Leiter Dieter Kosslick zum Programm Berlinale 2019: Netflix-Premiere und Gratis-Karten für die AfD

Berlinale 2019: Dieter Kosslick verabschiedet sich mit politischen Seitenhieben als Festivalchef. Foto: Tobias Schwarz/AFPBerlinale 2019: Dieter Kosslick verabschiedet sich mit politischen Seitenhieben als Festivalchef. Foto: Tobias Schwarz/AFP

Berlin. Kosslick stellt die Berlinale 2019 vor, spricht über Netflix und Nixon – und lädt die AfD in eine Holocaust-Doku ein.

Zum 18. und letzten Mal leitet Dieter Kosslick die Berlinale; zum Abschied umgibt er sich mit alten Bekannten: Juliette Binoche, Silberner Bär für „Der Englische Patient“ (1996), wird Präsidentin einer Jury, zu der auch Sandra Hüller gehört – die wurde 2006 für „Requiem“ ausgezeichnet. Das Großstadt-Drama „The Kindness of Strangers“, mit dem das Festival am 7. Februar startet, stammt von Lone Scherfig. Die Dänin startete ihre internationale Karriere einst mit dem Berlinale-Erfolg „Italienisch für Anfänger“ (2000).

Auch Fatih Akin, der seinen Globe-Sieger „Aus dem Nichts“ noch in Cannes gezeigt hatte, kehrt zurück und zeigt „Der Goldene Handschuh“ auf dem Festival, das ihn vor 15 Jahren berühmt machte. Nach einem Roman von Heinz Strunk erzählt er vom Serienmörder Fritz Honka. Weitere Höhepunkte des Wettbewerbs sind Ozons „Grâce à Dieu“, ein Drama über Kindesmissbrauch durch Priester, und Agnieszka Hollands Stalinismus-Thriller „Mr. Jones“. Im der Special-Reihe ist eine Doku über die Toten Hosen zu sehen. Die Musiker kommen.

Premiere: Netflix im Berlinale-Wettbewerb

Diskutiert wird schon jetzt über Isabel Coixets „Elisa & Marcela“, und das nicht wegen der lesbischen Liebesgeschichte, sondern weil Netflix dahintersteht. Zum ersten Mal zeigt der Streamingdienst einen Film im Berlinale-Wettbewerb – eine umstrittene Entscheidung, weil der Anbieter sein Programm regelmäßig am Kino vorbei präsentiert. Kosslick spricht dazu vom Umbruch im audiovisuellen Bereich. Er selbst, sagt er, glaube an eine Ko-Existenz von Kino und Internet, die Berlinale bleibe dem Kulturort Kino verpflichtet und im Falle von Coixet habe er eine schriftliche Zusicherung: Zumindest in Spanien wird der Film auch auf der Leinwand ausgewertet.

Und die Politik? Vor zwei Jahren weigerte Kosslick sich noch, den Namen Trump auch nur auszusprechen; diesmal fällt er ihm zunächst nicht ein, als er über zum politischen Schwerpunkt kommt, dem Markenzeichen der Berlinale. Immer wieder blickt das diesjährige Programm direkt ins Weiße Haus. Prominentester Beitrag zum Thema ist Adam McKays Oscar-Anwärter „Vice“, in dem Christian Bale den einstigen US-Vizepräsidenten Dick Cheney porträtiert – er läuft im Wettbewerb, wenn auch außer Konkurrenz. Als Special ist zudem die mehr als vierstündige Nixon-Doku „Watergate“ zu sehen; ihr Untertitel kündigt einen Bericht darüber an, „wie wir gelernt haben, einen außer Kontrolle geratenen Präsidenten zu stoppen“. Kosslick lässt die Aktualität der Frage durchblicken.

Freier Eintritt für die AfD

Auch innenpolitisch bezieht der Festival-Direktor Stellung, zum Beispiel indem er kurzfristig einen Programmplatz für „Who Will Write Our History“ geschaffen hat; Roberta Grossmanns Doku handelt vom Warschauer Ghetto. Ausdrücklich lädt Kosslick, der der Film schon am Holocaust-Gedenktag präsentiert hatte, die AfD-Parlamentarier in die Vorstellung ein. Den Eintritt will er ihnen persönlich erstatten, und das obwohl die Ticketpreise in diesem Jahr erhöht werden: „Wenn sie danach noch sagen, das ist ein Fliegenschiss der Geschichte, soll jemand anderes einschreiten.“

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