht unter dem Druck von Missbrauchsvorwürfen gegen den King of Pop. Dessen Selbstverherrlichung ist kaum noch zu ertragen. Dennoch kann es auf die Frage nach der Berechtigung dieser Schau nur eine Antwort geben.



Ausgerechnet dort, wo sie am hellsten strahlt, hat diese Ausstellung ihre düsteren Zonen: David LaChapelle lässt Michael Jackson wie einen großen Führer auf leuchtendem Pfad schreiten, er inszeniert ihn als rettenden Engel, der den feuerroten Belzebub niederhält, und als leidenden Heiland, dem der Glitzerhandschuh von der erschlafften Hand geglitten ist. Die grellen Fotos strahlen im Ausstellungsraum wie Ikonen in einem dunklen Schrein als Zeichen bruchloser Verehrung. Aber kann es die für Michael Jackson nach drängenden Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern noch geben? Die Bonner Bundeskunsthalle inszeniert Michael Jackson nicht als König, sondern als Gott des Pop. Für den Besucher wird genau das zur schweren Prüfung. Wer mag jetzt noch dem Fankult um den sicher genialen Musiker und Entertainer Michael Jackson huldigen? Hier weiterlesen: Eine Erklärung und Podiumsdiskussionen - wie die Bundeskunsthalle mit Michael Jackson umgehen will.


Vorwürfe des Missbrauchs

"Leaving Neverland" heißt der Dokumentarfilm, in dem James Safechuck und Wade Robson erzählen, wie Michael Jackson sie über Jahre missbraucht habe. Radiosender haben daraufhin die Songs von Jackson aus dem Programm genommen, die Macher der Simpsons eine Folge mit dem King of Pop aus dem Fernsehen und aus Streaming-Diensten verbannt. Auch Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, spürte den Druck. Er hat sich dafür entschieden, die Ausstellung mit Werken von 40 Künstlerinnen und Künstlern zu Michael Jackson dennoch stattfinden zu lassen. In einer Erklärung nennt das Ausstellungshaus die Vorwürfe gegen den Musiker schockierend. Das allein wird nicht ausreichen, um mit den drängenden Fragen um den Glitzerstar umgehen zu können. Hier weiterlesen: Wann läuft "Leaving Neverland" im deutschen Fernsehen?


Was darf das Genie?

Denn längst geht es nicht mehr nur um schöne Bilder, wie sie zuerst Andy Warhol, auch ein King of Pop, seit 1982 von Michael Jackson geschaffen hat. Was darf das Genie? Um diese Frage geht es jetzt ebenso wie um das Verhältnis von Kunst und Moral, um eine Vergötterung, die wohl über Jahre ausblenden half, was das Bild vom hehren Heiland der Popkultur hätte eintrüben können. Die extreme Fallhöhe zwischen Genie und Millionen Fans schafft jene Räume, in denen Allmachtsgefühle wachsen und Räume für Missbrauch anderer entstehen können. Missbrauch hat mit Hierarchie zu tun. Bei Michael Jackson ist sie kaum steiler zu denken. Das macht das Phänomen Michael Jackson im Rückblick so problematisch, eine bruchlose Verehrung sogar unmöglich.

Michael Jackson - ein Held auf dem leuchtenden Pfad? David LaChapelle zeigt ihn so auf seinem Foto "An Illuminating Path", 1998, Courtesy of the Artist. © David LaChapelle

Bilder für die freie Debatte

Dabei darf Kunst alles. Sie darf glänzen und überzeugen, aber auch irren und scheitern. Sie liefert Stoff für die freie Debatte. Keine noch so gute Moral darf das unterbinden. Deshalb ist es richtig, dass die Bundeskunsthalle an ihrer Schau zu Michael Jackson festhält. Das Panorama beleuchtet in grandioser Weise, wie Popkultur Lebensgefühl und Alltag von Millionen prägen, ja völlig neu ausrichten kann. Michael Jackson liefert den bislang unübertroffenen Prototypen des Hyperstars, dessen durchschlagende Kraft sich nur im Medienzeitalter der Musikvideos und neuen Fernsehkanäle entfalten konnte. Auf dem Hintergrund der aktuellen Debatte liefert die Präsentation nun auch den Stoff für eine kontroverse Debatte um alle Heldenkulte des Medienzeitalters. Sie ist überfällig.

