Autorin im Gespräch Kinderlos aus Überzeugung: Lehrerin schreibt Buch gegen die Mutterschaft

Verena Brunschweiger hat sich gegen eigene Kinder entschieden – und muss diese Entscheidung immer wieder rechtfertigen. Foto: Juliane ZitzlspergerVerena Brunschweiger hat sich gegen eigene Kinder entschieden – und muss diese Entscheidung immer wieder rechtfertigen. Foto: Juliane Zitzlsperger

Hamburg. Verena Brunschweiger will keine Kinder – sich selbst und der Umwelt zuliebe. Mit ihrem Manifest gegen das Kinderkriegen hat die Lehrerin für viel Wirbel gesorgt. Im Interview redet sie über die verschiedenen Reaktionen auf ihr Buch und den Alltag deutscher Mütter.

Eine Frau möchte keine Kinder bekommen – klingt eigentlich nicht nach einer für die Öffentlichkeit relevanten Nachricht. Doch Verena Brunschweigers Entscheidung gegen das Muttersein schlägt gerade hohe Wellen. Die 38-Jährige will nämlich nicht einfach nur keine Kinder in die Welt setzen, sie hat auch ein Buch darüber geschrieben, warum eigentlich niemand mehr Kinder bekommen sollte. "Kinderfrei statt kinderlos" beginnt mit einem Zitat des Schriftstellers Peter Wessel Zapffe: "Kinder in diese Welt zu setzen, ist wie Holz in ein brennendes Haus zu tragen." (Weiterlesen: Warum sich Frauen und Männer gegen Kinder entscheiden)

Brunschweiger sieht zwei Hauptgründe, warum eine Mutterschaft 2019 nicht mehr infrage kommen sollte. Erstens der "katastrophale Zustand der Umwelt": Ein Kind wirke sich sehr negativ auf die CO2-Bilanz aus. Es sei wissenschaftlich belegt, dass der Verzicht auf ein Kind sehr viel mehr für die Umwelt tue als der Verzicht auf Fleisch oder das Fliegen. "Jeder weitere Mensch benötigt weitere Ressourcen und Lebensraum – all das entreißen wir der Natur", so die Autorin im Gespräch mit unserer Redaktion. "Mit meiner Entscheidung gebe ich meinen Freunden, den Tieren, wieder etwas mehr Luft zum Atmen."

Je weniger Kinder, desto besser 

Ihr zweiter Grund: die Bedingungen, unter denen "die meisten Mütter ihren Alltag fristen (müssen)". Mütter verschwendeten ihre gesamte Kraft und Zeit für "die Aufzucht neuer Leute" und würden dabei unter einer Mehrfachbelastung aus Teilzeitjob, Haushalt, Kinder und Selbstoptimierung leiden. Etwas, was sich die Autorin für sich nicht vorstellen kann.

Mit ihren provokanten Thesen hat Brunschweiger sich viel Kritik eingehandelt – und zwar aus den unterschiedlichsten Ecken.

"Natürlich provoziert nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Geschlecht", so Brunschweiger. Sie ist Lehrerin – ein Fakt, der für viele das Fass zum Überlaufen bringt. In der "Bild"-Zeitung wurde sie kurzerhand zur "Herzlos-Lehrerin". "Meine Kritiker unterstützen oftmals ungewollt meine Thesen, wenn sie mir zum Beispiel vorwerfen, eine 'schlechte' Frau zu sein, weil ich keine Mutter sein will." Sie will mit ihrem Buch "die patriarchale Strategie entlarven, Frauen nur als weibliche Inkubatoren zu benutzen."

Doch es gibt auch Unterstützung für ihre Thesen. Die Überbevölkerung sei ein Problem, das gerne verschwiegen werde, dabei müsse endlich was getan werden, so die positiven Stimmen.

Abrechnung mit dem Feminismus

Auch den sogenannten Backlash in der Gesellschaft, den Brunschweiger beschreibt, kritisieren ihre Befürworter. Unter Backlash ist in dem Zusammenhang die Stärkung eines konservativen Familienbildes und der Überhöhung der Mutterschaft gemeint. "Wir waren feministisch schon viel weiter. Vor zwanzig, dreißig Jahren ging es noch um gleiche Bezahlung von Mann und Frau. Heute veröffentlichen 'Feministinnen' Bücher darüber, wie toll es ist, nur Mutter zu sein, während der Mann arbeiten geht, wie in den 50er Jahren", so Brunschweiger im Interview. Frauen ohne Kinder würden heute wieder mehr geächtet als vor 30 Jahren, schreibt sie in ihrem Buch.

Müttern, die sich als Feministinnen betrachten, steht die 38-Jährige kritisch gegenüber. Nicht jede, die sich Feministin nenne, sei auch eine. "Wenn ich mich als Mutter beispielsweise in eine komplette Abhängigkeit von meinem Mann begebe, meine Karriere für die Kinder unterbreche oder ganz aufgebe, ist das eben keine progressive Einstellung. Daran kann ich wenig Feministisches erkennen." 

Unerträglich sind Kommentare wie 'Du wärst so eine tolle Mutter' oder 'Du bist doch so hübsch, du hättest auch hübsche Kinder' – als wäre da ein Potenzial, das man nicht erfüllt, aber erfüllen sollte.Verena Brunschweiger in "Kinderfrei statt kinderlos"

"Ihre Zukunft ist es, um die ich mir Sorgen mache"

Ihr Umfeld habe unterschiedlich auf die Veröffentlichung reagiert, so die 38-Jährige im Interview. "Klar gibt es Menschen, die mich noch nicht so gut kennen, manche neue Kollegin oder Kollege, oder Eltern, die nur die Überschrift der Tageszeitung lesen und denken: Das kann man so doch nicht sagen. Aber es gibt auch Menschen, die nun zu mir kommen und froh sind, dass endlich mal jemand was sagt. Bisher hörte man meist nur 'Wir brauchen mehr Kinder'. Das sehen bei weitem nicht alle so."

Ihre Schüler würden dem Thema viel offener gegenüberstehen als die Erwachsenen. "Nicht umsonst gehen Jugendliche der Umwelt wegen auf die Straße. Ihre Zukunft ist es auch, um die ich mir letztlich Sorgen mache."


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