Serie "Die wilden Zwanziger" Revue-Shows: Glamour, Girls und ein Hauch von Sünde

Makellos und durchtrainiert, dazu wohldosierte Nacktheit: In den Zwanzigern kam keine Revue ohne "die Girls" aus. Hier zu sehen: das Damenballett Ehed Karina aus Berlin (um 1920) Foto: picture alliance/akg-imagesMakellos und durchtrainiert, dazu wohldosierte Nacktheit: In den Zwanzigern kam keine Revue ohne "die Girls" aus. Hier zu sehen: das Damenballett Ehed Karina aus Berlin (um 1920) Foto: picture alliance/akg-images

Osnabrück. Revue – allein das Wort lässt schöne Frauen in Reih und Glied vor dem inneren Auge auftauchen. Ihre Hochzeit hatten die mondänen Tanzshows in den goldenen Zwanzigern, und die Revue-Girls waren die Idole der Zeit. Doch weil die "Roaring Twenties" nicht nur golden, sondern auch wild waren, gab es auch sie: Mädchen wie Anita Berber, die nackt tanzten und für Skandale sorgten.

Welch ein Treppenwitz der Geschichte: Ausgerechnet die erotisch aufgeladene, sündig-pompöse Welt der Tanz- und Revue-Shows in der Weimarer Republik fußt auf einem Fundament aus solider, deutscher Eiche. Denn tatsächlich konnte das Große Schauspielhaus in Berlin, heute Friedrichstadt-Palast, auf dem feuchten Untergrund überhaupt nur sicher stehen, weil insgesamt 800 stabile Eichenpfähle den Prachtbau im nachgiebigen Grund verankerten. Wie die Revue-Girls standen die Pfähle da, rank, schlank und gleichförmig, und sorgten unsichtbar im Untergrund dafür, dass die Berliner Bürgerschaft überirdisch sicher sitzen und in aller Ruhe die perfekt inszenierten Vorstellungen genießen konnte. Und wie sie genoss.

Hauptstadt des Lasters

Dazu brauchte es anfangs nicht einmal zwingend die exotische Tänzerin Josephine Baker, die Berlin ab 1926 mit ihrem wilden Bananenröckchen-Tanz vollends in Wallung brachte. Als Baker ihre Hüften an der Spree kreisen ließ, war die Stadt längst zu Europas Laster-Hauptstadt avanciert. Dank Edisons Glühlampe hatten die Berliner die Nacht zum Tage machen können. Und dank der Einführung der Rentenmark 1923 konnten sie sich das auch leisten. Vorbei die harten Nachkriegsjahre. Berlin wuchs rasant: Waren es bei der Reichsgründung 1871 noch etwas mehr als 800.000 Einwohner, zählte man 1910 bereits über zwei Millionen, 1927 waren es dann mehr als vier Millionen.

Geld und Lust im Gepäck

Zum wirtschaftlichen Aufschwung trugen die vielen Touristen bei, die Lust und Geld im Gepäck hatten und die es in die schier unendlich vielen Nachtclubs, Tanzcafés, Varietés, Kabaretts, Bordelle und Bars der pulsierenden Metropole trieb. "Jeder einmal in Berlin", lautete der erste touristische Werbespruch der Welt – und viele folgten ihm. Etwa 1,7 Millionen Besucher zählte Berlin 1927. 

Die meisten Gäste blieben einige Tage, ihr Abendprogramm las sich ganz unverdächtig: "Theater und sonstige Unterhaltung", stand dort. Dies meinte aber oft genug: Lasst uns eintauchen in das zügellose Nachtleben, lasst uns tanzen und trinken, staunen und genießen, vor allem die Frauen, deren Haare und Rocksäume kurz waren und die ihre Nylonstrümpfe so stolz zur Schau trugen wie ihre Federboas und Satinhandschuhe, die fransengesäumten Charleston-Kleider und die lackschwarzen, eleganten Zigarettenspitzen. Freiheit in den Goldenen Zwanzigern? Das war nicht zuletzt die neu gewonnene Freiheit der Frau, die dem Schnürkorsett und dem steifen, höfischen Tanz ebenso entfloh wie den überkommenen wilhelminischen Benimmregeln. 

