Fotokünstlerin wird 75 Jahre alt Bei Candida Höfer erzählen leere Räume ihre Geschichte

Spezialistin für menschenleere Räume: Die Fotografin Candida Höfer posiert 2013 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) vor ihrem Foto "Deutsche Oper am Rhein" (2012).  Foto: Roland Weihrauch/dpaSpezialistin für menschenleere Räume: Die Fotografin Candida Höfer posiert 2013 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) vor ihrem Foto "Deutsche Oper am Rhein" (2012). Foto: Roland Weihrauch/dpa 

Osnabrück. Es geht auch ohne: Die Fotografin Candida Höfer zeigt leere Räume. Auch wenn der Mensch auf ihren Bildern fehlt - Höfer hat mit ihren Fotos eine Typologie des sozialen Lebens angelegt. Jetzt wird die Forscherin hinter dem Sucher 75 Jahre alt.

Eigentlich ist die Elbphilharmonie immer brechend voll. Candida Höfer zeigt sie auf ihrem Foto von 2016 menschenleer, als Eispalast der Zauberklänge. Kurvige, schneeweiße Ränge, meerblaue Stuhlreihen, darüber ein glitzerndes Deckensegel: In der unterkühlten Optik dieses Fotos erweist sich die damals gerade eröffnete Philharmonie als Signet der Leuchtturm- und Eventkultur. Candida Höfer bildet nicht nur einen leeren Raum ab, sie porträtiert mit dem Prachtsaal eigentlich die Gesellschaft, die ihn zu ihrer Selbstdarstellung geschaffen hat.



Fingerabdruck der Kultur

Leere Repräsentationsräume sind ihr Markenzeichen: Die Fotografin Candida Höfer, die am Montag, 4. Februar 2019, 75 Jahre alt wird, fotografiert Museumssäle, Depots, Leseräume, Foyers oder Konzernentrees in nüchterner Frontalität, in Schönheit oder Tristesse erstarrt. Der Mensch fehlt auf diesen Bildern und ist zugleich doch immer anwesend. Denn für ihn sind diese Säle, Zimmer, Lobbys, Lager, Zuschauerräume gemacht. Ganz gleich, ob sie bergen oder beeindrucken, zu Konzentration oder Zerstreuung laden - Höfers Räume wirken wie Fingerabdrücke einer Kultur und ihrer Machtverhältnisse.

Das Foto "Fenster Düsseldorf, 1976" von Candida Höfer hängt 2013 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Foto: Martin Gerten/dpa


Tochter von Werner Höfer

Candida Höfer kam 1944 in Eberswalde als Tochter des Journalisten Werner Höfer zu Welt, der mit seinem "Internationalen Frühschoppen", dem Vorläufer des "Pressecubs" der ARD Fernsehgeschichte geschrieben hat. Auch seine Tochter Candida avancierte in ihrem Metier zur Pionierin, als sie nach frühen Ausbildungsstationen ab 1976 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Bernd Becher Fotografie studierte. Bernd und seine Frau Hilla Becher bildeten eine ganze Generation neuer Fotostars wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Ruff oder eben Candida Höfer aus, die als "Becher-Schule" in die zeitgenössische Kunstgeschichte einging.



Fotos von Migranten

Im Windschatten der ironisch so genannten Trias "Struffsky" spielte Höfer ihren leisen Part. Mit ihren Fotografien von türkischen Migranten versuchte sie sich 1979 zunächst als engagierte Dokumentaristin nahe am Zeitgeist. Anders als Herlinde Koelbl wandte sich Höfer aber nicht dem Porträt zu. Sie war es früh leid, Menschen allzu nah auf den Leib zu rücken. Also verbannte sie ihn ganz aus ihren Bildern. Wie ihre Lehrer Bernd und Hilla Becher porträtierte sie keine Gesichter mehr, sondern Gebäude oder Räume. Auch auf deren Antlitz fand sie die Spur des vitalen, vor allem sozialen Lebens. Ihre Fotos gruppieren sich zu einer kulturellen Typologie. 

Candida Höfer 2017 in Buenos Aires. Foto: Enruique Cabrera/telam/dpa


In der Konzernzentrale

Repräsentieren, versammeln, speichern: Das sind die Grundfunktionen der Räume, die Höfer ins Bild gebracht hat. Sie führte die Entrees und Gänge des Düsseldorfer Dreischeibenhauses, der ehemaligen Thyssen-Zentrale, als Ausdruck der Repräsentationskultur des selbstzufriedenen Wirtschaftswunders vor, lichtete das Grafische Kabinett der Bremer Kunsthalle als Musterbeispiel eines Speichers erlesener Kunstschätze ab. Immer spiegelt sich in ihren Raumporträts jene Werteskala, die der Hochkultur des analogen Zeitalters den Stempel aufgedrückt hat. Aber ist deren Geltung nicht längst erodiert?



Zonen des Transfers

Nicht ganz, wie Höfers aktuelle Fotos der Hamburger Elbphilharmonie belegen. Die Fotografin markiert mit ihren Bildern gleichwohl die Grenze zwischen den Kulturepochen. Die digitale Ära hat andere, vor allem unbestimmtere Räume entstehen lassen. An die Stelle der Repräsentationspaläste mit all ihrer statischen Bedeutung sind längst Lounges, Boutiquehotels, Shops oder chillige Clubs getreten, Transferzonen fluider kultureller Zeichen. 

Die Fotos "Dreischeibenhaus" (2011) der Fotografin Candida Höfer schaut sich 2013 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) eine Fachbesucherin an. Foto: Roland Weihrauch/dpa


Auf der Documenta

Wie sich auch die ins Bild bringen lassen, demonstrierte Höfer mit ihren Porträts der weltweit aufgestellten Versionen der "Bürger von Calais". Ihre Fotos von Auguste Rodins berühmter Skulpturengruppe sorgten auf der Documenta 11 von 2002  und ein Jahr später bei der Biennale von Venedig für Furore. Mit diesen viel beachteten Auftritten begann Candida Höfers internationale Geltung. Sie hält bis heute an. Candida Höfer ist ein Gesicht der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie - und das mit Bildern, auf denen der Mensch fehlt.



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