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Katharina Hohmanns "Inventur" 26 Mönche und ihr verlorener Osnabrücker Kirchenschatz

Sie hat den Kirchenraum der ehemaligen Dominikanerkirche neu entdeckt: Katharina Hohmann zeigt ihre "Inventur" Osnabrücks in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert WestdörpSie hat den Kirchenraum der ehemaligen Dominikanerkirche neu entdeckt: Katharina Hohmann zeigt ihre "Inventur" Osnabrücks in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Schatzräuber, vergessene Mönche und eine verbotene Liebelei: Die Künstlerin Katharina Hohmann hat die Geschichte der Osnabrücker Dominikanerkirche aufgearbeitet. Mit ihrer Ausstellung "Inventur" schaut sie in die Vergangenheit. Und lässt neu erscheinen, was auf Nimmerwiedersehen verloren schien.

Vier kleine Schalen, ein Kelch mit Deckel, das Weihrauchgefäß, die große Chorlampe, eine Sonne aus Silber: Die Soldaten nehmen alles mit, insgesamt 578 Gegenstände. Gegen die Truppen Napoleons haben die 26 Aufrechten, die im Osnabrücker Dominikanerkloster als Mönche noch leben, keine Chance. Ihr Schatz wird konfisziert. Ihnen bleibt nichts als eine Aufstellung der Gegenstände, eine Liste des Verlusts. Katharina Hohmann hat die Kostbarkeiten zurückgeholt. Symbolisch zumindest. Die Künstlerin macht "Inventur", so der Titel ihrer Ausstellung in dem heute als Kunsthalle genutzten Kirchenbau, und stellt den Besitz der Mönche wieder aus - in kleinen Aquarellen, die sie nach der Inventarliste gemalt hat. Hier weiterlesen: Im Kirchenschiff rollt die Kugel - Kunsthalle zeigt Christoph Faulhaber.

Sie hat geraubte Kirchengüter in zarte Aquarelle übersetzt: Katharina Hohmann zeigt ihre "Inventur" Osnabrücks in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

Wie auf einer Baustelle

In der Kunsthalle sieht es jetzt auf den ersten Blick wie auf einer Baustelle aus. Katharina Hohmann hat in das 23 Meter hohe Kirchenschiff deckenhohe Gerüste einbauen lassen. Dazu gibt es eine Kasse, die wie die Hütte einer Bauleitung aussieht. An den Wänden lehnen Leitern, auf dem Boden liegen kreisrunde Spiegel. Die Bänke, die der Installationskünstler Michael Beutler in das Kirchenschiff einbaute, stehen nun zusammengeschoben an der Seite. Was wie ein beliebiges Durcheinander wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als genau kalkulierte Raumzeitmaschine, die den Besucher in die Geschichte der 1295 erbauten Klosterkirche entführt, die später als Lazarett, Pferdestall, Kornspeicher und Wohnaus gedient hat, bevor sie 1993 zur Kunsthalle umgewidmet wurde.

Katharina Hohmann zeigt ihre "Inventur" Osnabrücks in der Kunsthalle Osnabrück, auch mit Fotos aus dem Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung. Foto: Gert Westdörp

Besucher in Bewegung

Hohmanns raffinierter Zug: Ihre Installation setzt den Besucher in Bewegung. Der steigt auf das große Gerüst, beugt sich über Spiegel, entdeckt in Wandnischen überraschende Details. Und bemerkt mit der Zeit, dass diese Ausstellung wie eine einzige große Versuchsanordnung funktioniert. Hohmann empfindet mit dem riesigen Gerüst genau jene Geschosse nach, die einst in die Kirche eingebaut waren. Und sie hat die Spiegel so ausgelegt, dass in ihnen Details der Architektur aufscheinen, die ansonsten unbeachtet bleiben. Wer sich über die Spiegel beugt, sieht massive Säulen in scheinbar endloser Verlängerung oder einen Christus, der als Bildmedaillon hoch oben im Kirchengewölbe schwebt. Hier weiterlesen: Klebekunst in der Kirche - die aufregende Installation von Felice Varini in der Kunsthalle.

