Verdi und die Flüchtlingskrise Trotz Hausarrest: Kirill Serebrennikov inszeniert "Nabucco"

Berührend: Beim "Gefangenenchor" aus Verdis "Nabucco" mischen sich Geflüchtete aus Syrien unter den Chor der Staatsoper Hamburg. Foto: Brinkhoff/MoegenburgBerührend: Beim "Gefangenenchor" aus Verdis "Nabucco" mischen sich Geflüchtete aus Syrien unter den Chor der Staatsoper Hamburg. Foto: Brinkhoff/Moegenburg

Hamburg. Geflüchtete auf der Bühne, aktuelle Bilder von verzweifelten Menschen in Kriegsgebieten und in Flüchtlingslagern: Kirill Serebrennikov führt in Hamburg vor, wie erschütternd präzise sich in Verdis Oper „Nabucco“ die Flüchtlingskrise unserer Tage spiegelt.

Hätte Kirill Serebrennikov den Gefangenenchor aus „Nabucco“ auf sich bezogen, wer hätte es ihm verdenken wollen? Seit zwei Jahren lebt steht der Film- und Opernregisseur in seiner 35-Quadratmeter Wohnung in Moskau unter Hausarrest; die russischen Behörden werfen ihm Unterschlagung vor. Trotzdem inszeniert Serebrennikov weiter im Westen: „Così fan tutte“ in Zürich, „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart und jetzt „Nabucco“ an der Hamburger Staatsoper. Was für eine Gelegenheit, den Traum von Heimat und Freiheit des Gefangenchores für die eigene Sache zu nutzen.

Doch Serebrennikov denkt nicht an sich. Mit Verdis Freiheitsoper verschafft er Geflüchteten aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten Gehör. Dafür mischen sich Komparen unter den Staatsopernchor, während über den Köpfen der Darsteller Bilder verzweifelter Menschen in Flüchtlingslagern zu sehen sind. Wenig später singen die Komparsen selbst den Gefangenchor mit ihren ungeschulten Stimmen – schwer zu sagen, welche der beiden Versionen anrührender ist.

Foto: Brinkhoff/Moegenburg


Serebrennikovs bildgewaltige, fordernde und in ihrer Flut oft überfordernde Inszenierung verortet „Nabucco“ in der heutigen, von Krisen durchzogenen Welt; Bühne und Kostüme hat er ebenfalls gestaltet. Arbeitsgrundlage für das Team in Hamburg war ein detailliertes Regiebuch und ein Klavierauszug mit Anmerkungen, sagt der Dramaturg der Produktion, Sergio Morabito. Die Details wurden über Videobotschaften geklärt: 

Foto: Brinkhoff/Moegenburg


Da Serebrennikov von Internet und Telefon abgeschnitten ist, wurde der Anwalt zum Boten für USB-Sticks mit den Filmaufzeichnungen von den Proben und den Antworten aus der Moskau. Die Filme waren nicht nur Anhaltspunkt für Co-Regisseur Evgeny Kulagin, sondern haben auch „ein Gefühl der Nähe hergestellt“, sagt der Dramaturg der Produktion, Sergio Morabito.

Schauplätze sind ein Konferenzraum der UN und Büros der unterschiedlichen Lager. Nabucco, der größenwahnsinnige Herrscher der Babylonier und sein hebräischer Gegenspieler Zaccaria sind Staatsmänner und Despoten, deren Reden auf große Leinwände übertragen werden. Permanent flimmern Nachrichten über Bildschirme und auf Spruchbändern, und zusammen mit den deutschen Übertiteln entsteht so Reizüberflutung pur. Aber genau so wird die fast 180 Jahre alte Oper zur brisanten Reflexion auf die Flüchtlingskrise. 

„Serebrennikov beschäftigt sich mit den Krisen der Zeit“,


sagt Dramaturg Morabito. Deswegen spiegeln während der Umbaupausen der syrische Sänger und Oud-Spieler Abed Harsony sowie die Sängerin Hana Alkourbah mit Liedern von Heimat und Liebe, aber auch von Hass und enttäuschten Träumen die Themen aus „Nabucco“ – auf Arabisch.

Trotzdem entwickelt Serebrennikov die Oper streng entlang der Partitur. und dabei behält die Musik trotzu der Bilderflut ihre Vorrangstellung. Das verdankt sich auch dem musikalischen Leiter Paolo Carignani, der das Philharmonische Staatsorchester Hamburg zu einem präzisen Verdi-Orchester geformt hat. Und es verdankt sich den brillanten Sängern Dimitri Platanias, der den Diktator Nabucco mit verführerisch edlem Bass singt.

Foto: Brinkhoff/Moegenburg


Seinen Kontrahenten Zaccarias interpretiert der stimmgewaltige, ausdrucksstarke Alexander Vinogradov. Nabuccos Lieblingstochter Fenena ist eine Diplomatin im Business-Kostüm, zu deren unterkühlter Erscheinung der dunkel gefärbte Sopran von Géraldine Chauvet einen reizvollen Kontrast bildet. Dovlet Nurgeldiyev bleibt als ihr Geliebter Ismaele unauffällig; umso krasser sticht Oksana Dyka nicht nur mit dem roten Hosenanzug aus der Masse der grau-schwarzen Diplomaten, sondern auch mit dem hochdramatischen Sopran, dem vielleicht ein paar Zwischentöne fehlen.

Die Hauptrolle aber spielt der von Eberhard Friedrich auf feinsinnigen, fülligen Verdiklang gestimmte Chor. Er verkörpert die hebräischen und levitischen Opfer und die babylonischen Täter, die aufgedrehten Journalisten – und das Künstlerkollektiv, das sich mit den Geflüchteten, den Opfern unserer Zeit, vereint. Dabei hat Serebrennikov das ganze Ensemble für sich eingenommen: Beim Schlussapplaus nach der Premiere zeigt es ein Banner mit den Worten „Free Kirill“. Eine Botschaft, die wie ein Fazit die Botschaft dieser brillanten Operninszenierung unterstreicht.


Die nächsten Vorstellungen:

17., 20. 23. März. Onlinekartenverkauf: Hier klicken.

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