Glitzer und Größenwahn

Denn die Bonner Bilder können nun nicht mehr einfach genossen werden. Auch das Schmunzeln über den Größenwahn des Stars, über Glitzer, Strass und Glamour hilft nicht mehr weiter. Kurz vor seinem frühen Tod 2009 ließ sich der Popstar von Kehinde Wiley wie Spaniens Herrscher Philipp II. auf einem pompösen Reitergemälde im Stil des Meistermalers Velazquez abbilden. Das wirkte früher fast spaßig, heute jagt einem solche Selbstüberhöhung kalte Schauer über den Rücken. Der Ausstellungsbesuch avanciert zum Wechselbad der Gefühle, nicht nur an dieser Stelle. Denn viele Künstler haben mit ihren Bildern dem King of Pop gehuldigt. Als intelligente Analytiker haben sie meist versagt. In Bonn scheitert nicht nur ein Starkult, auch die Kunst macht keine gute Figur. Sie hat sich für einen Kult und sein Marketing einspannen lassen.

Fans singen "Thriller": Die Videoinstallation "King (a portrait of Michael Jackson)" von 2005 der Künstlerin Candice Breitz in der Ausstellung "Michael Jackson: On The Wall" in der Bonner Bundeskunsthalle. Foto: Henning Kaiser/dpa

"Thriller" nachgesungen

Damit sind auch jene Bildbotschaften kontaminiert, die Jackson früh als Ikone der Emanzipation von Minderheiten zeigen. Bilder nach Musikvideos wie "Thriller" oder "Bad" inszenieren den frechen, den aufmüpfigen Star, der nicht nur mitreissende Musik macht, sondern auch Afroamerikaner aus Lethargie und Minderwertigkeitsgefühlen holt. Die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz hat 16 eingefleischte Jackson-Fans das Album "Thriller" nachsingen und tanzen lassen. Sie wippen und singen nun auf dem Videofries in der Endlosschleife. Der Tag im Aufnahmestudio sei der beste Tag ihres Lebens gewesen, sagte eine der Fans, und bekannte, ihr "geregeltes Alltagsleben" zu hassen. Michael Jackson als Befreiung zum endlich wahren Leben - ist nicht auch dieses Lebensgefühl jetzt endgültig als Illusion entlarvt und damit zerstört? Ja, und zugleich kann nichts daran zurückgeholt werden. Der King of Pop lässt sich aus dem Kollektivgedächtnis von Millionen nicht einfach herausschneiden wie der mit MeToo-Vorwürfen belegte Schauspieler Kevin Spacey aus einem Film. Das Bild von Michael Jackson zirkuliert in allen Fasern der Popkultur. Daran kann auch das schärfste Verdikt nichts mehr ändern.

Andy Warhol: Michael Jackson 1984 Acrylic and silkscreen ink on linen 762 × 660 mm The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection | Contribution: The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. 1998.1.583 © 2019 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / VG-Bild-Kunst, Bonn 2019

Mit Bubbles im Arm

Wie gut, dass wenigstens einige der ausgestellten Künstler den Mythos des Pop kritisch befragen. Louise Lawler zeigt auf ihrem Foto "Michael" 2001 die Porzellanfigur, die Popkünstler Jeff Koons von Michael Jackson und seinem Affen Bubbles geschaffen hat und macht so den Kitsch des Pop selbst zum Motiv ihres Bildes. Die Plastik steht nun als übertreibende Kopie in der Ausstellung. Paul McCarthy hat die Proportionen der Figur von Koons satirisch überzeichnet. Für einen Moment wirkt es nun so, als sei Bubbles, den Jackson im Arm hält, einer der kleinen Jungen, mit denen er sich auf der Neverland-Farm umgab. Wo ist der Mensch Michael Jackson hinter der operativ veränderten Gesichtsmaske und der künstlich gebleichten Haut? Der Künstler Jordan Wolfson schnitt aus dem Video, in dem Michael Jackson die Vorwürfe des Missbrauchs bestritt, nur die Augen heraus. Sie irrlichtern nun als verlorene Schatten über die weiße Leinwand. Der King of Pop ist endgültig ins Zwielicht gerutscht. Ein "American Jesus", wie bei David LaChapelle, ist er sicher nicht. Dieses Bild wirkt jetzt einfach nur noch widerwärtig.

Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland: Michael Jackson. On the Wall. 22. März bis 14. Juli 2019. Di., Mi., 10-21 Uhr, Do.-So., 10-19 Uhr. Zu Information zur Ausstellung geht es hier.


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