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Fünf Kapitel "100 Jahre Bauhaus" Was hat das Bauhaus zum Mythos der Moderne gemacht?

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Der legendäre Schriftzug und die transparente Glasfassade: Das Gebäude des Bauhauses in Dessau. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpaDer legendäre Schriftzug und die transparente Glasfassade: Das Gebäude des Bauhauses in Dessau. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Osnabrück. 100 Jahre Bauhaus: 2019 wird der Geburtstag der legendären Kunsthochschule gefeiert. Was hat sie zum Inbegriff der Moderne gemacht? Ein revolutionärer Aufbruch und permanente Neuerfindung. Ein Porträt der Ideenschmiede in fünf kurzen Kapiteln.

Mythos Bauhaus - was ist das? Das Bauhaus war eine Hochschule für Kunst, Design und später Architektur, die von 1919 bis 1933 in Weimar, Dessau und Berlin bestand. Soweit die nüchternen Fakten. Aber erst als Ideenfabrik und Kreativlabor avanciert das Bauhaus zu dem Mythos der Moderne. "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau": Der erste Satz des Bauhausmanifestes von 1919 fasst das Geheimnis des Bauhauses zusammen. Die Hochschule bringt Kunst und Handwerk zusammen, definiert damit Gestaltung und künstlerische Ausbildung völlig neu. Die Arbeit läuft interdisziplinär. Diese Haltung ist wichtiger als ein bestimmtes Design. Die Reduktion auf geometrische Grundformen und Primärfarben sorgt allerdings nicht nur für den kantigen Bauhauslook, sie zwingt auch dazu, das Verhältnis von Funktion und Form von Häusern oder Gebrauchsgegenständen neu zu beantworten. Mit seinem revolutionären Geist wird das Bauhaus zum Inbegriff der künstlerischen Moderne und damit zum bis heute lebendigen Mythos. Hier weiterlesen: Das Totale Tanztheater erweckt das Bauhaus in Berlin zu neuem Leben.



Gab es nur ein Bauhaus? Nein, es gab mindestens drei. Die Zeit des Bauhauses teilt sich nach den Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Meyer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) in drei große Phasen. Kunstexperte Wulf Herzogenrath unterscheidet sogar fünf Perioden in der Geschichte der Hochschule. Ob drei oder fünf Abschnitte - das Bauhaus verändert sich im Verlauf seiner Geschichte nachhaltig. Prägt zu Beginn noch der esoterische Johannes Itten, der den Vorkurs als Kunstmönch im Wallegewand leitet, die Hochschule, prägen später eher der betont als Ingenieur auftretende László Moholy-Nagy oder der Architekt Mies van der Rohe. Expressiver Ausdruck gegen sachliche Gestaltung, Selbstverwirklichung gegen Volkswohl, Kunst gegen Design: Diese Gegensätze sorgen für Konflikte am Bauhaus, treiben dessen Entwicklung aber auch stürmisch voran. Am Ende ist das Bauhaus eine Architektur- und Designhochschule mit Nähe zu Industrie und serieller Fertigung. Hier weiterlesen: Lotte am Bauhaus - wie gut ist der Fernsehfilm zum Bauhaus?



Was hat das Bauhaus gebaut? "Der Bauleib soll nackt und strahlend geschaffen werden, ohne Lügen und Verspieltheiten": So beschrieb Walter Gropius seine Auffassung von Architektur. Mit seinem Bauhausgebäude in Dessau setzt er sie 1925 um. Das Gebäude greift wie ein doppeltes L dynamisch aus. Mit seiner vorgehängten Glasfassade scheint es zu schweben. Ein Traum aus Licht und Transparenz, eine gebaute Signatur für das Bauhaus. Wichtig sind aber auch andere Gebäude. Das Haus am Horn etwa, mit dem die Hochschule 1923 in Weimar zum ersten Mal ein sichtbares Statement abgibt, oder die später entstandenen Dessauer Meisterhäuser und die Siedlung in Dessau-Törten. Dazu prägen bis heute produzierte Designklassiker wie Wilhelm Wagenfelds Bauhausleuchte oder Marcel Breuers Wassily-Chair das Bild des Bauhauses. Mindestens ebenso wichtig sind die Experimente mit Licht und Bühne. Vor allem Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett" und der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy öffnen Türen für Performance und Bühnenexperimente, die bis heute nachwirken. Das Bauhaus, das ist mehr als Flachdach und Freischwinger. Hier weiterlesen: Die Kultur der Zwanziger Jahre - Expertin Sabina Becker im Interview.

Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, und Marlis Grönwald, letzte Bewohnerin des Musterhaus "Am Horn", stehen vor dem Gebäude. Das Haus "Am Horn" ist von der Stadt Weimar an die Klassik Stiftung Weimar übergeben worden. Es wurde vom Bauhausmeister Georg Muche entworfen und zur ersten großen Werkschau und Bauhaus-Ausstellung im Jahr 1923 mit der Unterstützung des Architekturbüros von Walter Gropius errichtet. Es zählt seit 1996 zum Unesco-Welterbe. Foto: Martin Schutt/dpa


Wie ging es Frauen am Bauhaus? „ich war durch erziehung, schule und akademieluft geistig und psychisch so verkalkt, daß ich eines sehr lebendigen organismus bedurfte, um mich von dieser steifheit zu befreien. Deshalb kam ich ans bauhaus". So beschreibt Wera Meyer-Waldeck 1928 ihre Erfahrung mit der berühmten Hochschule. Das Bauhaus hat Frauen befreit und zugleich frustriert. Die Hochschule lädt 1919 sowohl junge Männer wie Frauen zum Studium ein - damals revolutionär. Etwas mehr als die Hälfte der Studierenden Frauen sind im ersten Jahr Frauen. Ihr Anteil sinkt kontinuierlich ab. Frauen haben zudem nicht zu allen Werkstätten Zutritt. Metall und Holz für die Männer, Textil für die Frauen: Auch am innovativen Bauhaus wirken Geschlechterklischees. Nur wenige Frauen kämpfen sich zur Bühne oder gar zur Architektur durch. Seit Jahren werden die Frauen des Bauhauses wiederentdeckt. Ise Gropius, die Frau des Direktors Walter Gropius etwa, die mit Texten und Fotos das Bild des Bauhauses prägt. Oder Anni Albers, deren Textilkunst gerade neu entdeckt wird, oder die Architektin Fridl Dicker, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. "wahre gleichberechtigung" gab es vielleicht nicht am Bauhaus. Dennoch hat die Hochschule die Gleichberechtigung gefördert. Immerhin.

Lotte (Alicia von Rittberg) wartet im Meisterhaus in Dessau auf die Ankunft von Paul und ihrer Tochter Marie. Eine Szene aus dem Fernsehfilm "Lotte am Bauhaus". © MDR/UFA Fiction/Stanislav Honzik


Was bringt "Bauhaus 100"? Was bringen große Kulturjubiläen? 2017 ging es um 500 Jahre Reformation, 2018 um den 200. Geburtstag von Karl Marx. Sie sind Beispiele für groß gefeierte Jahrestage. Der Ertrag der Veranstaltungsreihen und oft touristisch inspirierten Marketingkampagnen blieb indes fraglich. Wird es "Bauhaus100" ebenso ergehen? Jeder möchte jedenfalls dabei sein, wenn dieser Mythos der Moderne gefeiert wird. Gleichzeitig verflacht die Idee des Bauhauses zur Werbemarke. Künstler Schorsch Kamerun will das Bauhaus an der Berliner Volksbühne symbolisch beerdigen, um es vor allzu eiliger Vereinnahmung zu schützen. Es muss in der Tat darum gehen, den Blick wieder frei zu machen für die Utopien des Bauhauses, die niemals nur eine Designlinie, sondern immer das Zusammenleben der Menschen selbst ebenso betrafen wie die Rolle der Kunst in der Gesellschaft. Gestaltung für ein neues, vor allem gerechteres und wirklich emanzipiertes Leben - diese Vision des Bauhauses sollte mit neuem Leben erfüllt werden. Wie feiern wir 100 Jahre Bauhaus am besten? Indem wir die Frage nach der Gestaltung unseres Lebens in einem umfassenden Sinn so radikal stellen, wie es die Bauhäusler vor einem Jahrhundert taten. Hier weiterlesen: Mehr als ein Design der klaren Linien - was bringt das Jubiläum "Bauhaus100"?



