Autorin wäre 90 Jahre alt geworden Christa Wolf und ihr Leben unter einem geteilten Himmel

Populäre Autorin in beiden deutschen Staaten: Christa Wolf. Foto: Tim Brakemeier dpaPopuläre Autorin in beiden deutschen Staaten: Christa Wolf. Foto: Tim Brakemeier dpa

Osnabrück. Wie ist Wahrheit in einem Regime der Unwahrheit möglich? Leben und Werk von Christa Wolf spiegeln die Konflikte deutscher Geschichte zwischen Nationalsozialismus und DDR. Die Autorin blieb der DDR treu. Erzählungen wie "Nachdenken über Christa T." oder "Kein Ort. Nirgends" haben eine ganze Generation geprägt.

"Stell Dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg": Als Christa Wolf am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz zu Demonstranten spricht, macht sie nicht nur Mut zu einem neuen Denken, das sich keiner Obrigkeit mehr beugt. Christa Wolf fasst auch ihr eigenes Dilemma in treffende Worte. Sie litt am DDR-System, blieb aber seiner Idee des Sozialismus treu. Als "loyale Dissidentin" hat die Schriftstellerin den anderen deutschen Staat, der 1989 mit dem Fall der Mauer sein Ende fand, ertragen, ja mit zu gestalten versucht, allen Bedrückungen zum Trotz. Ein gelebter Widerspruch?


In der Ambivalenz

Ja, sagten jene Literaturkritiker, die Christa Wolf wegen ihrer ambivalenten Haltung zur DDR verurteilten. Mit ihrer Erzählung "Was bleibt" löste die Autorin 1990 einen Literaturstreit aus, in dem weit über ihre Person hinaus eine grundsätzliche Kontroverse verhandelt wurde. Konnten Autorinnen und Autoren, die im Kontext der DDR publiziert und gegenüber dem Regime loyal geblieben waren, als literarisch und menschlich integer gelten? Wolf verarbeitete in der Erzählung ihre Überwachung durch die Staatssicherheit, der sie in jungen Jahren allerdings selbst Informationen verschafft hatte. Kritiker hielten ihr das als Inkonsequenz vor, Kollegen wie Günter Grass nahmen sie in Schutz.

Die eigene Wahrheit

Den Staat kritisieren, seiner Idee aber treu bleiben: Christa Wolf, die am 18. März 2019 90 Jahre alt geworden wäre, antwortete auf diesen Zwiespalt mit ihrem Konzept der Wahrheit subjektiver Erfahrung. "Nachdenken über Christa T.", eines der Bücher, das ihre Popularität begründete, steht beispielhaft für Wolfs Beharren auf dem Recht des Einzelnen, seine eigene Wahrheit zu leben und sie gegen einen Staat zu behaupten, der sich in seiner ideologischen Selbstbegründung auf vermeintlich objektive Gesetzmäßigkeiten der Geschichte berief. Literatur als authentische Stimme in einer Welt bedrängender Ideologien und ihrer Aggressivität: Diese Haltung machte Christa Wolf in Ost und West populär. Hier weiterlesen: Christa Wolf und die DDR - ein Kommentar.

Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass und die Schriftstellerin Christa Wolf begrüßen sich in der Akademie der Künste in Berlin vor Beginn einer Veranstaltung mit dem Titel "1968. Nacht der Literatur". Foto: Tim Brakemeier dpa


Zwei Seiten der Mauer

Bereits mit "Der geteilte Himmel", dem 1963 publizierten Roman über ein Paar, das der Mauerbau trennt, avancierte die 1929 in Landsberg, dem heutigen Gorzow Wielkopolsky in Polen geborene Christa Wolf zur Stimme ihrer Generation. Vor allem ihre Erzählungen "Kein Ort. Nirgends" (1979) und "Kassandra" (1983) fanden in den Kreisen der Friedens- und Frauenbewegung begeisterte Leserinnen und Leser. Wolf war 1949 der SED beigetreten und hatte nach einem Studium der Germanistik in Jena und Leipzig Positionen im Literaturbetrieb der jungen DDR eingenommen. Seit 1962 lebte sie als freie Schriftstellerin in Kleinmachnow bei Berlin.

Konflikt mit dem Regime

So sehr sie auch die DDR als Angebot einer gesellschaftlichen Alternative verstand - Christa Wolf kam gleichwohl immer wieder mit dem Regime in Konflikt. Die kollektive Rüge und Abstrafung der Künstler durch das SED-Zentralkomitee 1965 brachte Wolf eine Depression ein. 1976 gehörte sie zu den Unterzeichnern des Protests gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Bei allen Konflikten blieb sie der DDR treu. Erst 1989 trat sie aus der SED aus. Zu spät? Christa Wolfs Haltung zur DDR blieb bis zuletzt ambivalent. Hier weiterlesen: Wie Literatur in Deutschland 1968 die Debatte prägte - von "Deutschstunde" bis "Christa T."

"Kindheitsmuster"

Ihrer Popularität tat das keinen Abbruch. Wolf erzählte von Menschen, die sich ihren Lebenskonflikten nicht nur stellen, sondern sie durchleiden. Der sprichwörtlich gewordene Titel ihres Romans "Kindheitsmuster" über eine Kindheit im Nationalsozialismus fasste Struktur und Haltung ihres literarischen Werkes in einem sprechenden Sprachbild zusammen. Auch in ihrem letzten Buch "Stadt der Engel" (2010) machte sich Christa Wolf an eine Tiefenlotung deutscher Geschichte, hinab zu den Schicksalen der Emigranten im Dritten Reich. Ihrem zentralen Thema blieb sie damit treu und dieses Thema ihr: der Versuch einer Schriftstellerin, im Konflikt mit unmenschlichen Ideologien eine authentische Sprache zu finden, die der Einzelne bewohnen kann.



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