Leben imitiert Kunst und umgekehrt Im Filmtheater: "Vorhang auf für Cyrano"

Tragische Theaterfigur: "Cyrano de Bergerac" eroberte ab 1897 die Bühnen der Welt.Tragische Theaterfigur: "Cyrano de Bergerac" eroberte ab 1897 die Bühnen der Welt.

Osnabrück. In Frankreichs Kinos sehr erfolgreich, ist die "Vorhang auf für Cyrano" eine gelungene Fin de Siècle- Theaterposse.

„Ein Fiasko!“ „Ein Reinfall!“ - Die Publikumsreaktionen und Kritikermeinungen zum neuesten Stück des Dramatikers Edmond Rostand (Thomas Solivèrès) fallen alles andere als gnädig aus. Und dass, obwohl Sarah Bernhardt (Clémentine Célarié) die weltweit bekannteste Schauspielerin der damaligen Zeit, Ende des 19.Jahrhunderts, darin mitspielt. Doch Rostand hat noch nicht sein künstlerisches Ich gefunden, seinen Duktus. 

Das ändert sich – wenn auch unter Zwang. Für den Theatermacher Coquelien (Olivier Gourmet) soll Rostand eine Komödie schreiben. In drei Wochen ist Premiere! Zu dumm, dass der Autor nur einen Titel hat: „Cyrano de Bergerac“. Doch dann küsst ihn (platonisch) die Muse in Gestalt der schönen Garderobiere Jeanne (Lucie Boujena). Für sie schreibt der Familienvater Rostand  anonym Liebesbriefe, da sein Freund Léo (Tom Leeb) zu ungelenk und schüchtern ist. Er soll als Absender gelten.Doch damit hat der Autor endlich die Grundidee für das neue Stück gefunden, Theatergeschichte wird geschrieben. 

Es bleibt aber die Frage: Imitiert die Kunst das Leben? Oder ist es umgekehrt? Die Entstehung eines der erfolgreichsten Theaterstücke Frankreichs als turbulente Boulevardkomödie – das ist Alexis Michaliks Verfilmung seines eigenen, in Frankreich sehr erfolgreichen Theaterstückes, das enthält es alle üblichen Zutaten des Genres enthält – inklusive Verwechslungen, klappernde (Fall-)Türen, Überraschungsgäste und überzeichnete, fast stereotype Charaktere.

Dabei tritt Michalik übrigens auch in einer Nebenrolle auf – passenderweise übrigens als Vaudeville-Stückeschreiber Georges Feydeau (1862 - 1921). Und er lässt er sogar Personen wie den russischen Dichter Anton Tschechow (1860 - 1904)) auftauchen, übrigens als Bordellbesucher, wenn auch nur als eine Art „Anstandsdame“ für einen Freund.

Und so erweist sich der Film nicht nur als liebevolle Hommage an das Theater, und die Fallstricke auf dem Schnürboden, betreibt fast schamlos historisches Name-Dropping, sondern erweist sich dabei aber auch als komplette Fantasie. Und das Schöne dabei - es gelingt!

Nach einem etwas schleppenden Anfang, nimmt die Komödie aber schnell mächtig Fahrt auf: Die Pointen sitzen, die Wortgefechte sind geistreich und die Schauspieler brillieren.

Doch vor allem ist dies auch eine Verbeugung vor dem Klassiker „Cyrano de Bergerac“. Davon zeugen auch die im Nachspann gezeigten Filmausschnitte früherer Inszenierungen, aber auch die Kinoadaptionen wie die Hollywood-Fassung von 1950, für die José Ferrer einen Oscar erhielt, Jean-Paul Rappenaus Kinohit von 1990 mit Gérard Depardieu oder Steve Martin in „Roxanne“ (1987), einer modernisierten US-Version, die unter Feuerwehrmännern spielt. Noch letztes Jahr startete mit „Das schönste Mädchen der Welt“ eine deutsche Hip Hop-Variante des Stoffes in den Kinos. Offenbar wird das gut 120 Jahre alte Stück immer noch frisch.

Mag die Idee zu „Vorhang auf für Cyrano“ zwar von John Maddens siebenfachen Oscar-Gewinner „Shakespeare in Love“ (1998) geklaut sein, ist „Edmond“ (so der Originaltitel) dennoch ein originelles Stück Film. Auch weil er das Stück selber hier mit viel Verve und Liebe rezitiert.

Vorhang auf also für ein Werk , dass das das altmodische Wort „Filmtheater“ mit neuem Leben füllt. 


„Vorhang auf für Cyrano“. F 2018. R.: Alexis Michalik. D.: Thomas Solivérès, Mathilde Seigner, Olivier Gourmet. 112 Minuten. FSK: ab 0.

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