Katharina Hohmann (links) und Julia Draganovic, Direktorin der Kunsthalle Osnabrück, erläutern das Konzept der Ausstellung "Inventur". Foto: Gert Westdörp

Im Archiv der NOZ

Die Schweizer Künstlerin, die in Berlin und Genf lebt, hat schon vor einem Jahr mit ihrer Arbeit an "Inventur" begonnen. Sie sah sich nicht nur in der ehemaligen Dominikanerkirche um, sie forschte vor allem in Archiven. Wer wusste von den Stelldicheins des Mönchs Johann mit einer gewissen Catharina Sommerkampff vor 386 Jahren, wer davon, dass die Dominikanermönche 1716 einen Mörder bei sich versteckten oder von jenem Osnabrücker Bürger, der dem Kloster sein ganzes Hab und Gut vermachte, nur um in der Apsis der Kirche beigesetzt zu werden? Katharina Hohmann hat vergessene und bizarre Geschichten zutage gefördert. Die Künstlerin hat dafür unter anderem im Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung geforscht. Die riesigen Fotos vom einstigen Aussehen des Baus, die nun in der Ausstellung zu sehen sind, stammen aus der Sammlung der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Verzerrte Perspektive beim Blick in den Spiegel: Katharina Hohmann zeigt ihre "Inventur" Osnabrücks in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

Verdrängte Geschichte

Hohmanns Recherche entspricht einer gut eingeführten künstlerischen Strategie. Klassiker der Kunst des 20. Jahrhunderts wie Marcel Duchamp, Marcel Broodthaers und Christian Boltanski haben Objekte in fiktiven Archiven versammelt und damit Fragen nach dem Kunstwert von Objekten, nach dem Zustandekommen von Museumssammlungen oder nach dem Schicksal von exilierten oder deportierten Menschen aufgeworfen. Die Archive der Künstler entsprechen einem Grundzug der von Kriegen und Völkermorden geschüttelten Moderne - ihrem Bedürfnis nach Gedächtnis, Erinnerung, Aufarbeitung. Katharina Hohmann folgt dieser Traditionslinie. Ihre Inventur meint keine vollständige Erfassung, ihre Bestandsaufnahme gilt dem erstaunlichen, bisweilen auch erschreckenden Detail lang vergessener Geschichte.

Wandel hinter hohen Mauern

Mit dem Kirchenbau setzt die Künstlerin ausgerechnet einen Ort in Bewegung, der mit seiner würdevollen Aura stets der Zeit zu trotzen schien. Nun ist jedoch klar, wie sehr hinter den hohen Mauern der Kirche der Wandel regierte. Mitten im alten Gotteshaus kann einen nun bei diesem Blick in den Abgrund turbulenter Zeiten der Schwindel überkommen. Katharina Hohmann lässt uns nun in alle Winkel der Historie schauen. Und sie macht das ohne falsche Heimattümelei. Ihre Aquarelle von den verlorenen Kirchengütern beeindrucken besonders, weil sie als Galerie der Verlorenheit melancholischen Zauber verströmen. Und die 26 Mönche, denen das alles mal gehört hat? Auch sie tauchen jetzt wieder auf, als winzige Figürchen, die Katharina Hohmann an einem Säulenschaft angebracht hat. Dort harren sie weiter aus. Und sie sind mit einem Mal viel mehr als nur eine Fußnote der Geschichte.

Winzige Mönchsfiguren an der Säule: Katharina Hohmann zeigt ihre "Inventur" Osnabrücks in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück, Kunsthalle: Katharina Hohmann: Inventur. Eröffnung: Sonntag, 10. Februar 2019, 14 Uhr. Bis 7. April 2019. Di., 13-18 Uhr, Mi.- Fr., 11-18 Uhr,  am zweiten Donnerstag im Monat: 11-20 Uhr Sa., So., 10-18 Uhr. Zur Info geht es hier.


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