Korrigierte Sicht auf Kalkriese Varusschlacht-Forscher: "Wir stehen am Anfang, nicht am Ende"

Jahrelang vermarkteten die Betreiber von "Museum und Park Kalkriese" diese rekonstruierte Anlage als Schutzwall, hinter dem sich Germanen versteckten, um den Heertross der Römer zu attackieren. Bei dieser Deutung war viel Phantasie dabei. Dem Stand der Forschung entspricht sie nicht. Foto: Imago/MuP KalkrieseJahrelang vermarkteten die Betreiber von "Museum und Park Kalkriese" diese rekonstruierte Anlage als Schutzwall, hinter dem sich Germanen versteckten, um den Heertross der Römer zu attackieren. Bei dieser Deutung war viel Phantasie dabei. Dem Stand der Forschung entspricht sie nicht. Foto: Imago/MuP Kalkriese

Osnabrück. Der Wall war keiner der Germanen, die Zahl der Funde bleibt begrenzt: In der Fachwelt mehren sich Zweifel, ob die Ausrufung von Kalkriese zum Ort der Varusschlacht nicht voreilig war. Die Forschung stehe erst am Anfang, nicht am Ende, sagt der wissenschaftliche Leiter im Interview.

Kalkriese als Schauplatz der Varusschlacht? Archäologen sind sich nicht mehr so sicher. Sie sprechen heute von einem "Varusereignis" oder sagen lieber "Kampfplatz" statt Schlachtfeld. Auch der Wall, der den Besuchern im Landkreis Osnabrück lange Zeit als Teil eines von Arminius ersonnenen Hinterhalts präsentiert worden ist, war nicht germanisch, sondern vielmehr Teil eines römischen Lagers. 

Wissenschaftlicher Leiter der Grabung ist Prof. Dr. Salvatore Ortisi. Er hat den Lehrstuhl für Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München inne. In den Jahren 2015 und 2016 war er in gleicher Funktion an der Universität Osnabrück tätig. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über die aktuelle Sicht der Forschung auf den Ort, an dem im Jahre 9 nach Christus Varus' Legionen untergegangen sein sollen. 

Herr Professor Ortisi, es war ja nur ein Zwischenspiel, das Sie in Niedersachsen gaben, aber trotzdem die Frage: Was waren die spektakulärsten Kalkrieser Funde in Ihrer Zeit an der Universität Osnabrück? 

Sicherlich der Fund der acht Goldmünzen (aurei) und die Blockbergungen im letzten Jahr. Sie sind noch in der Restaurierung, und es ist noch nicht sicher, was darin verborgen ist. Wir erhoffen uns aber einige spannende neue Funde.

Haben Sie schon Erkenntnisse über die Herkunft der römischen Truppen, die mit metallurgischen Untersuchungen eingegrenzt werden sollte? Oder über die Blockbergungen, die derzeit ausgewertet werden?

Nein, die Analysen am Bergbaumuseum in Bochum laufen noch. Die Blockbergungen werden noch restauriert, das dauert sicherlich noch bis zum nächsten Jahr. 

Der Wall, hinter dem die Germanen hervorgestürmt sein sollen, war Teil eines kleinen römischen Lagers, wie man heute weiß. Hätte man das nicht eher erkennen oder zumindest ahnen können? Anders gefragt: Wurde den Besuchern jahrelang ein Bär aufgebunden?  

Wir sind immer noch dabei, alle Theorien - Hinterhalt, Lager, Schlachtfeld …- sehr kritisch zu prüfen und zu hinterfragen. Sicher ist, dass es ein großes kriegerisches Ereignis war, das - beim derzeitigen Forschungsstand - eher mit Varus als mit Germanicus in Verbindung steht. Forschung muss immer dynamisch sein; wenn es neue Erkenntnisse gibt, muss man bisherige Sichtweisen hinterfragen.

Ist Kalkriese als vermeintlicher Ort der Varusschlacht zu einem eher untergeordneten Schauplatz eines Scharmützels zusammengeschrumpft, von denen es im Norden und Westen Deutschlands eine ganze Reihe und sogar wesentlich größere gibt?

Sicher nicht! Kalkriese ist nach wie vor der einzige echte Kampfplatz der frühkaiserzeitlichen Germanenkriege, den wir kennen! Das Kriegsereignis hatte eine immense räumliche Ausdehnung, wie die Verbreitung von Münzschätzen und die Streuung römischer Ausrüstungsteile im Gelände zeigt. Der Oberesch ist nur ein Teil davon, wenn auch ein zentraler.

Fachsprachlich sind selbst die örtlichen Akteure auf ein „Varusereignis“ umgeschwenkt, also einen Vorgang, der in irgendeiner Weise mit dem römischen Feldherrn zusammengehangen haben soll oder zumindest könnte. Der Tourismusverband wirbt weiterhin uneingeschränkt mit der „Varusschlacht“, in der Region stehen überall Straßenschilder mit dieser Aufschrift – ist das wissenschaftlich so noch haltbar? 

Das ist eine Definitionsfrage. Kommt darauf an, wie Sie „Schlacht“ verstehen. Wie oben erwähnt, hat hier in Kalkriese wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem überlieferten Untergang der Varus-Armee ein großes kriegerisches Ereignis stattgefunden. Ob das eine große offene Feldschlacht, der Kampf um eine römische Befestigung, ein „Defileegefecht“ und/oder ein Hinterhalt war, prüfen wir gerade. Mit der Bezeichnung „Varusereignis“ subsumiert man die derzeit möglichen Szenarien und hält die Diskussion offen. „Varusschlacht“ ist eine mögliche Deutung, die bei einer im alltäglichen Sprachgebrauch nicht unüblichen weiteren Definition von „Schlacht“ sicher nicht falsch genannt werden kann.

Täuscht der Eindruck, oder waren Sie es, der im Kontext mit anderen Feldzügen jener Zeit und der Interpretation der Funde in Kalkriese eine Neubewertung vorantrieb, die in der Region durchaus auch Schmerzen bedeutete?

Die Fragen haben das Kalkriese-Projekt seit seiner Anfangszeit in den 1990er Jahren begleitet. Wir haben 2016 die offenen Forschungsfragen aufgegriffen und versuchen sie mit gezielten Ausgrabungen zu beantworten.

Hängt es mit einem zumindest in Fachkreisen gewandelten Image Kalkrieses zusammen, dass es so schwierig ist, Ihre Professur für Archäologie an der Universität Osnabrück nachzubesetzen? Das Verfahren zieht sich hin – vielleicht auch deshalb, weil ohne Varus das Besondere des Lehrstuhls abhanden gekommen ist?

Ganz im Gegenteil. Die offene Diskussion um den Platz hat allen - auch den Fachkreisen - gezeigt, dass wir mit der Erforschung von Kalkriese sicher nicht - wie vorher gerne kolportiert - am Ende, sondern eher noch am Anfang stehen. Gerade zeigt sich, welches Erkenntnispotential der Platz nicht nur in geschichtlicher Hinsicht, sondern auch für die Entwicklung neuer Forschungsansätze und -methoden besitzt. Der Forschungsplatz ist also nach wie vor höchst attraktiv. Verzögerungen bei der Nachbesetzung von Professuren sind - leider, muss man sagen - nicht unüblich und die Gründe dafür vielfältig.

Grabung in Kalkriese, Mai 2018: Im weißen Hemd ist Prof. Dr. Salvatore Ortisi dabei, der wissenschaftlicher Leiter der archäologischen Arbeiten. Foto: Hermann Pentermann


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