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Sprachforscher bleiben gelassen Diese sieben Grammatikfehler sind im Deutschen weit verbreitet

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Wer legt bei uns Erwachsenen den Rotstift an? Eine Lehrerin korrigiert Schülerarbeiten. Foto: imago/RitterWer legt bei uns Erwachsenen den Rotstift an? Eine Lehrerin korrigiert Schülerarbeiten. Foto: imago/Ritter

Osnabrück. Vor allem informelle Einträge in sozialen Medien vermitteln den Eindruck: Nicht nur Rechtschreibfehler, sondern auch Grammatikfehler breiten sich aus. Sprachexperten vom Mannheimer Institut für deutsche Sprache und vom Rat für deutsche Rechtschreibung entwarnen: Das möge zwar sein, aber die Kompetenz beim formellen Schreiben habe bisher nicht gelitten. Allerdings werde über Sprach- und Schreibkompetenz mehr geredet als früher.

"Ich habe aufgehört, nicht mehr zu rauchen. Das ist bereits schon mein dritter Versuch". Solche krassen Beispiele für falsches Deutsch hört Ulrich Hermann Waßner in seinem Dienstalltag am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache (IDS) nicht selten. Doch er, der genau wissen müsste, was falsch und richtig ist, bleibt erstaunlich tolerant. Eindeutig falsch, wie im Satz mit dem Rauchen, ist für ihn vor allem das, was missverstanden werden kann. Wie die doppelte Negation, die hier bedeutet: Diese Person raucht wieder. Das "bereits schon" des nächsten Satzes trabt als recht verbreiteter weißer Schimmel durch den deutschen Sprachalltag. Vielleicht im Bemühen, vermutet er, mit dem "bereits" etwas gewählter zu sprechen, ohne das doppelt gemoppelte "schon" zu bemerken. Hier weiterlesen: Verbreitete Rechtschreibfehler.

In vielen Fällen bleibt der Spezialist für Grammatik gelassen. Er setzt auf den Sprachwandel ohne allzu frühe Reglementierung  und glaubt, dass grammatisch falsche, aber gerade "angesagte" Wendungen wie "ich geh' Bahnhof" aus der Rappersprache, "der kann Kanzler", das werbliche "da werden Sie geholfen" in 20 Jahren nicht mehr als lustig empfunden werden und verschwinden. "In 1992" etwa, auch so eine neuere Erscheinung, sei zwar ein Anglizismus, aber laut Duden kein Fehler. "Spaß pur" oder "TV total", dieser modischen Unart, Adjektive hinter statt vor das Substantiv zu stellen, hält er lachend die "Forelle blau" entgegen, die es schließlich schon lange gebe, mehr ältere Beispiele fallen ihm aber spontan nicht ein.

Kann ja mal schiefgehen – oder hat der Platz nicht gereicht? Schalker Fans danken Torwart Manuel Neuer auf einem Transparent Foto: imago/Wienold

Folgende sieben Grammatikfehler werden häufig gemacht: 

1.) Kommasetzung

Zahlreiche Anfragen an das Institut für Deutsche Sprache lassen auf sprachliche Verunsicherung bei der Kommasetzung, Deklination und Konjugation, aber auch bei der Getrennt- und Zusammenschreibung schließen. So folgenreich wie beim berühmten Satz "Hängt ihn nicht, laufen lassen! Hängt ihn, nicht laufen lassen!" wirken sich Zeichenfehler aber nicht jedes Mal aus.

2.) Starke Imperative

Starke Imperative werden seit geraumer Weile auffallend oft schwach gebildet wie "les(e), sprech (e) oder "ess' Dein Brot auf!" statt "lies", "sprich" oder "iss". Auch fehlt immer wieder das nötige Komma vor dem erweiterten Infinitiv. 

3.) Schwache Maskulina

Schwache Maskulina bringen Schreiber (auch Journalisten) ins Schlingern, indem sie sie stark deklinieren: dem/den Intendant, dem/den Prinz, dem/den Präsident statt des Intendanten oder Präsidenten. 

4.) Das Wort "wohlgesinnt"

Das ein klein bisschen altmodische Wort "wohlgesinnt" kommt Manchem spanisch vor und er verschlimmbessert es in bester Absicht mit dem noblerem "wohlgesonnen". Dabei handelt es sich bei gesinnt um ein Adjektiv, denn das Verb wohlsinnen gibt es gar nicht, das stark konjugiert werden könnte. Die vermeintliche Verwandtschaft zu den Perfektpartizipien „ersonnen“ oder „versonnen“ ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie oft Routine der Feind des Wissens ist.

5.) Absolute Adjektive

"Leider in keinster Weise erreichte er den höchst gelegensten Gipfel". Hier weiß eigentlich Jeder, dass absolute Adjektive ("keinster") und Verben ("gelegenster") sich nicht steigern lassen. 

6.) Konjunktiv von "brauchen"

Schwieriger wird es bei "Ich bräuchte mal einen Kaffee für zum Mitnehmen": Das "bräuchte" wirkt ja noch unverdächtig, ist es aber nicht: Dieser Konjunktiv von brauchen existiert nicht. "Für zum" kommt wohl nur mal mündlich vor. 

7.) Das "zu" wird weggelassen

In der Umgangssprache wird das "zu" längst für entbehrlich gehalten: "Du brauchst nicht kommen". Das richtige "Du brauchst nicht zu kommen" klingt förmlicher und stört die Intimität in der Familie oder unter Freunden. 



Mit vielem privatsprachlich Falschem hat Ulrich Waßner kein Problem, solange richtiger geschrieben als gesprochen wird. Den Kulturpessimismus vom sprachlichen Verfall mag er nicht teilen.

Genauso wenig wie Prof. Dr. Angelika Wöllstein, Leiterin der Abteilung Grammatik am Mannheimer Institut. Sie sitzt seit zwei Jahren im Rat für deutsche Rechtschreibung. Querschnittsuntersuchungen in Sachen Schreibkompetenz lieferten keinen Anlass  zur Beunruhigung, was das formelle Schriftdeutsch anbelange, sagt sie im Gespräch. Es werde heute einfach deutlich mehr geschrieben als früher. 

Aus der Flut des eher informellen Schreibens in den sozialen Medien etwa lasse sich keine abnehmende Kompetenz für das formellen Schreiben ableiten. Allerdings hat der Rat wenig Möglichkeiten, informelle Schreibung zu untersuchen: "Internetdaten auswerten darf der Rechtschreibrat nicht", betont Wöllstein. 


Sprache hat mit Identität zu tun: Schlagwortwolke rund um die Sprache. Foto: imago/Chromorange


Schreiben und Sprechen als hohes Gut

Sie glaubt, dass wir einfach mehr über Schreib- und Grammatikfehler sprechen als früher. Schreiben und Sprechen seien ein  hohes Gut, das sehr viel mit der eigenen Identität zu tun habe.  Auch mit Blick auf die sprachlichen Auswirkungen von Migrationsbewegungen sagt Angelika Wöllstein: "Das Thema ist mehr im Bewusstsein". Sie empfiehlt Toleranz gegenüber dem Sprachwandel zu üben, sich aber dennoch bewusst Gedanken über sprachliche Inhalte, Regeln und Normen zu machen.




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