Nackte Haut kunstvoll verschleiert

Und natürlich lockten die berühmten Revuen im Großen Schauspielhaus, in der Komischen Oper, im Admiralspalast, wo Sketche, Stars und Tanzeinlagen das Massenpublikum ähnlich anzog wie heutzutage die perfekt durchgestylten Musicals von "König der Löwe" bis "Phantom der Oper". Die Revue-Macher standen unter Zugzwang, von Schau zu Schau suchten sie, mehr Glamour, mehr Musik, mehr Schwung, mehr Exotik, mehr Unterhaltung zu bieten. Nackte Haut, wenn auch bei den großen Shows kunstvoll verschleiert, zog an. Vor allem Herren reizten aber auch jene Bars und Clubs, in denen barbusige oder vollkommen nackte Tänzerinnen für Unterhaltung sorgten. 

Die Verruchteste von allen

Die verruchteste aller Tänzerinnen der eh schon wilden Zwanziger war vermutlich Anita Berber, 1899 in Leipzig geboren, in Berlin ausgebildet. Ihr drogengeschwächter Körper verlor Ende 1928 den Kampf gegen die Tuberkulose. Zu Lebzeiten aber verzückte und erschreckte "die Berber" mit ihrer dunklen Schönheit und einer zügellosen Nacktheit. "Ihre exzessive Lebensweise sorgte immer wieder für Anstoß und Aufsehen. Sie zog Skandale förmlich an, sie nahm Morphin und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte den wilden Drang ihrer Generation zu leben, ohne Gedanken an eine schon verlorene Zukunft. Sie war schon immer so, wie die Deutschen erst durch die Inflation wurden: verschwenderisch", schreibt Ricarda D. Herbrand in ihrem Buch "Göttin und Idol" über Anita Berber (erschienen 2003). 

Eine "durch und durch dämonische Frau" nannte sie der deutsch-britische Schriftsteller und Zeitgenosse Paul Marcus, besser bekannt unter seinem Pseudonym Pem. Otto Dix malte die Berber 1925 in einem roten Kleid mit Falten und tiefliegenden Augen. Auf dem Bild sieht sie älter aus als sie je wurde.

Die Tänzerin Anita Berber, wie Otto Dix sie sah. Foto: Harry Melchert/picture-alliance/dpa

Und doch, Berlin, Wien, Prag lagen ihr zu Füßen, Frauen kopierten ihren Stil und gingen "à la Berber". Unvergessen auch das böse Mundwerk der Tänzerin, die bei aller Nonkonformität auf eine gute, klassische Schauspiel- und Tanzausbildung, unter anderem bei Ballettmeister Pirelli, verweisen konnte: "Wir tanzen den Tod, die Krankheit, die Schwangerschaft, das Sterben, und kein Mensch nimmt uns ernst. Sie glotzen nur auf unsere Schleier, ob sie nicht darunter etwas sehen können, die Schweine“, schimpfte sie. 

Im Adlon, so erzählte man sich, logiere die Berber, und es könne passieren, dass man sie dort einzig und allein mit einem Pelzmantel bekleidet antreffe. Bis heute gilt Anita Berber als Sinnbild des Abgrunds, auf den die Weimarer Republik in ihrer Zügellosigkeit zuraste. 

Eine so schön und gleich wie die andere

Wenn bei Anita Berber ein Zuviel an selbstzerstörerischer Ich-Bezogenheit auffällig war, scheint dieses Moment bei all den Revuetänzerinnen und Scala-Mädchen und Hiller-Girls vollends zu fehlen. Individualität war hier eher hinderlich. Stattdessen war eine so schön und gleich wie die andere, alle gleichermaßen androgyn, ausgestattet mit üppigem Feder-Kopfschmuck und angetan mit allerlei Glitzer-Chi-Chi. Auch die Revue-Mädchen zeigten reichlich nackte Haut – aber nicht alles, bitteschön! – die langen, schlanken Beine stets im Gleichtakt, das Lächeln obligatorisch, mal kokett, mal kühl. War auch das erotisch? Auf jeden Fall. 

