Künstler mit 88 gestorben Robert Ryman machte aus jedem Bild eine Grenzerfahrung

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Der amerikanische Maler Robert Ryman bei der Verleihung des Praemium Imperiale in Tokyo 2005. Foto: AFP PHOTO / Yoshikazu TSUNO (Photo by AFP)Der amerikanische Maler Robert Ryman bei der Verleihung des Praemium Imperiale in Tokyo 2005. Foto: AFP PHOTO / Yoshikazu TSUNO (Photo by AFP)

Osnabrück. Ein Lebenswerk als Sinfonie in Weiß: Robert Rymans weiße Bilder markieren Kunst als Grenzerfahrung. Bevor seine Werke auf der Documenta und der Biennale von Venedig ausgestellt wurden, war Ryman schlichter Museumswärter. Jetzt ist er mit 88 Jahren gestorben.

Weiße Streifen auf einem weißen Bild: Nur wer die Augen ein ganz klein wenig zusammenkneift, kann sie wirklich erkennen. In Yasmina Rezas Erfolgsstück "Kunst" zerstreiten sich die drei Freunde Serge, Yvan und Marc über ein Bild, auf dem es scheinbar nichts zu sehen gibt. Weiße Streifen auf weißem Grund: Dieses Bild aus Rezas Theaterstück hätte in Wirklichkeit Robert Ryman machen können. Der amerikanische Künstler malte sein Lebenswerk als Sinfonie in Weiß. Das Spiel mit hauchfeinen Unterscheidungen war seine Philosophie. Jetzt ist der Künstler mit 88 Jahren gestorben. Hier weiterlesen: Von Moby Dick bis zu den Beatles - die Farbe Weiß im Widerspruch. Ein Essay.

Zuerst ein Museumswärter

Rymans Weg führte zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, nahm mit dem Parcours von Museumswärter zum Starkünstler aber einen ähnlich märchenhaften Verlauf. Dabei hatte der Künstler seinen Sinn für subtile Zwischentöne bereits als Jazzmusiker geschult. Ryman war für die US-Army im Einsatz - als Saxophonist. Zwischen 1953 und 1960 hütete er die Kunstschätze des Museum of Modern Art. Als Aufseher stand er nicht einfach zwischen den Bildern herum. Er muss auch ihren Geist reflektiert und eingeatmet haben, denn mit seinen weißen Bildern markierte er später auf ganz eigene Weise eine Essenz der Kunst der Moderne. Hier weiterlesen: Radikale Leere - das "Weiße Album" der Beatles ist auch ein Kultobjekt.

Radikale Entscheidung

Analytische Malerei, Minimalismus oder einfach L'art pour l'art: Die Etiketten, die Rymans Kunst angeheftet wurden, reichen von der kunsthistorischen Kategorisierung bis zur polemischen Mäkelei. Der Maler traf eine radikale Entscheidung. Sein Weiß in Weiß treibt Kunst als endlose Variation minimaler Differenzen einer Nichtfarbe auf die Spitze ihrer eigentlichen Bestimmung. Gemälde bilden keine externe Wirklichkeit ab, sie präsentieren sich als Gebilde, die nichts als ihre eigene Struktur vorführen. Dieses zentrale Credo der Moderne fand in Robert Ryman einen seiner bestimmtesten Verfechter.

Alles andere als beliebig

Kasimir Malewitsch malte rein weiße Bilder ebenso wie später Robert Rauschenberg oder Agnes Martin. Aber erst der 1930 in Nashville (US-Bundesstaat Tennessee) geborene Ryman bündelte diese Tendenz der Avantgarde zu einem Werk von größter Klarheit. Sicher, die Abstinenz von allen Motiven und Inhalten mussten diesem Ensemble weißer Bilder den Vorwurf überflüssiger Selbstbezüglichkeit eintragen. In Robert Rymans Bildern schien die ganze Gegenwartskunst als vorgebliche Selbstbespiegelung hart an der Grenze zur Scharlatanerie Signet und Summe gefunden zu haben. Dabei demonstrierte Ryman das glatte Gegenteil der Beliebigkeit. Er inszenierte Malerei als strenge Übung für Maler und Betrachter. Hier weiterlesen: Tafeln stiller Meditation - Robert Ryman zum 80. Geburtstag.

Wahrnehmung organisieren

Mit seinen weißen Bildern führte Ryman vor, dass Kunst keine Geschichten erzählt, sondern ihren Betrachtern dabei hilft, mit der Wahrnehmung das eigene Bewusstsein zu organisieren. Rymans Gemälde funktionieren als Anlässe für eine konzentrierte Hingabe, die Struktur und Machart des Kunstwerkes selbst gilt, den feinen Abstufungen des Farbauftrages, dem Bild als eigenständigem Objekt. Dabei geht es für das Publikum weniger um abgehobene Fachsimpelei als um existenzielle Selbstklärung. An diesen Punkt gelangen auch Serge, Yvan und Marc, die Figuren aus Yasmina Rezas "Kunst", als sie das weiße Bild mit den weißen Streifen endlich als Sinnbild ihres Lebens und seiner Verlorenheit begreifen.



Documenta und Biennale

Robert Rymans Kunst hat, beinahe zwangsläufig, höchste Anerkennung erfahren. Der Künstler war zwischen 1972 und 1982 drei Mal auf der Documenta, zwischen 1976 und 2007 vier Mal auf der Biennale von Venedig und von 1977 bis 1995 drei Mal auf der Whitney Biennale vertreten. Der 2005 verliehene Praemium Imperiale markiert die höchste Auszeichnung unter den vielen Preisen, die Ryman erhielt. Jedes Bild ein letzter Beweis: In diesem Sinn betrieb Ryman sein malerisches Werk wie ein unablässig laufendes Experiment. Dabei hielt sich Ryman immer in Grenzbereichen der Kunst auf. Nun hat er den letzten Schritt über eine andere, hauchfeine Grenzlinie getan. 


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