Kurator mit 55 gestorben Okwui Enwezor war ein Weltmann der globalen Kunstszene

Er dachte die Kunst im globalen Maßstab: Okwui Enwezor im Haus der Kunst in München. Foto: Frank Leonhardt/dpaEr dachte die Kunst im globalen Maßstab: Okwui Enwezor im Haus der Kunst in München. Foto: Frank Leonhardt/dpa

Osnabrück. Mit ihm wurde die Kunst global: Okwui Enwezor hat zeitgenössische Kunst radikal neu gedacht und zugleich von der Documenta in Kassel bis zur Biennale von Venedig aufregend inszeniert. Vor allem aber bleibt von ihm ein Satz im Gedächtnis: "Ich stelle Ideen aus, keine Waren". Jetzt ist Enwezor mit 55 Jahren gestorben.

Der 1963 in Nigeria geborene Kurator stellte sich mit diesem Statement radikal gegen den scheinbar übermächtigen Kunstmarkt. Sein ganzes Leben lang hat er sich gegen eine Vorstellung von Kunst gestemmt, die sie zur Ware degradiert. Okwui Enwezor begriff Kunst als Medium einer neuen Erkenntnis globaler Zusammenhänge und Zirkulationen. Die von ihm kuratierte Documenta 11 öffnete sich 2002 für eine im globalen Maßstab vernetzte Kultur. Von dieser Ausstellung führt eine gerade Linie über Adam Szymczyks Documenta in Kassel und Athen 2017 und zur nächsten Documenta, die 2022 vom indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa verantwortet werden wird. Hier weiterlesen: Hintergrund - Was ist eigentlich die Documenta?

Der documenta-Leiter Okwui Enwezor (r) erklärt Bundespräsident Johannes Rau 2002 an der Kasseler Binding-Brauerei Bundespräsident das Großgemälde des in Argentinien geborenen documenta-Künstlers Fabian Marcaccio. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Format der Plattformen

Okwui Enwezor war der Mann der Biennalen und Plattformen, er verschob das Format der Kunstausstellung maßgeblich in Richtung einer in alle Richtungen vernetzten Drehscheibe. Seiner Documenta 11 schaltete er eine Serie von "Plattformen" vor, die Kunst zur Sache interkultureller Aushandlungen machte. Seinerzeit als überflüssige Betriebsamkeit belächelt, erwies sich dieses Format schnell als visionär. Der Kurator erwies sich als Idealbesetzung für internationale Großausstellungen. Mit Stationen von Sevilla bis zum südkoreanischen Gwangju verantwortete Enwezor eine ganze Reihe von Biennalen weltweit.


Votum für den Prozess

Dabei hatte der spätere Kurator seinen Weg in die Kunst atypisch begonnen. Enwezor studierte in New York ab 1982 Politologie, schrieb Lyrik und gründete mit Freunden 1993 das Magazin "NKA" für zeitgenössische afrikanische Kunst. Der Titel war nicht zufällig gewählt. Nka bedeute in seiner Muttersprache Igbo so viel wie "Machen", sagte Enwezor. Mit einem Magazin revidierte er nicht nur Klischees über afrikanische Kultur, er konzipierte auch eine Auffassung von Kunst, die das Machen und den Prozess stark machte und das fertige Werk und seinen Markt in den Hintergrund treten ließ. Hier weiterlesen: Der Abschied Enwezors vom Haus der Kunst - ein Kommentar.

Weltmann der Kunst

Okwui Enwezor knüpfte ein enormes Netzwerk, das ihn befähigte, 1996 mit der Biennale in Johannesburg seine erste Großausstellung zu organisieren. Als Kurator war er mehr als ein bloßer Arrangeur von Exponaten. Enwezor avancierte zum Weltmann der Kunst, der jenen Typus des Kulturmachers ausbildete, der sich im globalen Maßstab als Reisender zwischen den Kulturen. Aus heutiger Sicht erscheint der gebürtige Nigerianer als Vorwegnahme einer neuen Kategorie von Akteuren an den Nahtstellen der Zivilisationen und ihrer Idiome. Enwezor wehrte sich in diesem Sinn immer gegen die verkürzte Wahrnehmung von Kulturen. Er trat insbesondere jenen Bildern Afrikas entgegen, die den Kontinent auf Vorstellungen von Armut und geringem Entwicklungsstand reduzieren wollten.


Große Überschau

Als er 2011 das Haus der Kunst in München übernahm, verlieh Enwezor auch der von Adolf Hitler 1937 persönlich eröffneten Institution schnell ein weltoffenes Gepräge. Er zeigte nicht nur Künstler von Kiki Smith bis Hans Haacke, von Thomas Struth bis Oscar Murillo. Enwezor stellte auch mit seiner Schau "Postwar" 2016 über die Kunst in den ersten 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg seine Fähigkeit zur großen Überschau erneut unter Beweis. Seine Ära in diesem Ausstellungshaus wurde weit über München als Glücksfall gefeiert, Enwezor 2016 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Finanzielle Probleme

Die letzte Phase seiner Amtszeit wurde allerdings von Skandalen überschattet. Das Haus der Kunst geriet in die finanzielle Schieflage, ein großer Sponsor sprang ab. Gerüchte betrafen die Nähe von Mitarbeitern zu Scientology und angebliche sexuelle Belästigungen. Enwezors Führungsstil wurde als distanziert und abgehoben kritisiert. Der Kurator wehrte sich gegen Kritik, sah seine Erfolge nicht mehr gewürdigt. 2018 musste er die Leitung des Hauses wegen gesundheitlicher Probleme abgeben. Jetzt ist er seiner zuletzt öffentlich gemachten Krebserkrankung erlegen.


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