zuletzt aktualisiert vor

Ausstellung zu Karl May in Osnabrück Der erste Pop Star kam aus dem Wilden Westen

Der Autor ist sein eigener Held: Karl May posiert 1896 auf einem Bild der Kostümfotoreihe als Old Shatterhand. Foto: Max Welte, Quelle WikipediaDer Autor ist sein eigener Held: Karl May posiert 1896 auf einem Bild der Kostümfotoreihe als Old Shatterhand. Foto: Max Welte, Quelle Wikipedia 

Osnabrück. Karl May ein Popstar? Der Erfinder von legendären Figuren wie Winnetou und Old Shatterhand wird heute neu entdeckt als genialer Mythenerfinder und universeller Friedensbotschafter. Keine Spur mehr von der Verachtung des vermeintlichen Trivialschriftstellers Karl May. Aber werden seine Abenteuerromane noch gelesen?

Er fabulierte vom Wilden Westen, ohne ein einziges Mal in Amerika gewesen zu sein, posierte auf Fotos im Trapperkostüm und residierte in der Villa Shatterhand im sächsischen Radebeul: Karl May gilt als größter Aufschneider unter den deutschen Autoren. Als Dieb und Hochstapler war er schlecht beleumundet, als angeblicher Trivialschriftsteller ist er es noch. Viel gelesen, noch viel mehr gescholten: Die Figur Karl Mays kommt aus dem Wechselbad der Wertungen nicht heraus. Oder doch? "Wir müssen Karl May ganz anders sehen, vor allem viel positiver", sagt May-Experte Andreas Brenne. Und er ist mit seinem Votum nicht allein. Hier weiterlesen: Winnetou im Museum - Osnabrück zeigt die Welt von Karl May.


Ausstellung in Osnabrück

  • Name: Blutsbrüder. Der Mythos Karl May in Dioramen.
  • Ort: Osnabrück, Museumsquartier
  • Zeitraum: 26. Januar bis 2. Juni 2019
  • Öffnungszeiten: Di.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr
  • Weitere Informationen




Vom Lügenbaron zur Leitfigur

Erlösung also für den jenen Karl May, der mit Old Shatterhand und Winnetou von unverbrüchlicher Freundschaft und in späten Büchern wie "Ardistan und Dschinnistan" vom Völkerfrieden träumte? Andreas Brenne, Professor an der Universität Osnabrück und Mitglied der Karl May-Gesellschaft, schreibt den Indianergeschichten und Orientabenteuern seines literarischen Idols "emanzipatorisches Potenzial" zu. Auch Ulf Abraham, Literaturdidaktiker von der Universität Bamberg fordert, endlich "einen anderen Blick auf Karl Mays Texte zu werfen". Karl May als Friedensstifter, Kulturbotschafter, Mythenerfinder und erster Popstar - der Autor macht gerade eine rasante Karriere vom literarischen Lügenbaron zur Leitfigur der Postmoderne durch.

Legendäre Waffen von Karl Mays Helden: Kurator Thorsten Heese präsentiert im Museumsquartier Osnabrück zur Karl May-Ausstellung Winnetous Silberstutzen und Old Shatterhands Henrystutzen. Foto: Gert Westdörp


Einzug in die Popkultur

Es scheint jedenfalls kaum eine kulturelle Rolle zu geben, die Karl May inzwischen nicht zugetraut wird. Den "Einzug in die Popkultur" hat er schon mühelos geschafft. Andreas Brenne sieht in Mays Kostümauftritten den Popstar konfiguriert, der mitten im wilhelminischen Zeitalter bereits so virtuos mit Identitäten jongliert wie Madonna oder Lady Gaga heute. Karl May ist der Mann des freien Selbstentwurfes. Brenne: "Die Trennung von Leben und Werk ist bei ihm bereits aufgehoben". Kunst erweitert das prosaische Alltagsleben um die Dimensionen von Freiheit und Abenteuer. May lebte vor, was seine Leser bis heute genießen - als Flucht in fiktive und damit sehr ferne Welten. Hier weiterlesen: Winnetou I - das bessere Amerika liegt im Sauerland.


Mit historischen Dioramen werden in der Ausstellung "Der Mythos Karl May" im Museumsquartier Osnabrück Szenen aus dem Wilden Westen präsentiert. Foto: Gert Westdörp


Kein bisschen trivial

Der Vorwurf der Hochstapelei gegen den Autor wirkt aus heutiger Sicht ebenso bigott wie die Mäkelei über die angebliche Trivialität seiner literarischen Texte. "Karl May galt als trivial. Das ist aber lange überwunden", sagt Bernhard Schmid. Kein Wunder. Als Chef des Karl-May-Verlages, in dem die berühmten Bücher mit den grünen Einbänden erscheinen, muss er das wohl auch. Aber Literaturwissenschaftler pflichten ihm bei. Der Vorwurf des Trivialen sei eher ein "sehr deutsches Problem", sagt Volker Neuhaus von der Universität Köln. "Karl May hat Mythen gestiftet", konstatiert der Literaturwissenschaftler und stellt Gestalten wie Old Shatterhand neben Shakespeares Hamlet oder die Meisterdetektive Sherlock Holmes und Kommissar Maigret. Karl Mays Gestalten führen wie Homers Odysseus längst ein Leben außerhalb der Bücher - für Neuhaus ein Ausweis großer künstlerischer Qualität, ja Einmaligkeit.

