Ikone, Marionette, oder beides? Wie einst Jeanne d’Arc? Greta Thunberg belebt den Typus der jungen Frau als Lichtgestalt

Johanna von Orleans: Das Wirken junger Frauen kann Jahrhunderte überdauern - oder zumindest ihre Legende. Foto: Wikipedia CommonsJohanna von Orleans: Das Wirken junger Frauen kann Jahrhunderte überdauern - oder zumindest ihre Legende. Foto: Wikipedia Commons

Osnabrück. Greta Thunberg trägt Pudelmütze und Pappschild statt Rüstung und Schwert. Die Massen reißt sie dennoch mit. Sie wirkt wie eine Jeanne d’Arc der Umweltbewegung. Warum begeistern sich Menschen immer wieder für junge Frauen als Leitfiguren?

Mit ihrem runden Gesicht, Zöpfen und der lustigen Pudelmütze sieht sie aus, als käme sie direkt aus dem Idyll von Astrid Lindgrens Bullerbü. Aber die 16 Jahre alte Greta Thunberg ist als konsequente Klimaaktivistin zur Ikone einer neuen Jugendbewegung, ja zu einer zumindest vorübergehenden Anführerin ihrer Generation avanciert. 

Seit August 2018 stand sie zunächst einsam vor dem Stockholmer Parlament, um für entschiedene Maßnahmen gegen die Erderwärmung zu protestieren. Ihr Auftritt mit dem selbst gemalten Pappschild hat eine Lawine losgetreten. Inzwischen demonstrieren weltweit jeden Freitag Schülerinnen und Schüler für eine bessere Zukunft, Motto: "Friday for Future". In Hamburg feierten Tausende sie zuletzt als ihr Idol.

Eins mit ihrer Botschaft

Ein Mädchen, ein Appell: Greta Thunberg ist eins mit ihrer Botschaft. Tut endlich was! Ihr Ruf stört nicht nur eine Politikerkaste auf, er gellt auch der Generation der Eltern entgegen. Thunbergs Porträtfigur auf dem Kölner Karnevalswagen zieht Vater und Mutter die Ohren lang. Das schwedische Mädchen hat einen Nerv getroffen, antwortet auf ein Bedürfnis nach Aktion und Veränderung.

Mütze, Zopf, frech: Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Greta – eine moderne Jeanne d’Arc des Umweltschutzes? Eine Marienfigur des Weltklimas? Die Parallelen liegen nicht so fern, wie sie scheinen mögen. Kulturelle Muster sind langlebig. Zu schlagkräftigen Bildern geronnen, reisen sie durch Epochen und vermögen immer wieder explosive Kraft zu entfalten – so als Motiv der jungen Frau, deren unverdorbene Unschuld die Reinheit einer Erkenntnis oder die Unbeflecktheit einer Überzeugung symbolisiert.

Greta ist nicht alleine

Greta und die Jungfrau von Orleans sind nicht alleine. Der Status der Jungfrau Maria fußt auf der Anbetung weiblicher Götzen indogermanischer Herkunft. Den Katholiken kam das gerade recht, um daran anzuknüpfen – bei der Ausbreitung ihrer Religion absorbierten sie immer wieder Kernelemente älterer Religionen.

Eine andere Maria, Magdalena, war Leitfigur der Katharer – so sehr, dass sie dieser verstreuten Sekte noch tausend Jahre nach ihrem Tod eine gemeinsame Identität stiften konnte. Eine dritte Maria, Königin der Schotten, elektrisiert die Welt trotz ihrer Macht- und Erfolglosigkeit bis heute; alle paar Jahre wird ihr weiblicher Kampf für eine aussichtlose, aber aus Sicht der Anhänger gerechte Sache neu verfilmt.

Auch Jeanne d’Arc (1412–1431) ist mehr als sie selbst. Ein Bauernmädchen, das aus ferner Provinz eines fast ganz unterworfenen Landes an den Hof wandert, den König aus seiner Lethargie reißt und ganze eben noch demoralisierte Heere mobilisiert: Als junge Frau bricht sie in die Welt alter Männer ein – „alter weißer Männer“, wie man heute auf Twitter böse spottet über eine Generation von Entscheidern, gegen deren Weltbild sich Teile der Jugend wie noch jede Generation zuvor auflehnen.

Jeanne d’Arc hat einen festen Willen und wirkt zugleich zerbrechlich – wie Greta. Sie hat eine Mission, an der sie unbedingt festhält – wie Greta. Die Lichtgestalt kommt von außen, scheinbar aus dem Nichts – wie Greta.

Zwangsläufig eine Spielfigur

Damals wie heute funktionieren Leitfiguren aber nicht nur aus sich selbst heraus. Zu ihrem Charisma treten die Projektionen anderer hinzu, die sie benutzen. Mehr als Spielfigur sind sie oftmals nicht. Geradezu zwangsläufig handeln sie nicht nur auf eigene Rechnung und aus eigenem Antrieb, sondern laufen Gefahr, Marionette zu sein, eine Greta als gehypter Umweltstar – nicht viel anders als eine Gewinnerin von Castingshows.

Lichtgestalten strahlen so hell, dass Makel gerne übersehen werden, so auch beim deutschen Gesicht der „Fridays for Future“-Bewegung, Luisa Neubauer. Ein Journalist der „Welt“ wies nach, wie sie bis vor Kurzem ein Selfie nach dem anderen von klimaschädlichen Ski-Urlauben postete, von gedankenlosen Langstreckenflügen um die halbe Welt, von Konferenzen in Kenia und Kanada, von protzenden Touren auf einer Harley. „Langstrecken-Luisa“ löschte rasch die Bilder und bereinigte ihre Vita. Geschadet hat es ihr unter ihren Jüngern nicht.

Als "Langstrecken-Luisa" entlarvte ein Journalist das deutsche Gesicht von Thunbergs Kampagne, Luisa Naubauer. Vor ihrem Engagement für dieses Projekt jette sie um die Welt, pries Motorräder und mochte Ski-Urlaub. Die Freitagsjünger störte es nicht. Foto: Imago/Stefan Müller

Gleichwohl, so sehr junge Leitfrauen bejubelt werden, so sehr werden sie gehasst. Jeanne d’Arc sollte mit finsteren Mächten im Bunde sein. Die Katharer wurden in Massen als Ketzer dahingeschlachtet. Greta Thunberg wird als ferngesteuert hingestellt, ihre Protestaktivität als PR-Kampagne gedeutet. Sind ihre Eltern, im globalen Geschäft von Musik und Kunst zu Hause, nicht auch gewiefte Vermarkter? Hat die Mutter nicht ein Buch über ihr Leben geschrieben, das sich famos verkauft dank der Bekanntheit der Tochter?

Letztlich undemokratisch?

Und doch überwiegt die Bewunderung. Logik kommt dagegen nicht an. Weil Greta so jung sei, habe sie eine größere Legitimation als andere, sich zum Klima zu äußern, heißt es – es betreffe schließlich ihre Zukunft. Wer diesem Argument folgt, muss der Meinung junger Menschen auch in der Renten- und Sozialpolitik, bei Tarifabschlüssen, Infrastrukturinvestitionen, Aufrüstung, letztlich in jedem politischen Feld mehr Bedeutung zumessen als der Ansicht älterer Mitbürger. Eine Stimme gilt mehr als die andere – wer so denkt, folgt der nicht einer in der Konsequenz undemokratischen Argumentation?

"Ich will, dass Ihr in Panik geratet"

Es stören sich auch nur wenige daran, dass Lichtfigur Greta nicht nur Gutes tut, sondern unmittelbar zu Hass anstachelt. „Wir werden sie nicht davonkommen lassen“, rief sie in Hamburg aus, oder zuvor: „Ich will, dass ihr in Panik geratet“, und: „Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten.“

Wer weiß, ob sich nicht bald jemand angestachelt und durch Greta legitimiert sieht, weiter zu gehen, als die Schule zu schwänzen und also andere Gesetze zu bricht im Dienste der guten, der richtigen, der heiligen Sache? Wenn der eine Rechtsbruch gefühlt nicht genügt, um seinen Zielen Nachdruck zu verleihen: Wann werden Steine geworfen?

Rosa Luxemburg, Ulrike Meinhof, Anne Frank

Wieder lassen Frauenfiguren der Geschichte grüßen. Wer zurückblickt, erkennt weitere, die dem Muster der Prophetin entsprechen, mal mehr, mal weniger bekannt, immer aber ungeheuer wirkungsmächtig. Rosa Luxemburg etwa fällt einem ein. Joan Baez, die gegen den Vietnamkrieg ansang, oder die Umweltaktivistin Petra Kelly, ohne die es die Grünen vielleicht nicht gäbe.

Sophie Scholl (Foto), Rosa Luxemburg, aber auch Ulrike Meinhof oder Joan Baez: Politische Frauenfiguren der Geschichte lassen grüßen. Foto: dpa

Sophie Scholl, die als Mitglied der Weißen Rose im Widerstand gegen die mörderischen Nationalsozialisten ein Beispiel an Mut und Integrität gab, kann ebenfalls als Vorbild für die Wirkung gelten, wenn sich Fanal und Fraulichkeit vereinen. Auch die RAF war weiblich dominiert, mit Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin als prominenten Identifikations- und Kristallisationsfiguren. An Anne Frank wäre ebenfalls zu denken, deren Worte nicht zu Lebzeiten wirkten, wohl aber hinterher das Böse des Nazi-Regimes grell enttarnten, indem seine Schergen vor diesem Mädchen nicht haltmachten.

Die junge Frau als Lichtgestalt. Die Welt scheint sie gerade wieder zu brauchen. Zugleich scheint sie wieder missbraucht zu werden. Was kommt nach dem Hype? Greta kann nicht immer Leitfigur bleiben. Pudelmütze und Pappschild werden auf Dauer nicht reichen. Sie muss sich wandeln, wenn sie weiter wirken will. Dazu sollte auch gehören, sich an Regeln zu halten.


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