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Premiere im Theater am Domhof Osnabrücker Publikum feiert "Tosca" mit Lina Liu und Ricardo Tamura

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Osnabrück. Musikalisch war es ein Hochgenuss, die Inszenierung war ordentlich: Mit Giacomo Puccinis "Tosca" ist dem Theater Osnabrück ist ein Opernerfolg gelungen.

Den ersten Szenenapplaus erhält Ricardo Tamura, da hat er kaum seine Garderobe verlassen. Er besingt da als Maler Mario Cavaradossi die Augen seiner Geliebten, der Sängerin Floria Tosca, die er in einem Madonnenbild verewigt hat. Selbstbewusstsein klingt da aus Tamuras Stimme, Klarheit, Kraft, gegossen in elegante Bronzetöne. Dem Künstler und Freigeist Cavaradossi steht das hervorragend.

Mit Giacomo Puccinis Opernthriller „Tosca“setzt das Musiktheater in Osnabrück eine Reihe mit Werken fort, denen neben aller Opernhaftigkeit eine – mehr oder weniger ausgeprägte – politische Dimension innewohnt. Das gilt für Beethovens „Fidelio“, wenngleich da Regisseurin Yona Kim sich in dem Versuch vergaloppiert hat, Beethovens aufklärerischer Utopie ein Beziehungsdrama überzustülpen. Auch im „Bettelstudent“ klingt – in aller Operettenhaftigkeit – eine politische Note an: Ähnlich dem „Fidelio“ zerschlägt ein Heer von Außen den gordischen Handlungsknoten.

„Tosca“ spielt nun ebenfalls vor einem politischen Hintergrund. Dabei könnte sich aus dem anfänglichen Zwiegespräch zwischen der Operndiva Tosca und dem Maler Cavaradossi eine herrliche Screwball-Komödie entwickeln. Das betont Regisseurin Mascha Pörzgen mit kleinen Pointen: Der Schluckauf, mit dem ein Mesner (Genadijus Bergorulko) durch die Kirche schlurft zählt dazu. Vor allem aber zeichnet sie Floria Tosca als impulsive und vor allem rasend eifersüchtige Frau. Lina Liu kehrt stimmlich die emotionale Seite heraus, Gestik und Mimik aber betonen die komödiantische Seite der Eifersucht. Kopftuch, Sonnenbrille und das Grün in Grün von Hose und Trenchcoat (Ausstattung: Frank Fellmann) machen aus ihr eine Operndiva wie aus dem Bella-Italia-Bilderbuch.

Allerdings steht die Oper unter anderen Vorzeichen. Drei Eröffnungsakkorde klingen, als würde einen jamand brutal bei den Haaren packen und zu Boden reißen. Genau das passiert: Der Polizeichef Scarpia nutzt Toscas Eifersucht, um Cavaradossi festzusetzen und zu foltern. Um Politik geht es da nur vordergründig; in Wahrheit geht es um sexuelle Macht: Scarpia foldert Cavaradossi, um von Tosca Sex zu erpressen.

Pörzgen aktualisiert diese Geschichte mit vorsichtiger Hand: Der entflohene Polithäftling Angelotti (mit sattem Bass: José Galisa) trägt ein oranges Guantanamo-Häftlingshemd; schwarze Uniformen schlagen die Brücke zum Faschismus, ebenso eine Kirchenszene mit Chor – dank Chordirektor Sierd Quarré entwickelt er überwältigende Klangfülle –, in der ein Bischof Maschinenpistolen segntet. Das fügt sich stimmig in die Geschichte; weniger schön nehmen sich hingegen Leerstellen im Ablauf auf der Bühne aus aus, wenn etwa Scarpia seinen Untergebenen Spoletta (Mark Hamman) anweist, Tosca verfolgen zu lassen: Da hat sie den Kirchenraum längst verlassen, den Frank Fellmann auf die Bühne gebaut hat.

Andererseits lässt die diskrete Regie Raum für die Musik. Das Osnabrücker Symphonieorchester unter Andreas Hotz spielt süffig und glutvoll im Geist des Komponisten. Denn Puccini hat Theatermusik im besten Sinn geschrieben: Bei aller Präzision zielt sie weniger auf den Intellekt ab als darauf, emotional zu überwältigen. Und das gelingt dem Orchester vortrefflich.

Gleichzeitig stützen Dirigent und Orchester den Gesang, der an diesem ABend vortreffliche zur Geltung kommt. Rhys Jenkins' Polizeichef Scarpia verfügt über dämonische Einfühlsamkeit: Schmeichelnd setzt er Tosca den Floh der Eifersucht ins Ohr, brutal übergibt er Cavaradossi der Folter, gehässig verhandelt er mit Tosca. Das Beste: Jenkins singt das alles mit Bravour.

In der Titelrolle aber läuft Lina Liu zu großer Form auf: Bei ihr werden die emotionalen Aggregatzustände hörbar, in die Eifersucht, Liebe zu Cavaradossi und Verzweiflung Tosca stürzen. Ihre große Arie „Vissi d'arte“ (Ich lebe für die Kunst) bringt Lius Qualitäten zur Geltung: Da fehlt vielleicht das letzte Quäntchen an italienischem Opernschmelz, aber die Linienführung ist perfekt, jeder Ton sitzt, die Höhe leuchtet warm – dafür gibt es zu recht begeisterten Szenenapplaus.

Den zollt das Publikum auch Ricardo Tamura mehrfach. Nach seinem Engagement in Osnabrück hat er international Karriere gemacht, Engagements an der New Yorker Met inclusive. Auch dort hat er den Cavaradossi gesungen, und wie sehr ihm die Partie liegt, belegt er mit der Arie im dritten Akt. Er besingt hier noch einmal Toscas sternenleuchtende Augen – mit zartem Piano, das sich zum Forte öffnet und über dem Orchester strahlt, mit Bögen intensiver Spannung – Tamura ist ein Grund, diese „Tosca“ zu besuchen. Aber nicht der einzige.


Die nächsten Aufführungen:

30. Januar, 8. und 19. Februar. Kartentelefon: 0541/7600076. Onine: hier klicken

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