Bis heute Bestseller der Abenteuerliteratur: Die Winnetou-Romane von Karl May, präsentiert in der Ausstellung "Der Mythos Karl May" im Museumsquartier Osnabrück, Foto: Gert Westdörp


Schnelle Superhelden

"Karl May ist einer der ganz großen Erzähler der Weltliteratur", stellt ihn Neuhaus oben auf das Podest des literarischen Kanons. Das will etwas heißen, denn Literaturprofessor Neuhaus forscht vor allem zu Größen der Literaturgeschichte wie Günter Grass. Mit den Figuren Old Shatterhand und Winnetou hat Karl May nach Einschätzung von Volker Neuhaus vor allem Helden mit klarem Image geschaffen. Aus heutiger Sicht erscheinen sie wie die Vorläufer von Transformern oder Superhelden aus dem Kosmos der Marvel-Comics. Wirken pfeilschnelle Pferde wie Winnetous Iltschi und Shatterhands Hatatitla oder unfehlbare Waffen wie Silberbüchse und Henrystutzen nicht als Körperverlängerungen, die titanische Kräfte und Möglichkeiten verleihen? Karl May träumte seine Heldenträume in einer Zeit, die von Friedrich Nietzsches Konzept des Übermenschen fasziniert war.



Kompetenz für Kulturen

Bis zum Übermenschen will Ulf Abraham bei Karl May nicht gehen. Für ihn loten seine Bücher gerade die Möglichkeiten des Menschlichen aus. "Wie verhalten sich Menschen in extremen Situationen? Darum geht es in den Geschichten Mays", sagt der Bamberger Professor. Karl May bereite mit seinen bildstarken Erzählungen  die Welt des Kinos vor, sagt Abraham und verweist dann noch auf einen anderen Aspekt im Werk des Autors, der ihn unerwartet aktuell erscheinen lässt. "Karl May hat daran geglaubt, dass es Menschen möglich ist, friedliche Gemeinschaften zu bilden", sagt Abraham, feiert seine Romanhelden für ihre interkulturelle Kompetenz und fügt an: "Die Helden zeigen, dass man mit dieser Kompetenz alle Schwierigkeiten überwinden kann. Das hat etwas Fortschrittliches".

Die Museumsmitarbeiter Claudia Drecksträter und Thorsten Heese packen ein Exponat in der Ausstellung "Der Mythos Karl May" im Museumsquartier Osnabrück aus. Das Präparat des Grizzlybären wird in der Schau gezeigt. Foto: Gert Westdörp


Bilder des Orients

Aber gibt es nicht auch rassistische Bilder in Karl Mays Romanen? Ja, sagt Andreas Brenne, verweist aber darauf, dass May auch den sensiblen Blick auf fremde Kulturen geworfen habe. Heute seien die Vorstellungen des Orients von Bildern des Terrorismus und der "stereotypen Abwehr" von Flüchtlingen gekennzeichnet, meint Brenne. Karl May sieht er als Autor, der den freien Blick auf das Fremde richtet. Seine Helden kennen sich in jeder Kultur aus. Das macht sie in den Augen Brennes so faszinierend. May habe "fremde Völker eher positiv dargestellt", sagt auch Bernhard Schmid und betont Mays Hoffnung, alle Konflikte mögen friedlich zu lösen sein. Hier weiterlesen: Von Fantasie zu Fantasy - vor 175 Jahren wurde Karl May geboren.



Immer weniger Leser?

Aber wen erreichen die Bücher Karl Mays mit ihren Friedensutopien noch? May sei der "meistgelesene Schriftsteller der deutschen Sprache", unterstreicht Bernhard Schmid. Der Chef des Karl-May-Verlages muss aber einräumen, dass die Leserschaft dieses Bestsellerautors abnimmt. Früher seien Bücher Karl Mays oft verschenkt worden. Das gebe es immer seltener, sagt Schmid, der zugleich beklagt, dass die grünen Karl May-Bände immer weniger in den Buchhandlungen zu finden seien. Ist der Leserschwund also jene Gefahr, der selbst Helden wie Old Shatterhand und Winnetou unterliegen müssen? Volker Neuhaus konstatiert den "Verfall der Lesekultur bei Jugendlichen". Womöglich kommt die Renaissance von Karl May und seinen Romanen schlicht zu spät. Heiliger Henrystutzen!


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN