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Medienkünstler 75 Jahre alt Peter Weibel ist der Schrittmacher der Digitalkultur

Beweger der Medienkunst: Der österreichische Künstler und Direktor des ZKM - Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Peter Weibel, spricht 2017 an der Universität für Angewandte Kunst in Wien (Österreich) bei einer Pressekonferenz zur «Gründung des Peter-Weibel-Forschungsinstitutes für digitale Medienkulturen». Foto: Georg Hochmuth/APA/dpaBeweger der Medienkunst: Der österreichische Künstler und Direktor des ZKM - Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Peter Weibel, spricht 2017 an der Universität für Angewandte Kunst in Wien (Österreich) bei einer Pressekonferenz zur «Gründung des Peter-Weibel-Forschungsinstitutes für digitale Medienkulturen». Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa

Karslruhe. Den ersten PC hat er nicht gebaut, ein Pionier der digitalen Kultur ist er trotzdem: Peter Weibel hat als Prophet einer neuen Bildkultur seine Lebensmission gefunden. Als Leiter wichtiger Festivals und Schulen der Medienkunst schreibt er Kunstgeschichte. Dabei begann seine künstlerische Karriere mit einer Hundeleine.

Ein Mann, ein Fanal: 1968 wettert er vom Podium der Wiener Universität gegen Regierung und Establishment. Die Worte des damals blutjungen Peter Weibel mögen verklungen sein, aber eine Geste blieb im Gedächtnis. Weibel hielt die Rede mit brennendem Handschuh als Zeichen äußerster Entschiedenheit. Als Medienkünstler, Performer, Hochschulleiter, Kurator und einiges andere mehr vereinigt er viele Berufsrollen. Sie alle verschwinden hinter seiner großen Mission: Peter Weibel ist ein Aufrüttler, ein Prophet, ein Mahner im Status der permanenten Dringlichkeit. Am 5. März 2019 wird er 75 Jahre alt.



Kein Ort im Establishment

Soviel flammende Energie entwickelt nur einer, der von außen kommt. Weibel wird 1944 in Odessa geboren, verbringt Jahre in einem Heim, bringt sich alles selbst bei, was er wissen will – Kunst, Philosophie, Sprachen. Weibel hat keinen festen Ort in der etablierten Gesellschaft und ihren kulturellen Hierarchien. Umso leichter startet er auf der Spur neben den starren Rastern durch, avanciert zum zentralen Verkünder digitaler Kultur. Zum Verächter tradierter Kultur wird er deshalb noch lange nicht. Er propagiert das Digitale, führt aber gleichzeitig Listen von Büchern, die er noch lesen möchte.


Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe (Baden-Württemberg) steht 2010 im ZKM in der Installation «Wanderer zwischen den Welten» von Herbert W. Franke. Foto: Uli Deck/dpa


In der Selbstüberholung

Wo Weibel ist, da ist vorn: Dieses Programm leitet den Künstler und Kurator durch Jahrzehnte. Weibel redet in Interviews so pausenlos, als hätte er Angst, seinen selbst gestellten Auftrag zu verfehlen. Seit den Tagen der Revolte von 1968 lebt er im Modus der Selbstüberholung. Weibel hat keine Berührungsangst. Valie Export, eine Klassikerin der feministischen Kunst, führt Weibel an der Leine durch Wien. Der folgt auf allen Vieren, wie ein Hund. Im Video sind heute noch die entgeisterten Reaktionen der Passanten nachzuerleben. Eine Selbstentblößung? Nein, auch die Hundeleine wird bei ihm ein Mittel der Konfrontation mit dem Neuen. Weibel ist nie in Gefahr ein Nostalgiker seiner selbst zu werden. Deshalb bleibt er bei keiner Position stehen, mag sie auch zu ihrer Zeit noch so fortschrittlich erscheinen. Das gilt auch für Aktionskunst und Performance.



Neue Basis der Kunst

Peter Weibel experimentiert früh mit Möglichkeiten des experimentellen Films und des Fernsehens. Er ist kein Garagenbastler wie Steve Jobbs oder Bill Gates. Aber er bereitet den neuen Medien als Theoretiker und Vordenker den Weg. Neue Medien sieht er dabei nicht allein als visuelle Erweiterungen. Er postuliert einen grundsätzlichen Wandel, der mit neuen Medien auch die Künste auf eine veränderte Basis stellt. Weibel hat dabei Kunst und Wissenschaft, Ausdruck und Technik niemals als Gegensätze gesehen, sondern immer konsequent in einem Horizont gedacht und produziert. Hier weiterlesen: Kreativität für die Zukunft - Peter Weibel auf der Frankfurter Buchmesse.



Für digitalen Fortschritt

Das Buch haben wir hinter uns, der PC ist das Werkzeug der neuen Kreativen: Ausgerechnet auf der Frankfurter Buchmesse propagierte Weibel seine Position im Gespräch mit unserer Redaktion. Weibel ist immer auf der Suche nach der nächsten, der noch innovativeren Lösung. Diese Haltung hat ihn für viele Positionen in der Medienkultur qualifiziert. Weibel hat das Institut für neue Medien an der Frankfurter Städelschule aufgebaut, die Linzer Ars Electronica beraten, seit 1999 das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe geleitet. Auch beim Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) ist mehrmals zu Gast gewesen und hat getan, was er vor allem kann – dem digitalen Fortschritt das Wort geredet. 

Engagiert für die Lichtsicht

Dass der Turbo-Nomade bei aller Geschwindigkeit traditionelle Ausstellungsformate nicht vergessen hat, stellt er bei der Lichtsicht-Biennale in Bad Rothenfelde bei Osnabrück unter Beweis. Als Kurator betreut er das inzwischen von Finanzierungsproblemen gebeutelte Format, das riesige Bildprojektionen im öffentlichen Raum zeigt. Ganz normale Videokunst? Nein, die Heraufkunft einer ganz neuen Kunst. Darunter macht es ein Peter Weibel einfach nicht. Hier weiterlesen: Wie geht es weiter mit der Lichtsicht? Geldgeber dringend gesucht.


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