Aus der Reihe tanzen? Bitte nicht!

Wer sich jedoch die Fotos der Revuegirls anschaut, die in Reih und Glied stehen, dem verschwimmen die Einzelheiten der jungen Frauen schnell vor den Augen. Es ist keine individuelle Erotik, die hier wirkt, sondern eher eine in schier unendlicher Potenz, Reiz am Fließband sozusagen, durch den das einzelne Mädchen unsichtbar, ja unwichtig zu werden scheint. Aus der Reihe tanzen? Nein, das sollten die Revuemädchen der wilden Zwanziger nicht. Das ist auch Erich Kästner nicht entgangen, der den Revuetänzerinnen 1929 mit "Chor der Girls" ein Gedicht gewidmet hat. 

Gedicht

"Chor der Girls" von Erich Kästner (1929)
Wir können bloss in Reih und Glied
und gar nicht anders tanzen.
Wir sind fast ohne Unterschied
und tanzen nur im Ganzen.

Von unsern sechzig Beinen
sind dreissig immer in der Luft.
Der Herr Director ist ein Schuft
und bringt uns gern zum Weinen.

Ein Auge darauf, dass "die Girls" immer schön in Reih und Glied tanzten, hatte Eric Charell, Leiter des Großen Schauspielhauses. Seine erste Revue brachte er 1924 auf die Bühne. "An alle", hieß sie, und der Name war Programm. Ihm gelang es, die weltberühmten Tiller-Girls aus Großbritannien nach Berlin zu holen, eine Tanzgruppe, die durch Perfektion glänzte. "Sportlich durchtrainierte Tanzautomaten" nennt Ulrike Traub die Truppe in ihrem 2014 erschienen Buch "Theater der Nacktheit: Zum Bedeutungswandel entblößter Körper auf der Bühne seit 1900". Traub identifiziert darin auch ein "Primat der Makellosigkeit", das bei den möglichst wenig individuellen Revuegirls wirke. "Wilde Mädchen" wie Anita Berber standen im diametralen Kontrast zu den tadellos-makellosen Tänzerinnen der Revue-Shows. Erfolg hatten die einen wie die anderen. 

Grundstein für TV-Shows von heute

Revue-Spezialist Charell aber wollte mehr, und er bekam mehr. Er verpflichtete Stars wie Marlene Dietrich, auch die Entdeckung der Comedian Harmonists wird ihm zugeschrieben. Aus heutiger Sicht legte er einen Grundstein für die ganz großen, kunstvoll inszenierten Unterhaltungsshows, die wir aus dem TV kennen, etwa den Eurovision Song Contest. Und natürlich ist auch jedes Fernsehballett mit den Revuetheatern von damals verbunden. 

Charleston kommt nie aus der Mode

Und heute? Sind die Tänzerinnen und Revuegirls verschwunden? Nein, zum Glück nicht. Zwar machten die Nationalsozialisten ab der Machtergreifung 1933 dem anrüchigen Treiben ein Ende. Doch heute, 100 Jahre nach den Goldenen Zwanzigern, gibt es sie längst wieder: wunderbar opulente Shows, natürlich auch im Friedrichstadt-Palast in Berlin, wo 32 Tänzerinnen Nacht für Nacht die längste Girl-Reihe der Welt bilden. 

Handschuhe und Federboa? Kein Problem

Wer mag, kann anschließend selbst tanzen gehen, zum Beispiel Charleston oder Shimmy auf einer der überaus beliebten Zwanzigerjahre-Partys, die in der Hauptstadt, aber auch anderswo, regelmäßig stattfinden. Die passenden Kleider samt Handschuhe und Federboa gibt es auch: im Kostümverleih oder im Vintage-Laden. Also alles wie früher? Fast. Nur geraucht werden muss heutzutage draußen.   


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