 


100 Jahre Bauhaus: Buchtipps und Ausstellungen

Was soll man lesen, was sehen, um in Sachen Bauhaus mitreden zu können? Hier die Tipps zu Büchern und Ausstellungen in Niedersachsen, die 2019 zum Jubiläum "Bauhaus100" wichtig sind:

Bauhaus - das Kompendium: Das ist der Lexikonband zum Schauen und Schmökern! Auf über 600 Seiten vereinigt das Buch mit dem lakonischen Titel "Bauhaus" Themen, Werke und Personen des Bauhauses zur großen Überschau. Der Band führt durch die Geschichte der Hochschule, öffnet die Türen zu den Werkstätten und informiert kundig über die gedanklichen Hintergründe des Bauhauses. Dazu gibt es reiches Bildmaterial, dass das Design des Bauhauses ebenso wie das Leben an der Hochschule in Erinnerung ruft. Perfekt! Jeannine Fiedler/Peter Feierabend: Bauhaus. h.f. Ullmann Publishing. 640 Seiten. 49,90 Euro.

Bauhaus - die Ikonen: "50 Bauhaus-Ikonen, die man kennen sollte": Der Band hält, was der Titel verspricht. Das Buch führt Klassiker des Bauhaus-Designs auf, die eigentlich jeder schon einmal gesehen oder gar zu Hause stehen hat. Der Reigen reicht von Marcel Breuers Freischwinger über Wilhelm Wagenfelds Bauhausleuchte bis zum Teekännchen von Marianne Brandt. Jeden Objekt ist eine Doppelseite gewidmet. Auf der einen Seite alle wichtigen Daten und ein Text zum Werk, auf der anderen Seite die Abbildung - so übersichtlich ist der Stoff angeordnet. Informativ! Josef Straßer: 50 Bauhaus-Ikonen, die man kennen sollte. Prestel Verlag. 160 Seiten. 19,95 Euro.

Bauhaus - die neue Sicht: Er räumt mit Klischees und überkommenen Sichweisen auf: Wulf Herzogenrath, der frühere Direktor der Bremer Kunsthalle, macht pünktlich zum Bauhaus-Jubiläum den Blick auf die Hochschule und ihre Geschichte wieder frei. Das Buch mit dem provozierenden Titel "Das bauhaus gibt es nicht" informiert über die Phasen der Bauhausgeschichte, über das alltägliche Leben am Bauhaus und seine spätere Instrumentalisierung im politischen Kampf zwischen Ost und West. Die Beiträge des Bandes sind höchst informativ und zugespitzt gemacht. Wer seinen Blick auf das Bauhaus neu ausrichten möchte, ist hier bestens bedient. Innovativ! Wulf Herzogenrath: Das bauhaus gibt es nicht. Wewerka Archiv. 152 Seiten. 19,90 Euro.

Ausstellung in Osnabrück: "Bauhaustapete - neu aufgerollt", so heißt eine Ausstellung, die am 17. August 2019 im Museumsquartier Osnabrück startet. Die Schau ist mit der Bauhaustapete einem der stilleren Klassiker des Bauhauses gewidmet. Bis heute wird die 1929 konzipierte Tapete bei der Firma Rasch in Bramsche produziert. Die Ausstellung will die Geschichte der Entstehung dieses Klassikers erzählen, das Zusammenspiel der daran beteiligten Akteure aufzeigen und den Ausblick auf moderne Wohnutopien wagen. Bauhaus als Lebensstil - zu erleben in Osnabrück. 

Ausstellung in Oldenburg: „Zwischen Utopie und Anpassung" ist der Titel einer Ausstellung im Landesmuseum Oldenburg, die am 27. April 2019 startet. Im Mittelpunkt stehen die vier Bauhaus-Schüler Hin Bredendieck, Hermann Gautel, Hans Martin Fricke und Karl Schwoon aus Oldenburg und Ostfriesland. Die Ausstellung beschäftige sich explizit auch mit den Beziehungen von Bauhaus-Schülern zum NS-Regime, erklärte das Ministerium in Hannover. Gezeigt werden sollen zudem Werke von Bauhaus-Meistern wie Wassily Kandinsky oder Oskar Schlemmer. 

Ausstellung in Hannover: In der Landeshauptstadt läuft bereits die Ausstellung „Auf dem Weg zum Bauhaus - Das Erwachen der Moderne in Niedersachsen"  im niedersächsischen Landesdenkmalamt eröffnet. „Uns interessiert der Wandel vom Historismus zur Moderne. Wo kommen die Impulse her?", sagt Kurator Reiner Zittlau. Die bis zum 23. Juni laufende Schau soll anschließend auch in Alfeld, Celle und Braunschweig gezeigt werden. (lü/mit dpa)

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