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"Blutsbrüder" im Museumsquartier Osnabrück zeigt Karl Mays Wilden Westen mit Zinnfiguren

Spannende Szene nach Karl May: In diesem Diorama ist der Indianerüberfall auf eine Postkutsche mit Spielzeugfiguren nachgestellt. Foto: Gert WestdörpSpannende Szene nach Karl May: In diesem Diorama ist der Indianerüberfall auf eine Postkutsche mit Spielzeugfiguren nachgestellt. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Old Shatterhand als Gartenzwerg? Macht nichts. Der Mythos Karl May lebt, erst recht in der Populärkultur. Das Osnabrücker Museumsquartier breitet die Traumwelten des Abenteuerschriftstellers aus - stilecht mit Bär und Bison und einem Indianergewand, das sich im Museumskeller fand.

Auch große Träume haben Platz in der kleinsten Schachtel. Zwei winzige Figuren, dazu ein Blättchen Papier mit einem Bild des Indianerpueblos als Hintergrund - fertig sind Winnetou und Old Shatterhand, die sich in der Weite des Wilden Westens als Blutsbrüder ewige Treue schwören. Wer dem erhabenen Moment beiwohnen möchte, muss im Osnabrücker Kulturgeschichtlichen Museum vor einer Vitrine in die Knie gehen. Hinter einem Glasfenster sind sie zu sehen, die Karl May-Darstellungen in der Streichholzschachtel. Die kleinen Metallfiguren gehören zur Ausstellung "Blutsbrüder", mit der Karl May und seine Welt nun im Museumsquartier gefeiert werden. Hier weiterlesen: Popstar im Wilden Westen? Neue Perspektiven auf Karl May und sein Werk.

Die präparierten Bisons flankieren das Entree der Karl May-Ausstellung. Foto: Gert Westdörp

Macht der Mythen

Die Figürchen kommen aus der Spielzeugwelt, zeigen aber zugleich mit Macht der Mythen, die Karl May mit seinen Abenteuerromanen rund um Old Shatterhand, Winnetou und all die anderen Westernhelden nicht nur in die Welt setzte, sondern vor allem in das kollektive Gedächtnis pflanzte. In Osnabrück haben Kurator Thorsten Heese und Kunstwissenschaftler Andreas Brenne das Programm einer Ausstellung zusammengestellt, die das Phänomen Karl May aus mehreren Richtungen gleichzeitig angehen möchte. Ob Karl May als Millionenseller, als Phänomen der Populärkultur oder als Stoff für den kulturwissenschaftlich inspirierten Blick auf das Fremde - die Macher bürden dieser Präsentation wie einem Packpferd im Siedlertreck eine gehörige Last auf.

Kampf um die Wagenburg: In Schaukästen haben Karl May-Fans die Abenteuer des Wilden Westens mit Zinnfiguren nachempfunden. Foto: Gert Westdörp

Mit Lust am Detail

Entsprechend schwankt bisweilen der Fokus der Schau als hätte Shatterhands immer ein wenig beschwipst wirkender Freund und Gefährte Sam Hawkins über Kimme und Korn gezielt. Zur ganz tiefgehenden Spurensuche reicht auch der begrenzte Materialbestand dieser Ausstellung einfach nicht aus. Ein Vergnügen ist sie dennoch, denn die Macher breiten den Stoff mit spürbarer Lust am populärkulturellen Detail aus. Wer sich an seine eigenen Begegnungen mit Karl May erinnern, noch einmal in die Welt seiner Bücher und der mit Lex Barker und Pierre Brice in den Hauptrollen gedrehten Filmklassiker eintauchen will, der ist im Osnabrücker Museumsquartier bestens aufgehoben. Hier weiterlesen: Mit Winnetous Perücke - Der Nachlass von Pierre Brice wird versteigert.

Kurator Thorsten Heese präsentiert Nachbauten von Winnetous Silberbüchse in der Ausstellung im Museumsquartier Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

Mit Bär und Bison

Schon das Entree gelingt stimmungsvoll. Zwischen den Präparaten eines Grizzlybären und einer Gruppe Bisons hindurch geht es in die Ausstellung, die mit dem originalen Zeremonialgewand eines Indianers aus der Zeit um 1840 und der Federhaube eines Häuptlings als Prunkstücken unter den Exponaten aufwartet. Das Indianergewand fand sich sogar im Depot des Osnabrücker Museumsquartiers. Erstaunlich, welche selten präsentierte Schätze dieses Haus offenbar birgt. Ein Kaufmann brachte die Kleidungsstücke aus Amerika zurück in seine Heimatstadt. Solche Exponate illustrieren den Hintergrund der Abenteuergeschichten Karl Mays. Das reale Elend der Ureinwohner Amerikas kommt nur mit einem Foto von Opfern des Massakers vom Wounded Knee in den Blick, bei dem 1890 hunderte Indianer von Soldaten umgebracht wurden.

Das Indianergewand fand sich sogar im Museumsbestand des Osnabrücker Hauses. Kurator Thorsten Heese drapiert den passenden Federschmuck dazu. Foto: Gert Westdörp

Wilder Westen im Setzkasten

Solche Verweise in die Geschichte der Indianer bleiben im Museumsquartier Randerscheinungen. Die Schau hat dort ihr Zentrum und ihr Verdienst, wo es darum geht, das Werk Karl Mays als Klassiker der Populärkultur aufzuarbeiten. Vor allem die Dioramen aus dem Bestand eines Privatsammlers lohnen das genaue Hinsehen. In kleinen Schaukästen sind hier Szenen aus dem Wilden Westen mit Zinnfiguren nachgestellt. Ob reitende Kavalleristen, Indianer auf dem Kriegspfad oder Cowboys - die Dioramen erweisen sich als kleine Sehnsuchtswelten eines Lebens voller Abenteuer. Die Zinnfiguren sind detailverliebt gemacht, einige sogar mit geschickten perspektivischen Verkürzungen. Sehenswert.

Winnetou aus der Bravo

Die Kuratoren falten jene imaginäre Welt auf, die Karl May mit seinen Figuren und ihren Abenteuern bevölkerte. Der Reigen der Exponate reicht von den Schaukästen mit ihren Figürchen bis hin zur Winnetou-Figur als Starschnitt der Jugendzeitschrift Bravo und einem Old Shatterhand als Gartenzwerg. Populärkultur ist bildmächtig, aber nicht immer geschmackssicher. Das belegt auch das Beispiel Karl May. Der Rundgang endet in Osnabrück nicht nur mit einer Leseecke und einem Stapel Kar May-Schmöker, sondern auch einem "Blutsbrüder-Wein", den das rheinhessische Weingut Karl May auflegt. Wer bei so viel sehr wildem Westen klaren Kopf behalten möchte, dem sei das reichhaltige Begleitprogramm mit Vorträgen, Filmen und Musik zur Ausstellung wärmstens empfohlen.

Osnabrück, Museumsquartier: Blutsbrüder. Der Mythos Karl May in Dioramen. Eröffnung: Freitag, 25. Januar 2019, 19 Uhr. Bis 2. Juni 2019. Di.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. Zur Information zur Ausstellung geht es hier.


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